Die BRD als Dame ohne Unterleib

Kaum zu glauben: Auch die exotisch-sozialistischen Bonn-Korrespondenten “von drüben” hatten Namen, Lebenslauf und Schicksal. Nicht alle DDR-Journalisten in Bonn fühlten sich als Speerspitze des Kalten Kriegs, manche versuchten sich sogar als Brückenbauer zwischen beiden deutschen Staaten. Es gelang nicht oft.

Neues Deutschland und andere DDR-Medien: Dahinter steckten kluge Köpfe – wenn man zwischen Zeilen lesen konnte (Foto: dpa)
Neues Deutschland und andere DDR-Medien: Dahinter steckten kluge Köpfe - wenn man zwischen Zeilen lesen konnte (Foto: dpa)

Kaum zu glauben: Auch die exotisch-sozialistischen Bonn-Korrespondenten “von drüben” hatten Namen, Lebenslauf und Schicksal. Nicht alle DDR-Journalisten in Bonn fühlten sich als Speerspitze des Kalten Kriegs, manche versuchten sich sogar als Brückenbauer zwischen beiden deutschen Staaten. Es gelang nicht oft.

Als die Mauer im November 1989 fiel, waren in Bonn folgende Korrespondenten von DDR-Medien tätig: 

• Das Ehepaar Horst und Ilse Schäfer für den Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst ADN),

• das Ehepaar Hans-Werner und Gabriele Oertel ebenfalls für ADN,

Dr. Lutz Renner und Klaus Unzu für das DDR-Fernsehen,

Alfred Fleischhacker für den DDR-Rundfunk sowie

Werner Otto für das Neue Deutschland.

Einer, der 1989 auch noch gern in Bonn gewesen wäre, aber nicht durfte, war Ralf Bachmann. Der ADN-Korrespondent zählte zu den beliebtesten Kollegen in Bonn. Ihm zuzuhören, wenn er in den Fluren des Pressehauses I Anekdoten oder Hintergründe preisgab, war aufregend. Doch seine Offenheit wurde ihm zum Verhängnis. Er und seine Frau Ingeborg Bachmann gerieten in die Mühlen der Geheimdienste beider Seiten und zu Hause in Misskredit. Sie wurden schon 1987 gegen ihren Willen und völlig unvorbereitet nach Ostberlin zurückbeordert.

Horst Schäfer, ADN

Zunächst Horst Schäfer, der zusammen mit seiner Frau Ilse Schäfer, ebenfalls Journalistin, das Bonner Büro des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes ADN führte. Geboren wurde Schäfer 1930 nicht auf dem Gebiet der späteren DDR, sondern in Detmold/Lippe in Nordrhein-Westfalen. Er studierte Journalistik und arbeitete seit 1955 als Journalist und Fotoreporter.

Er und seine Frau waren und sind so überzeugte Genossen, dass sie für die DDR verlässliche Berichterstatter aus dem Westen waren. Seine Stationen waren München, Berlin, Washington, New York und schließlich Bonn.

Aus den USA berichtete er elf Jahre lang (1975 bis 1987) für ADN und andere Medien in der DDR. Zuvor war er Sonderberichterstatter beim Prozess gegen Angela Davis in Kalifornien.

In seiner Bonner Zeit beteiligte er sich aktiv im Verein der Auslandspressse und wurde sogar zum Vorstandsmitglied gewählt – ein Amt, das er zwar zuverlässig, allerdings nur bis 2. Oktober 1990 ausübte. Über Nacht wurde er bundesdeutscher Inlandsjournalist. Zweifellos wäre er lieber Auslandskorrespondent für die DDR geblieben. Nach dem Mauerfall ging er von Bonn nach Berlin zurück und veröffentlicht bis heute Artikel in linken Medien.

Schwerpunkt Kuba

Seine Korrespondentenzeit in den USA dürfte ihn mehr geprägt haben als die in Bonn. Nach der Wende veröffentlichte er das Buch: "Im Fadenkreuz: Kuba – Der lange Krieg gegen die Perle der Antillen" (im Kai Homilius Verlag). Darin prangert er den "Terrorismus nach Art des Weißen Hauses" an. Hauptquellen dafür sind Hunderte Akten von CIA, Außenministerium und Weißem Haus sowie Untersuchungsberichte des US-Kongresses über Blockaden, Überfälle, Sabotageakte, Mordunternehmen und andere Terrorakte der USA gegen Kuba.

Selbst die Wochenzeitung des Bundestages “Das Parlament” schrieb über sein Buch: „Wer Schäfers Recherche einseitig findet, muss freilich auch die Fakten widerlegen, auf die sie sich stützt.“ Außerdem ist er Mitautor der Bücher „Terror und Staat“ und „Das Schweigekartell“ über offene Fragen zum 11. September 2001.

Alfred Fleischhacker, DDR-Rundfunk

Auch Alfred Fleischhacker (1923-2010) hat einen ungewöhnlichen Lebensweg. Auch für ihn war der Korrespondenteneinsatz in Bonn nicht das Hauptthema seiner Biographie. Sein Hauptthema waren die Rettung jüdischer Kinder vor den Nazis und die Gründung der echten Freien Deutschen Jugend (FDJ) im Londoner Exil.

Als 15-jähriger Jude wurde Alfred Fleischhacker nach England geschickt. England nahm damals 10.000 Kinder auf. Dort war "Ginger hair", wie er wegen seiner rotblonden Haare genannt wurde, vor den Nazis in Sicherheit – bis die Briten die deutschen Emigranten 1940 internierten.

Sie hatten Angst vor feindlich gesinnten Ausändern und verdächtigten die jungen Juden aus Deutschland, zu Hitlers "Fünfter Kolonne" zu gehören. Die englischen Lager waren schnell überfüllt, Fleischhacker wurde mit Hunderten anderen Deutschen nach Kanada zum Bäumefällen transportiert. Die Kanadier sperrten in Quebec alle Deutschen zusammen, Wehrmachtssoldaten wie Nazi-Gegner.

Ein Leben für FDJ und Antifaschismus

Ereignisse wie diese haben Fleischhacker, dessen Eltern in Auschwitz ermordet wurden, als Antifaschisten geprägt: “Meine Eltern haben zwei oder drei Briefe an mich geschickt mit der flehentlichen Bitte, ihnen ein paar Dollar zu schicken, damit sie sich ein bisschen was dazu kaufen können. Ich muss die Briefe 1943 oder 1944 bekommen haben, als meine Eltern schon gar nicht mehr lebten. Noch heute läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich diese Briefe lese und so ohnmächtig bin.”

Im April 1939 wurde die FDJ als antifaschistische Jugendbewegung gegründet. Im Londoner Exil – und nicht, wie es später in der DDR offiziell hieß, 1946 in Berlin. Die Hauptaufgabe der FDJ in Großbritannien war jegliche Hilfe für die jungen jüdischen Emigranten. In der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ), dem Gebiet der späteren DDR, wurde die FDJ im März 1946 gegründet. Name und Emblem wurden von der Exil-FDJ übernommen, erwähnt werden durfte sie in der DDR dann nicht mehr. Bald hatte die Berliner FDJ mit der Londoner Gründung nichts gemeinsam außer dem Namen. Ihr erster Vorsitzende Erich Honecker degradierte die FDJ zur Kaderreserve der Partei.

Fleischhacker kam voller Ideale zurück nach Deutschland und wollte einen besseren deutschen Staat aufbauen. Zur Hoch-Zeit des Stalinismus wurde er aus dem Rundfunk “ausgesondert”. Nach vier Wochen wurde er zurückgeholt, seine "Aussonderung" sei ein Fehler gewesen. Später wurde er sogar Korrespondent des Rundfunks in Bonn.

Danach schrieb er ein Buch (“Das war unser Leben”) über die Gründung der FDJ – über jene Version, die in der DDR niemand hatte verbreiten dürfen, um Honecker nicht zu diskreditieren.

Er verstarb am 16. Juni 2010 in Berlin.

Ralf und Ingeborg Bachmann, ADN

Ich treffe das Ehepaar Bachmann in ihrer Plattenbauwohnung in der Mollstraße nahe dem Alexanderplatz in Berlin, wir reden über Bonner Zeiten und unsere Gespräche im dortigen Pressehaus I, wo sich in Zimmer 15 sein Büro befand. Wenn sich Bachmann damals relativ frei und kritisch über sein Land äußerte, musste er stets zurechtrücken, dass er trotzdem kein Dissident sei.

1929 in Sachsen geboren, die jüdische Mutter entrinnt dem Tod im KZ Theresienstadt, der Vater wird wegen „Teilnahme an einer sozialdemokratischen Verschwörung“ vom russischen Geheimdienst NKWD verhaftet und kommt in Bautzen ums Leben.

Für ADN arbeitete Bachmann insgesamt dreißig Jahre, davon fünf in Prag und fast sechs in Bonn. Nach der Wende wurde er unter Hans Modrow stellvertretender Regierungssprecher und unter Lothar de Maizière Abteilungsleiter im Medienministerium. Heute lebt Bachmann als freier Publizist in Berlin.

Kleines Monatsbudget und Audi 100

Der Alltag in Bonn: Der westliche Überfluss beeindruckte die DDR-Journalisten zwar, Konsumrausch oder Kreditaufnahme waren aber tabu. Die Bachmanns mussten jeden Einkauf gut überlegen, um das Monatsbudget von 1.000 D-Mark nicht zu überziehen. Vieles war ihnen unbekannt. Bei einer Essenseinladung bekamen sie zum ersten Mal Avocados vorgesetzt. Sie hielten sie für eine Gurkenart und aßen die Schale mit. Als Dienstfahrzeug stand ihnen aber immerhin ein Audi 100 zur Verfügung.

"In einem Kernpunkt waren – und das möchte ich auf fast alle DDR-Korrespondenten in Bonn beziehen – wir uns einig: Wir waren nicht der Meinung: Was vom Westen kommt, kommt vom Feind."

Verschweigen von Wahrheiten

"Wir wurden nicht direkt und verbal zum Lügen genötigt", schildert Bachmann, "sondern indirekt durch Verschweigen von Wahrheiten. Wir zeigten die Bundesrepublik wie der Zauberer die Dame ohne Unterleib."

Da die meisten DDR-Bürger ohenhin das westdeutsche Fernsehen als Informationsquelle hatten, war die eingeschränkte Berichterstattung "ausgemachter Schwachsinn".

Interviews: verschwunden oder anonymisiert

Anfangs war es schwierig für DDR-Korrespondenten, Interviewpartner zu finden. Und wenn es geklappt hat, war es schwierig, manche Interviewsätze zu Hause durchzukriegen.

Bachmann erinnert sich an ein Beispiel. Im Interview nannte SPD-Fraktionsvorsitzender Hans-Jochen Vogel die innerdeutsche Grenze eine blutende Wunde, die sich mitten durch Deutschland ziehe. "Dieser Satz war zu stark, er wurde ganz oben nicht akzeptiert. Vogel war aber nicht bereit, auf ihn zu verzichten." Das Interview musste daher verschwinden.

Einmal hatte Bachmann unvorhofft die Chance, Bundeskanzler Helmut Kohl Fragen zu stellen. Es war bei einer Eröffnungsfeier in Hamburg. Das größte Problem für Bachmann war: Wie konnte man Honecker begreiflich machen, dass der ADN-Korrespondent, ohne vorher zu fragen, an Kohl herangetreten war? So musste das erste DDR-Interview mit dem damals neuen Kanzler Kohl ganz anonymisiert erscheinen: "Kohl erklärte gegenüber Pressevertretern…"

Am schlimmsten hat Bachmann jene Artikel in Erinnerung, die er nicht geschrieben hatte, die aber unter seinem Namen erschienen waren, "miserabel geschrieben und haltlos polemisierend." Ausbaden mussten sie die Aufregungen in Bonn selbst.

Abhörgeräte und Ehestreit

Auch die westlichen Geheimdienstler interessierten sich für sie. "Als uns unsere Vermieter verrieten, es gebe da Hohlräume wegen der Abhörgeräte, wagten wir nicht einmal mehr einen Ehestreit."

Die Bachmanns haben viele Anhaltspunkte dafür, dass zu Hause, in ihrer Mietwohnung am Bismarckturm, alle ihre Gespräche abgehört wurden – und zwar von den Geheimdiensten beider Seiten. "Da sind wir mittlerweile total sicher."

Bei Einkaufsfahrten wurden sie gelegentlich von einem Auto mit zwei jungen Männern verfolgt. Sie konnten nur rätseln, für welche Seite die Verfolger arbeiteten.

“Einmal war ich wegen einer Reparatur in einem Quelle-Geschäft an der Hardthöhe (jenem Bonner Stadtteil, in dem sich bis heute das Verteidigungsministerium befindet). Es hat geregnet. Als ich rauskam, lehnte ein rothaariger jüngerer Mann an meinem Auto. Ich hatte ja einen Audio 100 als Dienstwagen. ‘Das ist aber ein schönes Auto, das Sie haben.’ Ich wollte mich im Regen eigentlich nicht auf eine solche Unterhaltung einlassen. ‘So eines haben Sie aber in der DDR nicht.’ Aha. Er stellte sich als Verfassungsschutz vor und wollte ein Treffen vereinbaren.

Der Trick mit den Illustriertenfotos

Er erzählte Bachmann, er habe von Journalisten einer großen Illustrierten gesagt bekommen, es gebe Fotos, wo er mit Verwandten aus Belgien zu sehen sei (was den Bachmanns streng verboten war). Der Verfassungsschutz habe die Illustrierte aber noch zum Stillhalten bewegen können. “Er habe auch gehört, dass ich mich in Gesprächen kritisch äußere, auch über die DDR-Regierung. Dann fragte er mich, ob ich nicht zur Zuarbeit für den Verfassungsschutz bereit wäre. Ich reagierte ablehnend und ärgerlich.”

"Das war bis zum Schluss eine höchst unangehme Erfahrung", schildert Bachmann. "Das durfte ich absolut niemandem sagen, ich belastete nicht einmal meine Frau damit. Aber von da an war keine Ruhe mehr in meinem Inneren."

Telefonüberwachung mit Folgen

Bachmann ist sicher, dass es die erwähnten Fotos und die Illustrierte nie gegeben hat. Die Anspielung auf die Treffen mit den Verwandten konnte nur von der Telefonüberwachung stammen.

Bachmann musste damit rechnen, dass seine ADN-Bürokollegen im Pressehaus II des Bonner Regierungsviertels eine Meldung machten, wenn er im Büro einmal von der belgischen Verwandtschaft angerufen wurde. "Die haben aber nichts gesagt." Bachmann nennt ein Beispiel: "Wolfgang Wagner, ein junger Kollege, der hätte mich verraten können. Hat er aber nicht. Ein anständiger Mensch, mit dem ich bis heute befreundet bin."

"Sowohl vom ZK als auch von der ADN-Zentrale sind wir – an der ‚äußersten Frontlinie‘ – immer gewarnt worden, dass wir ganz besonders vorsichtig sein sollten. Trotzdem sollten wir uns aber auch um Kontakte kümmern."

Belastend für die journalistische Arbeit muss gewesen sein, was sie bei ihren Heimaturlauben in Berlin erlebten.

"Auch unsere Wohnung in Berlin war verwanzt. Bei einer Reparatur fiel mir das Ding aus dem Verteilerkästchen oberhalb der Tür", erzählt Ingeborg Bachmann. Sie habe das jemandem am Telefon geschildert  – und als sie vom Einkaufen heimkam, war die Wanze weg.

Wie diese Wanze hingekommen war, fiel ihnen auch bald ein: Eines Nachmittags hatte die Tochter aus der Berliner Wohnung nach Bonn angerufen und die Eltern gefragt, was das für ein braunes Zeug sei, das in der Tüte auf dem Servierwagen lag. Kurz darauf war es wieder weg.

Bei zwei jungen Männern im Auto: Alarm

"Wir merkten, dass wir rund um die Uhr unter Beobachtung standen. Warum eigentlich, wissen wir bis heute nicht genau." Auf der Straßenseite gegenüber wartete oft ein blauer Lada mit zwei jungen Männern drinnen. "Das weiß ich jetzt aus Bonn und aus Berlin: Es ist immer verdächtig, wenn zwei junge Männer in einem Auto warten."

Dass jemand in der Wohnung war, durfte er aber nicht verschweigen. Es hätte ja ein Test sein können. Er meldete es. Am nächsten Tag kam ein gut angezogener Mann, Typ Ingenieur, mit einem schwarzen Aktenkoffer und sagte, er habe den Auftrag, "die Wohnung auf Fremdeinwirkung zu untersuchen". Als er das Wohnzimmer betrat, musste das Ehepaar Bachmann rausgehen, angeblich wegen der geheimsten und modernsten Technik, die niemand sehen dürfe. Bei dieser Gelegenheit wurde die Wanze im Verteilerkästchen implantiert. Dann tauchten auch zwei junge Männer auf, die das Türschloss auszuwechseln hatten, ihm "sämtliche" Schlüssel aushändigten und Trinkgeld empört zurückwiesen.

Einmal wurde er von der Stasi im Wartburg freundlich abgeholt, weil ihn "ein hoher Mann von der Abwehr" habe sprechen wollen. Bachmann wurde in eine Villa nach Zeuthen am See gebracht, viereinhalb Stunden mit Kaffee und Brötchen bewirtet und immer wieder dasselbe gefragt: Mit wem er in Bonn Kontakt gehabt habe und was ihm dabei an Fehlern passiert sein konnte.

Zu enger Kontakt zu Hans-Jochen Vogel

Bachmann mutmaßt, dass der SED seine Kontakte zu führenden SPD-Politikern zu eng gewesen seien. Vor allem zu Hans-Jochen Vogel. Vogel hatte sogar beim Bundespresseball in der Bonner Beethovenhalle dafür gesorgt, dass der ADN-Korrespondent an seinem Tisch platziert wurde.

"Es gibt auch heute noch Leute, die uns nicht gesonnen sind. Diese Enge von manchen ist schrecklich." Den deutlichen Trennungsstrich, den er gezogen habe, nähmen andere ihm übel. Sie sehen es als Verrat an der Partei. Denen, die aus der PDS ausgetreten sind, weil sie nicht mehr revolutionär sei, denen verzeihe man eher als ihm und seiner Frau. Daher gebe es nur noch wenige Leute von früher, mit denen er noch engen Kontakt habe.

“Die Stasi war eine Krake”

"Wo abgehört werden konnte, wurde abgehört. Die Stasi war eine Krake." Ingeborg Bachmann ergänzt: "Wenn mir jemand zu DDR-Zeiten gesagt hätte, welchen Aufwand die betreiben und in welche persönlichen Bereiche die hinein gehen, ich hätte das als Übertreibung abgestritten. Wir haben das erst später erkannt."

Die Krankheitslüge

Das Korrespondentenehepaar Bachmann spürte in Bonn zunehmend undefinierbares Misstrauen aus Berlin. Es weiß bis heute nicht, was der Grund dafür war. "Wir haben nachgedacht: Wer von unseren Bekannten im Pressehaus könnte auf uns angesetzt sein?", erinnert sich Ingeborg Bachmann. "Uns ist aber niemand ein- oder aufgefallen. Obwohl es jemanden gegeben haben muss. Aber wir merkten es nicht."

Einmal 1987 musste Ralf Bachmann wegen einer kleinen Operation nach Berlin. Das nahm man sofort zum Anlass, ihn vom Bonner Posten abzuberufen. Er durfte nicht einmal mehr zum Abschied an den Rhein.

Nur Ingeborg durfte noch nach Bonn, um die Koffer zu packen und überall die Lüge zu verbreiten, ihr Mann sei leider so erkrankt, dass er nicht mehr auf seinen Posten zurückkehren könne. Geglaubt hat es ihr ohnehin niemand. Aber sie musste überzeugend mitspielen. Andernfalls hätte sie nicht einmal mehr die Wohnung selber räumen dürfen.

Das Journalistenleben neu bewerten…

Als die Frankfurter Rundschau zum Abschied notierte, die Bachmanns hätten in die Berichte über den Westen "einen neuen Ton" gebracht, freute sich das Paar. Aber: "Für mehr fehlten die Möglichkeiten, vielleicht auch der Mut."

Nach einer Podiumsveranstaltung in Berlin erschien in einer Berliner Zeitung ein kleiner Einspalter. “Da stand drin, ich hätte gesagt, dass ich mich schäme für das, was ich geschrieben habe. Das hat mich sehr getroffen. Ich habe das nicht gesagt. Man kann ja sein Leben nicht neu anfangen, aber man kann versuchen, das Leben neu zu bewerten. Meine Lebensbilanz: Wir haben in einem System gelebt, in dem es keine Möglichkeit gab, journalistisch frei zu schaffen.”

Vor kurzem gab Bachmann sein drittes Buch heraus (“Ich habe alles doppelt gesehen”,?Sax-Verlag, Beucha 2009, 302 S., 15 €, ISBN 978-3-86729-044-9), in dem der 80-Jährige 40 Reportagen aus 60 Jahren zusammengestellt hat.

In seinem ersten Buch ("Ich bin der Herr. Und wer bist du? Ein deutsches Journalistenleben", 1995, edition reiher im Dietz-Verlag) resümiert er: "Im Rückblick auf Jahrzehnte eines journalistischen Berufslebens schmerzt mich in tiefster Seele, wie wenig man unter den Bedingungen der Journalistik in der DDR, teilweise sogar auf exponierten Posten, bewirken konnte. Aber gänzlich wirkungslos ist unsere Arbeit in Bonn nicht geblieben."

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

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