Die Euro-Schuldenkrise und die Rolle des Finanzsektors
Die Gründe für die aktuellen Probleme einiger Euro-Staaten an den Kapitalmärkten sind von Land zu Land verschieden. Den Vertrauensverlust bei Investoren verursachte im Fall Griechenlands vor allem eine über Jahre unsolide Haushaltspolitik. In Irland war es dagegen eine Kreditblase, die zu einem überdimensionierten Finanzsektor führte, analysiert Jan Schildbach von Deutsche Bank Research.
Die Gründe für die aktuellen Probleme einiger Euro-Staaten an den Kapitalmärkten sind von Land zu Land verschieden. Den Vertrauensverlust bei Investoren verursachte im Fall Griechenlands vor allem eine über Jahre unsolide Haushaltspolitik. In Irland war es dagegen eine Kreditblase, die zu einem überdimensionierten Finanzsektor führte, analysiert Jan Schildbach von Deutsche Bank Research.
Gerade in Zeiten angespannter Märkte ist es notwendig, einen klaren Blick zu behalten nicht nur für die Gemeinsamkeiten, sondern auch die Unterschiede zwischen den im Fokus stehenden Volkswirtschaften und ihren Bankensektoren. Die neue Interaktive Landkarte europäischer Bankenmärkte von DB Research hilft dabei zu differenzieren. Sie zeigt u.a. Größe und Wachstum des Finanzsektors in jedem der 27 EU-Länder in den vergangenen Jahren. Dabei wird deutlich, dass die Probleme Griechenlands und Irlands (oder auch Portugals) unterschiedlicher Natur sind und sich nicht in jedem Fall auf den Bankensektor zurückführen lassen.
Die Kreditvergabe an private Unternehmen war in Griechenland mit einem Wachstum von durchschnittlich 10,6 Prozent p.a. zwar durchaus expansiv im Vorfeld der Krise, allerdings auch nicht wesentlich stärker als im Euroraum insgesamt (+8,2 Prozent). Dagegen legte das Kreditvolumen in Irland zwischen 2002 und 2007 jedes Jahr im Mittel um mehr als ein Viertel zu, nicht zuletzt aufgrund der boomenden Bauwirtschaft. Die nominale Verschuldung der Unternehmen verdreifachte sich innerhalb von nicht einmal fünf Jahren – in der Tat ein klares Indiz für übermäßiges, exzessives Kreditwachstum. In Portugal wiederum konnte von einer Kreditblase keine Rede sein, hier nahm der Kreditbestand nur um moderate 6 Prozent im Durchschnitt pro Jahr zu.
Irische Kreditnehmer deutlich anfälliger als griechische Schuldner
Ein zweiter Blick auf die Kreditvergabe an private Haushalte bestätigt den generellen Eindruck: Ein Wachstum von gemittelt 21 Prozent p.a. von 2002 bis 2007 in Irland war sicherlich nicht nachhaltig und diente vor allem der Finanzierung immer neuer und teurerer Immobilien, während das Plus von 8,9 Prozent in Portugal nahe an dem des Euro-Gebiets insgesamt lag. In Griechenland legte das Kreditvolumen in diesem Zeitraum auf das Dreifache zu (+24 Prozent p.a.) – ebenfalls eine ungesunde Entwicklung, allerdings von einer drastisch niedrigeren Ausgangsbasis als in Irland: Die Verschuldung der privaten Haushalte verdoppelte sich in Hellas von 27 Prozent auf 56 Prozent des verfügbaren Einkommens, während sie in Irland von 92 Prozent auf 166 Prozent galoppierte. Dementsprechend waren die irischen Kreditnehmer auch deutlich anfälliger als griechische Schuldner gegenüber einer Korrektur am Immobilienmarkt und den Folgen einer mit der Finanzkrise einsetzenden Rezession.
Zwei weitere Faktoren
Hinzu kommen zwei weitere Faktoren, die die Krise für die irischen Banken und ultimativ die irischen Bürger besonders schmerzhaft werden ließen. Zum einen waren die irischen Finanzinstitute bis 2007 nur geringe Kreditausfälle gewöhnt – mit der Konsequenz, dass die operativen Margen ebenso wie die Rückstellungen für unwiederbringliche Forderungen geringer waren als in Griechenland. Zum anderen war der irische Bankensektor so stark gewachsen, dass seine Stabilisierung eine Volkswirtschaft von der Größe Irlands vor große Herausforderungen stellen musste. Mit einer Verdopplung der Aktiva bis 2007 vom ohnehin schon hohen Niveau des Jahres 2002 (360 Prozent des BIP) stellte Irland die meisten anderen EU-Länder weit in den Schatten – insbesondere auch Griechenland, wo der Finanzsektor eher moderat wuchs und zudem noch deutlich kleiner blieb als in fast allen anderen EU-15-Staaten, relativ zur Wirtschaftskraft insgesamt.
Länderspezifische Gründe maßgeblich für jüngste Zuspitzung
Unter dem Strich waren somit vor allem länderspezifische Gründe für die jüngste Zuspitzung maßgeblich. In Irland brachte tatsächlich vor allem der durch eine Kreditblase überdimensionierte Finanzsektor den Staat in Schwierigkeiten – unterstützt durch eine mangelhafte Bankenregulierung und -aufsicht sowie getrieben von einem für Irland zu niedrigen Zinsniveau und übermäßigem Optimismus der privaten Schuldner. Von einer aufgeblähten Bankenbranche kann dagegen in Griechenland und erst recht Portugal kaum die Rede sein. In diesen beiden Ländern war es vor allem eine auch bereits vor der Krise unsolide Haushaltspolitik, die in Zeiten der Rezession zu einem massiven Vertrauensverlust an den Kapitalmärkten führte.
Autor der Analyse, die EURACTIV.de zur Verfügung gestellt wurde, ist Jan Schildbach, Deutsche Bank Research
Die vollständige Analyse mit mehreren Grafiken finden Sie hier.
Links / Dokumente
DB Research: Interaktive Landkarte europäischer Bankenmärkte
EURACTIV.de: "In Griechenland herrscht ein Klima der Verzweiflung" (23. November 2010)
EURACTIV.de: Irland-Hilfe: "Ackermanns Lobby-Arbeit für die Spielhöllen" (23. November 2010)
EURACTIV.de: Irland flüchtet unter den Rettungsschirm (22. November 2010)
EURACTIV.de: Euro-Krise: Van Rompuy rudert zurück (19. November 2010)
EURACTIV.de: EU-Finanzhilfe: Irland wehrt sich gegen Auflagen (19. November 2010)
EURACTIV.de: Nationale Parlamentarier fordern Mitsprache (18. November 2010)
EURACTIV.de: EU-Haushalt: "Schäuble setzt EU Schachmatt" (18. November 2010)
EURACTIV.de: Scharfe Kritik an Ackermann: "Kein Massenexodus von Bankern aus der EU" (17. November 2010)
EURACTIV.de: Ackermann: EU-Finanzmarkt in Gefahr (17. November 2010)
EURACTIV.de: EU stoppt Hilfe für Griechenland (17. November 2010)