Deutschland ist mittelmäßig digitalisiert

Die EU-Kommission treibt die Digitalisierung voran. Mit dem DESI-Index bemisst sie, wie digital die einzelnen Mitgliedsländer schon sind. Deutschland liegt im Mittelfeld.

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Die Digitalisierung geht an niemandem spurlos vorbei, sagt Iris Plöger. [sdecoret/ Shutterstock]

Die EU-Kommission treibt die Digitalisierung voran. Mit dem DESI-Index bemisst sie, wie digital die einzelnen Mitgliedsländer schon sind. Deutschland liegt im Mittelfeld.

Die Angst, einmal mehr den Anschluss zu verpassen, sitzt in Brüssel tief. Zu häufig hatten die USA oder Japan bei technologischen Entwicklungen zuletzt die Nase vorn. Die Digitalisierung genießt daher in der EU mittlerweile höchste Aufmerksamkeit. Zuletzt wurde ein ambitionierter Fahrplan für den flächendeckenden Aufbau des 5G-Netzes verabschiedet. Auch in den Auseinandersetzungen um den nächsten EU-Haushalt spielen umfassende Investitionen in den digitalen Binnenmarkt eine bedeutende Rolle.

Doch die EU kann sich nicht im Alleingang digitalisieren. Während man in Brüssel schon von der „Gigabit-Gesellschaft“ spricht, wäre manch ländlicher EU-Bürger froh, überhaupt mobil ins Internet zu kommen – oder auch nur eine Mobilfunkverbindung aufbauen zu können. Von zentraler Bedeutung ist, dass die Mitgliedsstaaten mitziehen. Auch deshalb veröffentlicht die Kommission den Index für digitale Wirtschaft und Gesellschaft, den DESI.

So wird einmal jährlich an Hand eines Sets von Indikatoren ermittelt, wie digital die einzelnen EU-Länder schon sind. Kriterien sind etwa die Zahl der Haushalte mit Breitband-Internet, die Zahl der Mobilfunkverträge, die Zahl der online in Anspruch genommenen Behördendienste, das Versenden von Online-Rechnungen durch Unternehmen oder der Anteil an Ausbildungs- und Studienabschlüssen im IT-Bereich. Das resultierende Ranking hat natürlich auch etwas von „naming und shaming“ und soll den Druck auf jene erhöhen, die hinterherhinken.

Wie die Kommission die Ergebnisse nutzen will, um die Digitalisierung voranzutreiben, zeigt das Statement der für digitale Wirtschaft zuständigen Kommissarin Mariya Gabriel. „Der diesjährige Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft zeigt, dass wir weitere Anstrengungen unternehmen müssen, um die Defizite unserer Bürgerinnen und Bürger bei den digitalen Kompetenzen zu beheben“, sagte sie bei der Vorstellung des Berichtes.

Am wenigsten solcher „Defizite“ haben dem Bericht zufolge die Bürger der skandinavischen Mitgliedsländer. Nur Dänemark und Schweden konnten bei der Summierung aller Indikatoren über 70 Punkte sammeln. Finnland und die Niederlande kratzen an dieser Grenze. Deutschland liegt mit 55,6 Punkten knapp über dem EU-Durchschnitt von 54 Punkten. Dem Länderprofil zufolge ist Deutschland in Sachen Festnetzbreitbandnutzung gut aufgestellt. Zudem verfügen die Deutschen über „gute digitale Kompetenzen“. Beim Glasfaserausbau und den Behördendiensten hinkt man allerdings hinterher. Auch das große Gefälle zwischen Stadt und Land trägt dazu bei, dass es nur für Platz 14 unter den 28 EU-Mitgliedern reicht.

Insgesamt haben die Mitgliedsländer ihre Indizes gegenüber dem Vorjahr gesteigert. 58 Prozent der Haushalte können demnach mittlerweile an ultraschnelle Internetverbindungen angeschlossen werden – Tendenz steigend. Für 80 Prozent ist zumindest Breitbandinternet verfügbar. Immerhin ein Drittel hat auch einen entsprechenden Anschluss. Im Vorjahr waren es nur 23 Prozent. Vor allem im Bereich der Kommunikation wird das Internet wichtiger. So nutzen bereits 46 Prozent der Europäer das Internet zum Telefonieren – ein Anstieg von 20 Prozent.

Unzufriedenheit herrscht bei den Entwicklungen der IT-Kompetenzen vor. Die Zahl der Absolventen technischer und naturwissenschaftlicher Fächer sei seit 2013 nur sehr geringfügig von 18,4 auf 19,1 Absolventen je 1000 junge Menschen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren gestiegen. 43 Prozent der EU-Bürger verfügen der Untersuchung zufolge nicht einmal über „elementare IT-Kompetenzen“. Ein Rückgang um lediglich ein Prozentpunkt gegenüber dem Vorjahr.

Alles in allem zieht Binnenmarktkommissar Andrus Ansip eine gemischte Bilanz: „Dies ist ein – wenn auch kleiner – Schritt in die richtige Richtung hin zur Digitalisierung. Die EU insgesamt macht zwar Fortschritte, diese reichen aber noch nicht aus. Gleichzeitig sind in anderen Ländern und Regionen der Welt raschere Verbesserungen zu verzeichnen“, sagte er. Es müsse mehr in den digitalen Binnenmarkt investiert werden, damit „die Leistungsfähigkeit Europas im digitalen Bereich verbessert wird und wir erstklassige Netzanbindungen, Online-Dienste der öffentlichen Verwaltungen und einen lebendigen elektronischen Handel bekommen.“