Deutscher Chemieverband: Exportgetriebenes Modell steht vor dem Aus
Die deutsche Chemieindustrie hat ihre Talsohle durchschritten, erklärte der Dachverband der Branche VCI am Montag (8. Juli). Das bisherige Modell des Exports von Basischemikalien sei jedoch am Ende.
Die deutsche Chemieindustrie hat ihre Talsohle durchschritten, erklärte der Dachverband der Branche VCI am Montag (8. Juli). Das bisherige Modell des Exports von Basischemikalien sei jedoch am Ende.
Der Verband, der Industriegiganten wie BASF, Bayer und Fresenius vertritt, erwartet, dass die Produktion der Chemie- und Pharmaindustrie in diesem Jahr um 3,5 Prozent und der Umsatz um 1,5 Prozent steigen wird.
Dies kommt nach zwei Jahren des Produktionsrückgangs – mit einem Rückgang von insgesamt 15 Prozent zwischen 2021 und 2023.
Allerdings liege die Produktion immer noch elf Prozent unter dem „Vorkrisenniveau“, sagte VCI-Präsident Markus Steilemann am Montag bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen in Berlin und bezog sich dabei auf die Energiekrise, die durch den Einmarsch Russlands in der Ukraine im Februar 2022 ausgelöst wurde.
Besonders stark war der Aufschwung bei der Produktion von anorganischen Grundchemikalien wie Wasserstoff, Chlor und Schwefelsäure, die in den ersten sechs Monaten 2024 um zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen ist.
Auch die Produktion von Petrochemikalien – also Chemikalien, die auf Öl und Gas basieren – stieg um 8,5 Prozent.
„Die Energiepreise sind wieder auf einem erträglicheren Niveau“, sagte Steilemann, „gleichzeitig muss man sagen, dass wir aufgrund der gesamten internationalen Energiepreisstellung in Deutschland immer noch keine wettbewerbsfähigen Industriepreise für die Grundstoffchemie haben“, ergänzte er.
Die Kombination aus relativ hohen Strompreisen und hohen Preisen für Öl- und Gasderivate, die als Ausgangsmaterial für einige Produkte benötigt werden, ergeben „nach wie vor ein Wettbewerbsnachteil für in Deutschland hergestellte Produkte“, sagte er.
Viele in Deutschland hergestellte Basischemikalien seien daher im Export „nicht mehr wettbewerbsfähig“, sagte er.
Hunderte von Betriebsschließungen
Steilemann sagte, er glaube, dass „das, was Deutschland eigentlich auch im Chemiesektor über viele Jahrzehnte bis in die 2016/2017-er Jahre sehr erfolgreich betrieben hat – das Exportmodell Grundchemikalien für Deutschland – ist […] an das Ende seiner Lebenszeit gekommen“.
Der größte deutsche Chemiekonzern BASF hat 2023 mit der Schließung eines seiner Ammoniak-Produktionsstandorte in Ludwigshafen für Schlagzeilen gesorgt. Der Standort, der derzeit zum Verkauf steht, ist nur eines von zahlreichen Beispielen.
„Unserer Kenntnis nach haben etwa 300 Unternehmen aus der Chemieindustrie im vergangenen Jahr tatsächlich ihre Geschäftstätigkeiten eingestellt“, sagte Steilemann, wobei er darauf hinwies, dass darunter auch kleine Firmen wie Labore seien.
Dennoch: „Die, die leichtfertig davon ausgegangen sind, dass die Produktion nach der Energiekrise eins zu eins zurückkehrt, haben sich getäuscht.“
„Für viele Unternehmen gilt leider: Was weg ist, ist weg.“
Ein Industrial Deal
Steilemann schloss sich der Forderung vieler Akteure an, dass der Green Deal durch einen Industrial Deal ergänzt werden sollte.
„Wir müssen einen Geschäftsplan hinter diesen Umbau setzen, weil bisher hat es eben eher zu mehr Vorschriften, zu mehr Regulierung, zu sehr feinstreifiger Regulierung geführt“, sagte er.
Allein die chemische Industrie sei von 43 Gesetzen betroffen, die in der letzten Legislaturperiode verabschiedet wurden. Dies führe zu bis zu 600 zusätzlichen Regelungen, wie Durchführungsgesetze oder nationale Umsetzungen, die teilweise noch ausstehen.
„Insofern werden wir jetzt, egal, mit welchem Ansatz die neue Kommission antritt, zunächst mal einen Nachlaufeffekt sehen aus der Gesetzgebung der letzten Kommission“, sagte er.
[Bearbeitet von Anna Brunetti/Alice Taylor /Kjeld Neubert]