Deutsche Kandidatur um Trichets Nachfolge?

Auch nach dem Rückzieher von Bundesbankpräsident Axel Weber hat Deutschland im Poker um den EZB-Chefposten offenbar weiterhin gute Karten. Noch will die Bundesregierung jedoch keine Stellungnahme abgeben.

EZB-Chef Jean-Claude Trichet scheidet am 31. Oktober aus dem Amt. Die Bundesregierung hat sich noch nicht festgelegt, ob sie einen deutschen Kandidaten in das Rennen um seine Nachfolge schicken wird. Foto: EC
EZB-Chef Jean-Claude Trichet scheidet am 31. Oktober aus dem Amt. Die Bundesregierung hat sich noch nicht festgelegt, ob sie einen deutschen Kandidaten in das Rennen um seine Nachfolge schicken wird. Foto: EC

Auch nach dem Rückzieher von Bundesbankpräsident Axel Weber hat Deutschland im Poker um den EZB-Chefposten offenbar weiterhin gute Karten. Noch will die Bundesregierung jedoch keine Stellungnahme abgeben.

"Ich denke, dass eine politische Übereinkunft auf Deutschland hinauslaufen wird – wenn es einen akzeptablen Kandidaten benennt", sagte der slowakische Finanzminister Ivan Miklos am Mittwoch. Die Bundesregierung lässt sich aber nicht in die Karten blicken, ob sie an einer deutschen Kandidatur um die Nachfolge von EZB-Chef Jean-Claude Trichet festhält.

"Diese Frage kann ich weder mit Ja noch mit Nein beantworten", sagte ein Regierungssprecher. Bundeskanzlerin Angela Merkel werde in dieser Frage rechtzeitig Stellung beziehen: "Aber sie hält die Zeit dafür noch nicht für gekommen". Trichet scheidet am 31. Oktober aus dem Amt.

Axel Weber, der als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge Trichets galt, hatte sich diesen Monat überraschend aus dem Rennen zurückgezogen. Mit seinen Vorbehalten gegen Staatsanleihekäufe der EZB sah er sich in dem Führungsgremium der Zentralbank zunehmend isoliert.

Regling oder Stark?

Nach dem Abgang Webers, der Ende April den Bundesbankchefsessel räumt, werden die Karten nun neu gemischt: Die Bundeskanzlerin betonte mehrfach, für sie stehe nicht die Nationalität des künftigen obersten Hüters des Euro im Vordergrund. Vielmehr sollte der Trichet-Nachfolger die deutschen Vorstellungen zur Bekämpfung der Inflation teilen.

Als geeignete deutsche Kandidaten kursieren bereits seit längerem zwei Namen: Klaus Regling, der den Euro-Rettungsfonds EFSF leitet, sowie EZB-Direktoriumsmitglied Jürgen Stark. Unter Experten gilt jedoch der italienische Notenbankchef Mario Draghi als klarer Favorit für den EZB-Chefposten, den Trichet im Herbst nach acht Jahren an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) räumt. Für den 63-jährigen Draghi spricht nach Ansicht vieler Experten seine Erfahrung als Notenbanker. Er ist zudem Chef des Financial Stability Boards, das im Auftrag der G20 neue Regeln für die Weltfinanzordnung entwirft. Gegen einen Südeuropäer an der Spitze der EZB spricht indes der Regionalproporz: Mit dem Portugiesen Vitor Constancio ist bereits ein Südländer Vizechef der Zentralbank.

Draghi hat Notenbankerfahrung – Regling nicht

Im direkten Vergleich mit Draghi dürfte allerdings EFSF-Chef Regling schlechtere Karten haben, da es ihm an Notenbankerfahrung mangelt. Er gilt jedoch mit Blick auf seine früheren Berufsstationen beim Bundesfinanzministerium und beim IWF als sehr beschlagen in währungspolitischen Fragen. EZB-Direktoriumsmitglied Stark hat ebenso wie Luxemburgs Notenbankchef Yves Mersch nach dem Urteil vieler Fachleute nur Außenseiterchancen – für Stark gilt dies vor allem, weil seine Amtszeit 2014 endet.

Finanzexperte Bert Van Roosebeke vom Centrum für Europäische Politik (CEP) in Freiburg hält es für ausgeschlossen, dass Stark länger als acht Jahre im Führungsgremium bleiben kann. "Die Satzung der EZB ist da in Artikel 11 eindeutig, die Begrenzung gilt für sämtliche Mitglieder – und damit auch den Präsidenten."

Da Starks Mandat als einfaches Direktoriumsmitglied Ende Mai 2014 ausläuft, könnte er die EZB daher bei einem Wechsel auf den Präsidentenstuhl nur für eine Übergangszeit führen. Für Roosebeke undenkbar: "Stark können Sie abschreiben." In der Frühphase der Euro-Ära hatte es durch eine Absprache hinter den Kulissen allerdings schon einmal einen "Übergangspräsidenten" gegeben: Der Niederländer Wim Duisenberg amtierte von 1998 bis 2003, um dann mit seinem freiwilligen Rückzug dem Franzosen Trichet Platz zu machen. In Presseberichten wird bereits darüber spekuliert, ob sich die beiden Deutschen in ähnlicher Weise die Amtszeit aufteilen könnten: Ein EZB-Präsident Stark würde in diesem Szenario ab Mitte 2014 den Stab an Regling weiterreichen.

EURACTIV/rtr

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