Deutsche Familienpolitik: Licht und Schatten

Großzügige finanzielle Anreize für Familien führen in Deutschland nicht dazu, dass Paare mehr Kinder bekommen. Das geht aus der aktuellen OECD-Studie zur Familienpolitik hervor. EURACTIV.de zeigt, wie Deutschland im europäischen Vergleich abschneidet.

Im Grundsatz sind sich Union und SPD in der Regierung einig, dass sie das Kindergeld für EU-Ausländer einschränken wollen, deren Nachwuchs im Ausland lebt. Foto: dpa.
Im Grundsatz sind sich Union und SPD in der Regierung einig, dass sie das Kindergeld für EU-Ausländer einschränken wollen, deren Nachwuchs im Ausland lebt. Foto: dpa.

Großzügige finanzielle Anreize für Familien führen in Deutschland nicht dazu, dass Paare mehr Kinder bekommen. Das geht aus der aktuellen OECD-Studie zur Familienpolitik hervor. EURACTIV.de zeigt, wie Deutschland im europäischen Vergleich abschneidet.

Die OECD-Studie "Doing Better for Families" stellt der deutschen Familienpolitik eine durchwachsene Bilanz aus. Die Gutachter begrüßen die relativ hohen öffentlichen Ausgaben für die Familienförderung. Die Ergebnisse zeigen aber auch: Die Maßnahmen erzielen nicht die gewünschte Wirkung.

Geburtenrate bleibt niedrig

Innerhalb Europas (EU27) lag die Geburtenrate 2009 nur in Portugal und Ungarn niedriger als in Deutschland. Laut OECD bekamen deutsche Frauen durchschnittlich etwa 1,4 Kinder – der europäische Durchschnitt lag bei etwa 1,6 Kindern. Europäische Spitzenreiter waren Irland mit 2,1 Kindern und Frankreich mit 2 Kindern pro Frau. Mit weitem Abstand führte Israel die Liste der OECD-Länder an: hier bekamen Frauen 2009 durchschnittlich 3 Kinder.

Geburtenraten im europäischen Vergleich (Kinder pro Frau)

– Irland (2,1)
– Frankreich (2,1)
– Schweden (1,9)

– EU27 (1,6)

Deutschland (1,4)
– Ungarn (1,3)
– Portugal (1,3)

Erste Schwangerschaft mit 30

Ursache für die niedrige Geburtenrate ist auch, dass sich Frauen in Deutschland am meisten Zeit mit ihrer ersten Schwangerschaft lassen: den Zahlen von 2008 zufolge bekamen sie ihr erstes Kind mit durchschnittlich 30 Jahren. Genauso lange warteten nur Frauen in Großbritannien. Der EU-Durchschnitt lag bei 27,6 Jahren. Am jüngsten waren Frauen bei ihrer ersten Schwangerschaft in Lettland (24,6 Jahre) und Estland (25,1 Jahre).

Alter von Frauen bei ihrer ersten Schwangerschaft

Deutschland (30,0)
– Großbritannien (30,0)

– EU27 (27,6)

– Estland (25,1)
– Lettland (24,6)

Hohe staatliche Ausgaben ändern nichts

Dass sich deutsche Paare mit ihrem ersten Nachwuchs so lange Zeit lassen – daran ändern auch die relativ hohen öffentlichen Mittel für die Familienförderung nichts. 2007 gab Deutschland hierfür 2,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus. Der EU-Durchschnitt lag mit 2,3 Prozent deutlich niedriger. Spitzenreiter waren Dänemark und Frankreich mit jeweils 3,7 Prozent. Danach folgten Großbritannien (3,6 Prozent) und Ungarn (3,3 Prozent). Schlusslicht bei den staatlichen Ausgaben für Familien war Malta mit 1 Prozent. Hintere Plätze belegten auch Litauen und Lettland mit jeweils 1,2 Prozent.

Ausgaben für Familienpolitik gemessen am BIP (in Prozent)

– Dänemark (3,7)
– Frankreich (3,7)
– Großbritannien (3,6)
– Ungarn (3,3)

Deutschland (2,8)

– EU27 (2,3)

– Litauen (1,2)
– Lettland (1,2)
– Malta (1,0)

Ungenügende Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder

Trotz der hohen Ausgaben besteht bei der Betreuung von Kleinkindern in Deutschland noch erheblicher Nachholbedarf, analysiert die OECD. Nur 17,8 Prozent der Kinder unter 2 Jahren waren 2008 in Betreuungseinrichtungen untergebracht. Damit liegt Deutschland deutlich unter dem europaweiten Durchschnitt von 26,7 Prozent. Die besten Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder bot Dänemark, wo fast zwei Drittel der unter 2-Jährigen betreut wurden. Gut funktionierte die Betreuung auch in den Niederlanden und in Belgien. In der Tschechischen Republik sowie in der Slowakischen Republik fand dagegen so gut wie keine Kleinkinderbetreuung statt.

Kleinkinder unter 2 Jahren in Betreuung (in Prozent)

– Dänemark (65,7)
– Niederlande (55,9)
– Belgien (48,4)

– EU27 (26,7)

Deutschland (17,8)

– Malta (6,8)
– Slowakische Republik (3,0)
– Tschechische Republik (2,2)

Die EU-Kommission will die Politik der Mitgliedsstaaten in der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung (FBBE) koordinieren und finanziell fördern. Derzeit wird kontrovers diskutiert, ob der Staat oder private Träger die FBBE-Einrichtungen anbieten sollten, ob die Teilnahme an der FBBE verpflichtend oder freiwillig sein sollte und wie die FBBE finanziert werden kann (EURACTIV.de vom 27. April 2011).

Erhebliche Unterschiede bei Kinderarmut

Dank der relativ hohen finanziellen Familienförderung konnte die Kinderarmutsrate in Deutschland in den letzten Jahren bei 8,3 Prozent gehalten werden. Europaweit lag die Armutsrate von Kindern durchschnittlich bei 12,2 Prozent. Am wenigsten von Armut betroffen sind Kinder in Dänemark, Finnland und Österreich. In Rumänien lebte dagegen über ein Viertel aller Kinder in armen Verhältnissen. Auch Bulgarien und Polen hatten in den letzten Jahren immer noch mit starker Kinderarmut zu kämpfen.

Von Armut betroffene Kinder (in Prozent)

– Dänemark (3,7)
– Finnland (4,2)
– Österreich (6,2)

Deutschland (8,3)

– EU27 (12,2)

– Bulgarien (21,4)
– Polen (21,5)
– Rumänien (25,5)

Lob für familienfreundliches Steuersystem und Elternzeit

In der Ländernotiz für Deutschland loben die Autoren das im OECD-Vergleich besonders familienfreundliche Steuersystem in Deutschland.

Rechnet man die Ausgaben in der Bildungs- und Familienpolitik zusammen, gibt Deutschland für jedes Kind bis zum Erreichen des 18. Lebensjahres rund 146.000 Euro aus. Im OECD-Durchschnitt sind es 22.000 Euro weniger.

Gelobt wird Deutschland von der OECD für seine Bemühungen, Väter stärker dazu zu bewegen, sich um die Erziehung ihrer Kinder zu kümmern. Durch die Elternzeitreform könnten Frauen leichter wieder ins Berufsleben einsteigen.

mas

Links


Dokumente

OECD: Ländernotiz für Deutschland (April 2011)

OECD-Studie: Doing Better for Families (deutsche Zusammenfassung) (April 2011)

CEP: Analyse – Frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung (26. April 2011)

EU-Kommission: Frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung: der bestmögliche Start für alle unsere Kinder in die Welt von morgen (17. Februar 2011)

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