Deutschlands Wachstumsprognose auf null Prozent herabgestuft

Deutschlands Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt wurde am Donnerstag (5. September) von einem führenden Think-Tank auf null Prozent herabgestuft. Dies bestätigt die weit verbreiteten Befürchtungen, dass die niedrige  Produktivität und die anhaltende Schwäche der verarbeitenden Industrie zu einer Verfestigung der Wachstumsschwäche Deutschlands führen könnten.

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Das Ifo-Institut korrigierte seine Wachstumsprognose für Deutschland von 0,4 Prozent auf null Prozent für 2024 und von 1,5 Prozent auf 0,9 Prozent für 2025. [SHUTTERSTOCK/TUPUNGATO]

Deutschlands Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt wurde am Donnerstag (5. September) von einem führenden Think-Tank auf null Prozent herabgestuft. Dies bestätigt die weit verbreiteten Befürchtungen, dass die niedrige  Produktivität und die anhaltende Schwäche der verarbeitenden Industrie zu einer Verfestigung der Wachstumsschwäche Deutschlands führen könnten.

Das Ifo-Institut korrigierte seine Wachstumsprognose für Deutschland von 0,4 Prozent auf null Prozent für 2024 und von 1,5 Prozent auf 0,9 Prozent für 2025. Die Experten warnten davor, dass der wirtschaftliche Gegenwind, der Europas industrielles Kraftzentrum derzeit belastet, auf absehbarer Zeit nicht nachlassen werde.

„Wir haben eine strukturelle Krise“, erklärte Timo Wollmershäuser, Leiter der Ifo-Prognoseabteilung, in einer Stellungnahme. „Es wird zu wenig investiert, vor allem in der verarbeitenden Industrie, und die Produktivität stagniert seit Jahren.“

Der Experte wies darauf hin, dass die wirtschaftliche Schwäche Deutschlands durch eine schwache Konsumnachfrage verschärft werde. Die aktuelle Sparquote liegt mit 11,3 Prozent deutlich über dem Durchschnitt von 10,1 Prozent im Jahrzehnt vor der Corona-Pandemie.

Wollmershäuser wies auch auf weitere langfristige Herausforderungen hin, mit denen die deutsche Wirtschaft konfrontiert sei. Dazu gehörten eine alternde Bevölkerung, eine nachlassende Nachfrage aus dem Ausland und die wachsende Konkurrenz aus China.

Sander Tordoir, Chefökonom des Centre for European Reform, pflichtete ihm bei, dass die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands größtenteils struktureller Natur seien.

Er wies auch auf die anhaltenden Auswirkungen der Energiekrise hin, die durch die russische Invasion in der Ukraine im Februar 2022 ausgelöst wurde. Die deutschen energieintensiven Industrien seien davon besonders betroffen.

„Der Energieschock war so schwerwiegend [und] hat die energieintensiven Sektoren wirklich sehr stark getroffen“, erklärte Tordoir gegenüber Euractiv. „Offensichtlich gibt es hier also langfristige Schäden. Und das könnte strukturell [und] dauerhaft sein.“

Tordoir erklärte, dass der Anstieg der Energiepreise wahrscheinlich die „Kalkulation“ vieler Unternehmen hinsichtlich der Attraktivität der Produktion von Industriegütern in Deutschland verändert habe.

„Die [Energie-]Preise sind zwar gesunken, aber [der Preisanstieg] erinnert auch daran, dass Deutschland in Sachen Energie anfällig ist“, sagte er.

Der Ifo-Bericht folgt auf mehrere Abwärtskorrekturen der Wachstumsprognosen für Deutschland im vergangenen Jahr.

In ihrer jüngsten im Mai veröffentlichten Wirtschaftsprognose sagt die Europäische Kommission für Deutschland nur noch ein Wachstum von 0,1 Prozent voraus. Im Februar lag die Prognose noch bei 0,3 Prozent.

Im Februar senkte die Bundesregierung ihre Wachstumserwartungen von 1,3 Prozent auf 0,2 Prozent. Wirtschaftsminister Robert Habeck bezeichnete die Wirtschaftsleistung des Landes als „dramatisch schlecht.“ Im April wurde die Prognose jedoch leicht auf 0,3 Prozent angehoben.

Tordoir fügte hinzu, dass die wiederholten Korrekturen zum Teil auf die inhärente Schwierigkeit zurückzuführen seien, zwischen zyklischen und strukturellen Wirtschaftsfaktoren zu unterscheiden. Ein weiterer Grund seien die zu optimistischen Erwartungen der Experten hinsichtlich des künftigen Wachstums der Verbrauchernachfrage.

„Einer der Hauptgründe für den Optimismus war die Überzeugung, dass das Verbrauchervertrauen und die Verbraucherausgaben stärker zunehmen würden, da die Inflation zurückgeht und die Löhne die Inflation übertreffen. Dies scheint schwächer ausgefallen zu sein, als wir gehofft hatten“, erklärte er.

Die Ifo-Studie wurde am selben Tag veröffentlicht, an dem der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) berichtete, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um 0,3 Prozent wachsen wird.

Der Bundesverband warnte aber auch davor, dass die deutsche Wirtschaft langfristig vor gravierenden Problemen stehe. Dazu gehörten die Investitionsschwäche und die schwache Binnen- und Auslandsnachfrage.

„Das schwache Wachstum der deutschen Industrie hält an und eine wirtschaftliche Erholung liegt noch in weiter Ferne“, erklärte Tanja Gönner, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, in einer Mitteilung.

[Bearbeitet von Anna Brunetti/Rajnish Singh/Daniel Eck]