Deutschland braucht ein Bergbauunternehmen – mit Bundesbeteiligung

Die Versorgung der Industrie mit Rohstoff gilt als das zentrale Thema der Exportnation Deutschland. Die Industrie – in Kooperation mit europäischen Partnern und der Bundesregierung – braucht eine kluge Rohstoffaußenpolitik und ein schlagkräftiges globales Bergbauunternehmen, das sich wieder direkten Zugang zu lebenswichtigen Rohstoffen verschafft. Ein Standpunkt von Friedbert Pflüger für EURACTIV.de.

Mit global agierenden Bergbaugiganten (hier in Australien) wird Deutschland wohl nie mithalten können (Foto: dpa)
Mit global agierenden Bergbaugiganten (hier in Australien) wird Deutschland wohl nie mithalten können (Foto: dpa)

Die Versorgung der Industrie mit Rohstoff gilt als das zentrale Thema der Exportnation Deutschland. Die Industrie – in Kooperation mit europäischen Partnern und der Bundesregierung – braucht eine kluge Rohstoffaußenpolitik und ein schlagkräftiges globales Bergbauunternehmen, das sich wieder direkten Zugang zu lebenswichtigen Rohstoffen verschafft. Ein Standpunkt von Friedbert Pflüger für EURACTIV.de.

Prof. Dr. Friedbert Pflüger, Parl.  Staatssekretär a.D., ist Direktor des European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) am King’s College London.

Die chinesische Regierung hat zur Jahreswende angekündigt, die bereits 2009 deutlich zurückgefahrene Ausfuhrmenge der sogenannten Seltenen Erden nochmals um ein Drittel zu kürzen. Peking (Beijing), das ca. 95 Prozent der auf der Welt für zahlreiche High-tech-Produkte benötigten Spezialmetalle produziert, wird im ersten Halbjahr 2010 nur noch 14.500 Tonnen ausführen – gegenüber 22.300 im Vorjahr.

Die Abhängigkeit des Westens

Gleichzeitig hat das Reich der Mitte die Exportzölle für Seltene Erden erneut angehoben und schließt einen zukünftigen Exportstopp für die Zukunft nicht aus. In den Industrieländern, nicht zuletzt in der USA, Japan und Deutschland, sieht man diese Entwicklung mit größter Sorge: Es drohen Unterbrechungen von Wertschöpfungsketten, Produktionsengpässe und deutlich Preise für Verbraucher. Die Industrie in der westlichen Welt hat sich in eine unerträgliche Abhängigkeit begeben. China hat in seinem jüngsten Konflikt mit Japan gezeigt, dass es diese Abhängigkeit auch ausnutzt. Japan erhielt überhaupt keine Seltenen Erden mehr.

In dieser Situation überlegt man in Washington, Tokio und Berlin, die Chinesen bei der WTO anzuklagen. Schließlich habe sich China bei seiner Aufnahme in die Welthandelsorganisation im Jahre 2001 verpflichtet, keine Ausfuhrzölle auf Seltene Erden zu erheben. Kurz vor Weihnachten kündigte der US-Handelsbeauftragte Ron Kirk  „energische Auseinandersetzungen mit China“ an und drohte mit einer Anklage bei der WTO.

Ob das der richtige Weg ist, darf indes bezweifelt werden. Hu Jintao, laut Forbes der mächtigste Mann der Welt, hat spätestens auf dem Kopenhagener Klimagipfel gezeigt, dass er sich nicht unter Druck setzen lässt.

Die Chinesen weisen darauf hin, dass ihr Eigenbedarf steigt und ihre heimischen Reserven begrenzt sind. Deshalb nehmen sie für sich das Recht in Anspruch, sparsamer mit der Ressource umzugehen. Außerdem weiß man in Peking sehr wohl, dass das Interesse der westlichen Industrieländer an einem Handelskonflikt begrenzt ist. Ohne China wäre die Welt sehr viel langsamer aus der Krise gekommen, Exporte in das Reich der Mitte treiben das Wachstum bei uns. Warum sich mit denen anlegen, die man so sehr braucht! Schon wird aus der deutschen Industrie vor „China-bashing“ gewarnt.

Abgestraft durch Lieferstopps

Andererseits bestreitet niemand das Ärgernis der derzeitigen Abhängigkeit. Führen die verknappten Exporte nicht vermehrt dazu, dass High-tech-Produktionen nach China verlagert werden? Können sich westliche Regierungen noch Kritik – etwa am Umgang Pekings mit dem chinesischen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo – noch erlauben, wenn sie befürchten müssen, ähnlich wie Japan durch Lieferstopps für die heimische Volkswirtschaft abgestraft zu werden?

Was also ist zu tun? Die einzig richtige Antwort auf die Verknappung und Verteuerung der Seltenen Erden besteht darin, uns unabhängiger von China zu machen.

Das geht auf  folgende Weise:

>>   Zunächst muss die Recycling-Quote in Europa wesentlich verbessert werden. In Deutschland verfügen die Versorgungsunternehmen über modernste Technologien, aber noch immer gerät zu viel hochwertiger Schrott auf illegalen Wegen auf ausländische Deponien. Das muss unterbunden werden. Thorsten Grenz, CEO des Entsorgungsunternehmens Veolia Umweltservice, denkt zum Beispiel darüber nach, besondere Sammelstellen für ausgediente Produkte zu errichten, die Seltene Erden enthalten.

>>   In Europa müssen wir stärker in die Forschung von Ersatzstoffen investieren. Die chemische Industrie ist theoretisch in der Lage, Seltene Erden in einigen Jahren zu substituieren.

>>   Das Wichtigste aber ist: Deutschland braucht wieder ein global tätiges Unternehmen, das sich – wie einst die Metallgesellschaft oder die Preussag – wieder an der Exploration und Produktion von Rohstoffen beteiligt. Wir brauchen wieder (Mit)besitz an Bergwerken. Japan hat bereits gehandelt und entsprechende Kooperationsvereinbarungen mit der Mongolei und Indien unterzeichnet. In Vietnam sicherte es sich die Rechte an einem Bergwerk in Lai Chau. Auch die Australier und Kanadier gehen den Weg, wieder auf eigenes mining zu setzen. In Kalifornien nimmt Molycorp die Produktionsstätte wieder auf, die man vor einigen Jahren geschlossen hatte, da China den Weltmarkt  preiswerter belieferte. Seltene Erden sind nämlich gar nicht selten. Es gibt sie auch in Russland oder Kasachstan. Man muss sie nur wieder fördern – und das sollte die deutsche Industrie nicht anderen überlassen.

Gemeinsames Projekt der rohstoffabhängigen Unternehmen?

Aber kann ein einzelnes Unternehmen das überhaupt? Mithalten mit den großen chinesischen Staatskonzernen oder den globalen Rohstoffgiganten wie Rio Tinto, Vale oder BHP Billiton? Natürlich nicht.

Es bedarf eines großen Projektes der deutschen Industrie mit Rückendeckung aus der Bundesregierung. Warum nicht die seit 2006 bestehende Deutsche Rohstoff AG in Heidelberg als Nukleus nutzen, die mit dem Personal und dem Know-how der alten Metallgesellschaft den Versuch unternimmt, im weltweiten Bergbau Fuß zu fassen und die in Australien bereits wieder eine erste Goldmine betreibt?

Warum sollen sich nicht die rohstoffabhängigen deutschen Unternehmen daran beteiligen – oder auch die Bundesregierung mit einer ordentlichen Minderheitsbeteiligung?

Bundesminister Rainer Brüderle hat im letzten Jahr eine Rohstoffstrategie der Bundesregierung durchgesetzt – unter anderem mit der Gründung einer Rohstoffagentur in Hannover. Es darf nicht bei diesem (gelungenen) Anfang bleiben.

Der Rohstoff-Sprecher des BDI, Ulrich Grillo, hat zu Recht die Rohstoffversorgung unserer Industrie als „das zentrale Thema der Exportnation Deutschland“ bezeichnet. Weit über das Thema Seltene Erden hinaus gibt es weltweit Versorgungsengpässe und außerdem durch Spekulanten angeheizte Preisausschläge – wie wir es derzeit besonders bei Kupfer erleben.

Die deutsche Industrie – in Zusammenarbeit mit europäischen Partnern und der Bundesregierung – braucht ein schlagkräftiges Bergbauunternehmen, das sich – begleitet durch eine kluge Rohstoffaußenpolitik – wieder einen direkten Zugang zu lebenswichtigen Rohstoffen verschafft.

Zum Thema

EURACTIV.de: Interview mit Friedbert Pflüger "Drohender Energie- und Rohstoffimperialismus" (7. Januar 2011)