Deutsche Banken und der griechische Schuldenschnitt
Unter den deutschen Banken mehren sich die Stimmen für einen radikalen Schuldenschnitt in Griechenland. Sorgt die Unruhe an den Märkten für ein allmähliches Umdenken in den Vorstandsetagen?
Unter den deutschen Banken mehren sich die Stimmen für einen radikalen Schuldenschnitt in Griechenland. Sorgt die Unruhe an den Märkten für ein allmähliches Umdenken in den Vorstandsetagen?
"Griechenland braucht eine Umschuldung bis zur teilweisen Entschuldung", schreibt Commerzbank-Chef Martin Blessing am Dienstag in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Kein demokratisch durchsetzbares Sparpaket wird es dem Land ermöglichen, in absehbarer Zeit an den Kapitalmarkt zurückzukehren und seine Schulden mit Zinsen zurückzuzahlen." Portugal und Irland gehe es nicht viel besser. Spanien und Italien seien in Gefahr, sich anzustecken. Die Commerzbank ist einer der größten privaten deutschen Gläubiger in Griechenland und müsste bei einem Schuldenschnitt auf Forderungen verzichten – verbunden mit entsprechenden Belastungen.
Die Furcht vor einer Ausbreitung der europäischen Schuldenkrise – insbesondere einer Ansteckung Italiens – schickte auch am Dienstag die Aktienmärkte auf Talfahrt: Europaweit herrschte Ausverkauf bei den Finanztiteln. Der deutsche Leitindex Dax verlor zwei Prozent, der Euro geriet auch unter Druck.
Bankenkreisen zufolge sorgt die Unruhe an den Märkten für ein allmähliches Umdenken in einigen Vorstandsetagen. Ein Schuldenschnitt für Griechenland war lange Zeit Tabu für die deutschen Banken, die mit bis zu 20 Milliarden Euro in dem Land engagiert sind und damit neben den französischen Banken den größten Batzen tragen. Der Landesbanken-Verband VÖB hatte stets betont, ein solcher Schritt sei nur mit einer breitangelegten Lösung für Griechenland denkbar.
Ackermann: Erst Ansteckungsgefahren beseitigen
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sieht einen Schuldenschnitt nur als Option in der Zukunft, wenn die Ansteckungsgefahren beseitigt sind. Ein Schuldenerlass zum aktuellen Zeitpunkt führe zu falschen Anreizen auch bei anderen hoch verschuldeten Euro-Staaten, warnte er unlängst auf einer Konferenz. "Es ist noch nicht alles getan, was getan werden kann." Besser sei es, die Schulden beizubehalten, zu verlängern und die Zinslast gegebenenfalls etwas zu erleichtern.
Zuletzt waren die Gespräche über eine vor allem von Deutschland vorangetriebene Beteiligung der privaten Gläubiger an der Lösung der griechischen Schuldenkrise festgefahren. Das von französischen Banken ins Gespräch gebrachte Modell einer Verlängerung griechischer Staatsanleihen zum Laufzeitende war von der Ratingagentur Standard and Poor’s (S&P) zerpflückt worden. Das brachte die deutschen Banken, die das Modell im Grundsatz übernehmen und modifizieren wollten, ins Zweifeln.
Diskussionen um Schäubles Vorschlag
Inzwischen wird wieder verstärkt über den Vorschlag von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble diskutiert, alle griechischen Anleihen zu einem bestimmten Zeitpunkt – also während der Laufzeit – gegen neue länger laufende Papiere zu tauschen. Das geht in der Regel mit einem Schuldenschnitt einher. Einige Euro-Länder und der Internationale Bankenverband IIF halten zudem einen Rückkauf alter Bonds zum Marktkurs für eine sinnvolle Möglichkeit, um die griechische Schuldenlast zu drosseln. Das würde die Banken nicht treffen, die ihre Griechenland-Anleihen zum derzeitigen Wert im Handelsbuch bilanziert haben. Institute, die die Papiere zu Einstiegspreisen im Bankbuch halten, müssten bei einem Rückkauf dagegen Abschreibungen in Kauf nehmen. "Über das französische Modell ist länger nicht mehr gesprochen worden. Das Thema Bondtausch rückt in den Vordergrund", verlautete aus Bankenkreisen.
Blessing signalisierte in seinem Beitrag, dass er mit einem Bond-Tausch leben könnte. Die Ratingagenturen dürften nach seiner Einschätzung ohnehin den Zahlungsausfall (Default) Griechenlands erklären. Schließlich könne von einer freiwilligen Beteiligung der Privatwirtschaft an den Hilfen – Kernbedingung der Ratingagenturen – nicht die Rede sein.
Sein Vorschlag für einen Schuldenschnitt: Die Gläubiger könnten ihre Bonds mit einem 30-Prozent-Abschlag in 30 Jahre laufende Papiere mit einem Zinssatz von 3,5 Prozent tauschen, die mit einer gemeinschaftlichen Garantie der Euroländer versehen sind. Oder aber Anleihen könnten zu 100 Prozent in eine zinslose Neuanlage getauscht werden, die in fünf Jahren aus den Privatisierungserlösen zurückgezahlt wird. Hier würde die Euro-Gemeinschaft 80 Prozent der Rückzahlung garantieren. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nannte die Vorschläge "nicht uninteressant". Sie gingen wie alle anderen Ideen in die Beratungen ein, sagte er in Brüssel.
EURACTIV/rtr/dto
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Presse
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