Der letzte Akt im IPZ: Nichts zu verkünden
Ein kleiner Zeitensprung im IPZ. Acht Jahre nach dem Günter-Schabowski-Auftritt findet der allerletzte Termin in der Mohrenstraße statt: „Die Pressekonferenz, die nichts zu verkünden hat“. Und was danach an den 9. November 1989 erinnern soll, sieht nach einem großen Missverständnis aus.
Ein kleiner Zeitensprung im IPZ. Acht Jahre nach dem Günter-Schabowski-Auftritt findet der allerletzte Termin in der Mohrenstraße statt: „Die Pressekonferenz, die nichts zu verkünden hat“. Und was danach an den 9. November 1989 erinnern soll, sieht nach einem großen Missverständnis aus.
Am Mittwoch, dem 12. November 1997, fand um zehn Uhr im ehemaligen IPZ, dem Internationalen Pressezentrum der DDR, ein eigenartiger Journalistentermin statt. Thema war: "Eine Pressekonferenz, die nichts zu verkünden hat". Es war die letzte Veranstaltung in der Mohrenstraße. Sofort danach wurde der Tisch, an dem Günter Schabowski seinen Zettel vorgelesen hatte, zum Abtransport fertig gemacht. Das Möbelstück ging nach Bonn ins Haus der Geschichte der Bundesrepublik.
Annerose Srocke vom Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg als ehemalige Vorsitzende der "Pressekonferenz Hauptstadt Berlin e.V." moderierte. Auf dem Podium saßen der demokratisch gewählte und letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière (heute Rechtsanwalt), sein Innenminister Peter-Michael Diestel (später Rechtsanwalt, wegen eines Villenkaufs bei Berlin zu einer Geldbuße verurteilt), seine Arbeits- und Sozialministerin Regine Hildebrandt (an Krebs verstorben), Ex-Staatssekretär Günter Krause (später glückloser Bauunternehmer und Affärenproduzent) sowie der ehemalige Regierungssprecher Matthias Gehler (später Vizedirektor des MDR-Landesfunkhauses in Thüringen).
Regierungserklärung und Ja-Wort
Nichts zu verkünden, aber viel zu erzählen: Gehler erzählte den Journalisten, dass er Lothar de Maizière ausgerechnet am Tag der Regierungserklärung um eineinhalb Freistunden anbetteln musste. Gefragt, ob er verrückt geworden sei, habe er seinem Regierungschef geantwortet: "Wenn ich so verrückt bin, in dieser Regierung mitzumachen, darf ich auch genug verrückt sein, heute zu heiraten.“
Gehlers frühere Stellvertreterin, eine gewisse Angela Merkel, war bei dieser Abschieds-Pressekonferenz nicht anwesend. Sie war inzwischen in Bonn Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit geworden.
Lothar de Maizière schilderte, dass er sich damals als demokratisch gewählter Regierungschef vieles anders vorgestellt habe. Er ließ durchblicken, dass ihm sein westdeutscher Amtskollege, Bundeskanzler Helmut Kohl, bisweilen wortbrüchig geworden sei.
Lothar de Maizière: "Postmortale Klugscheißer"
„Unsere Laienspielschar hat die Probleme der Einheit besser gesehen als die Profis im Westen“, resümiert er seine fünf Regierungsmonate. Überhaupt: Wer kritisiert, dass alles hätte bessser gemacht werden können, sei für ihn ein „postmortaler Klugscheißer“.
Der größte Fehler der Einheit sei der Grundsatz „Rückgabe vor Entschädigung“ gewesen. Auch die Nicht-Anerkennung von DDR-Berufsabschlüssen durch den Westen sei ein großes Problem gewesen.
Wann er Helmut Kohl zuletzt gesehen habe, fragte ich Lothar de Maizière. Das sei vor zweieinhalb Jahren auf einer Herrentoilette gewesen, wo aber kein Gespräch zustande gekommen sei. Zu sagen gebe es ohnehin nichts mehr.
"Großvater, was ist denn die DDR?"
Zuletzt schilderte de Maizière eine Anekdote von seiner Enkelin. Mariechen habe einem Gespräch gelauscht und ihn dann gefragt: "Großvater, was ist denn die DDR?"
Ausgerechnet diese fundamentale Frage waren die allerletzten Worte, die an diesem historischen Tisch gesprochen wurden, bevor die Spediteure kamen.
"Touristenmagnet" Mohrenstraße
Es gibt ja nur ganz wenige Momente der deutschen Geschichte, die so glücklich verlaufen sind wie die paar Minuten zum Thema Grenzöffnung in Schabowskis Pressekonferenz vom 9. November 1989. (Achtung, jetzt wird’s sarkastisch:) Kein Wunder, dass das wiedervereinigte Deutschland diesen historischen Schauplatz in der Mohrenstraße in Berlin-Mitte stolz präsentiert. Zwanzig Jahre nach der folgenreichen Pressekonferenz gehört der historische Saal zu den Höhepunkten für Schülergruppen und Berlin-Touristen, die Schlange stehen, um die knisternde Atmosphäre von damals nachzuempfinden.
Die Stasi-Koje gleich am Eingang des IPZ, die Abhöranlagen im Keller, der Schabowski-Saal im ersten Stock, die Telefonvermittlung im Erdgeschoß, die weißen verwanzten Kugellautsprecher im Journalistenrestaurant, die Desinfektionsgerüche – die Kulissen des Umbruchs von 1989 sind eine Meisterleistung des Denkmalschutzes. Stark frequentiert sind die Führungen durchs IPZ, nachdem die Leute am nahe gelegenen Grenzübergang Checkpoint Charlie und am innerstädtischen Todesstreifen nachgefühlt haben, was die Teilung Berlins bedeutet hat.
Junge Leute, für die heute Reisen durch ganz Europa ohne Grenzkontrolle eine Selbstverständlichkeit sind, können hier erahnen, wie man mit Reisepass, Visum und einem komischen Gefühl im Magen vor der Schleuse Schlange stehen musste, um vom einen Stadtteil in den anderen zu gelangen – oder sogar abgewiesen zu werden.
Ja, schön wär’s!
Gleichgültig gegenüber der eigenen Geschichte
Am Checkpoint Charlie ist nichts zu sehen außer der Nachbildung des Containerhäuschen der US-Alliierten, viel Kitsch und Kommerz, Komparsen in Uniform, die fürs Fotografiertwerden abkassieren. Nur im (privat geführten) Mauermuseum kann man sich authentisch Gänsehaut holen.
Wer ins einstige IPZ pilgert, um Schabowskis Schauplatz der deutschen und der europäischen Zäsur zu besichtigen, wird mit einem ganz schlechten Scherz konfrontiert. Mit einem Beispiel für Versagen von Stadt, Land und Bund, wichtige Zeugnisse zu erhalten. Mit dem Beweis für Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Geschichte.
Die Originalmöbel sind also längst weg. Ein Teil von ihnen steht im Museum. Allerdings nicht in Berlin, sondern in 600 Kilometern Entfernung. Wer den knochenharten Knarrton hören will, mit dem die Grenzer nach Gepäck- und Passkontrolle die Menschenschleusentüren geöffnet haben, muss sich ins Haus der Geschichte begeben. Das steht in Bonn am Rhein.
Eine Art Büromöbel-Ausstellung als Schauraum
Das Gebäude, in dem sich das IPZ befand, ist jetzt Teil des Bundesjustizministeriums. Es wurde innen komplett umgebaut und mit dem benachbarten Patentamt der DDR zusammengelegt. Der „Schabowski-Saal“ ist heute ein Lichthof. Da ist absolut nichts mehr vom Original zu sehen.
Wer heute den Schauplatz der PK sucht, meint, sich in der Adresse geirrt zu haben. Ratlos steht man vor einer Art Schauraum eines Büromöbelherstellers oder Messebauers. 30 moderne Konferenzstühle stehen in Reih und Glied, ausgerichtet auf einen Flatscreen, der an der Wand hängt und Meereswellen zeigt. Genau so sieht auch jeder Besprechungsraum in jedem Mittelklassehotel aus.
Bei der Örtlichkeit handelt es sich nicht um den Originalort im ersten Stock, sondern um den einstigen Eingang ins IPZ, früher einmal die Toreinfahrt des Hauses „Stern“ für Pferdewagen. Den Bereich hat man verglast und mit den Stuhlreihen bestückt.
Nichts, aber auch gar nichts erinnert hier an das historische Ereignis.
Was das Preisgericht in dem zweistufigen Wettbewerb veranlasst haben mag, aus 427 Einreichungen ausgerechnet diese Büromöbelkataloginstallation des Kasseler Künstlers Ulrich Schröder auszuwählen, wird sich mir nie erschließen. Ziel des Wettbewerbs war es, „das Ereignis des 9. November 1989 zu würdigen und durch Kunst zu interpretieren“.
Doppelte Pförtnerloge
Warum hat man in diesem Eingangsbereich nicht die doppelte Pförtnerloge stehen lassen? Damit die Betrachter nachvollziehen können, dass noch vor dem eigentlichen Pförtner des IPZ, gleichsam im Windfang, in einer eigenen Koje die Staatssicherheit saß? Dass von dort aus die „OibE“, die Offiziere im besonderen Einsatz, aus Erich Mielkes Ministerium für Staatssicherheitz (MfS) schon von weitem sehen konnten, wer wann mit wem kommt und wieder geht?
Auch die Erklärung im Schaufenster irritiert. „Die Verkündung der Reisefreiheit“ nennt sich die Installation. Verkündung – als habe hier die feierliche Verlesung eines neuen Gesetzes stattgefunden; und Reisefreiheit – als habe hier ein Touristikveranstalter sein nächstes Sommerprogramm vorgestellt.
Begründung für Schröders Konzept: „Er vermittelt die Bedeutung der Geschehnisse des 9. November 1989 mittels klarer, nachvollziehbarer Symbolik.” Ach so!
Und die Glasscheibe? “Der Kunststandort ist von außen einsehbar, wodurch ein direkter Bezug zum öffentlichen Raum entsteht. Es wird eine Identifikationsmöglichkeit und Auseinandersetzung mit dem Ort, von dem in jüngster Geschichte ein positives Ereignis ausging, angestrebt.” Wow!
Stuhlreihen und Flatscreen
Und das Bild von der Meeresoberfläche? “Am Horizont taucht ein neues Bild der Zukunft auf, es zeigt auf einem Plasmabildschirm eine Videosequenz von gegen das Land (gegen den Betrachter) flutenden Wellen, es steht als Synonym für Veränderung und Weite, Freiheit und Offenheit, für Möglichkeiten im Gestalten einer neuen Zukunft, aber auch für die bloße Sehnsucht nach Sinnlichkeit.” Hm.
Und die Anordnung der Stuhlreihen? “Die Ausrichtung der Installation – und damit die Blickrichtung von der Bestuhlung aus – weist in Richtung des ehemaligen Konferenzsaals. So verbindet sie gedanklich den Kunststandort mit dem Ereignis, das am 9. November 1989 unmittelbar zum Fall der Mauer führte und zur Wiedervereinigung beider deutscher Staaten beitrug.” Grrr.
Justizministerin Herta Däubler-Gmelin entdeckte bei ihrer Festrede eine weitere Tiefgründigkeit: Die Installation nehme die Bedeutung der Medien auch an jenem 9. November auf. Denn ohne die Medien, die jene Pressekonferenz besucht und die die späteren Geschehnisse dann live übertragen haben, “wäre überhaupt nichts passiert”. Toll!!!
Über Jahre hinweg kein einziger Neugieriger
Täglich fahre ich mehrmals an diesem "Kunstwerk" vorbei, und täglich ärgere ich mich: Ich habe über Jahre hinweg kein einziges Mal (!) jemanden entdeckt, der vor dem Schaufenster gestanden wäre, um "Die Verkündung der Reisefreiheit" zu betrachten.
Ulrich Schröder muss den Preis wohl dafür bekommen haben, die Erinnerung an die historische Pressekonferenz so uninteressant wie nur möglich darzustellen und garantiert keinen Menschen anzulocken.
Warum musste es ein "Kunstwerk" sein? Warum stellte man nicht ein paar der abgewetzten Originalstühle aus dem Presseraum und Günter Schabowskis Podium auf? Warum erinnert kein einziges (!) Foto, kein Filmausschnitt an die historischen Minuten? Warum läuft stattdessen ruhiges Meeresrauschen in der Videoinstallation? Wo doch die deutsche Geschichte die Kraft eines Tsunami hatte? Warum kann man die berühmte Frage an und die hilflose Antwort von Günter Schabowski nirgendwo abhören?
Einfach zeigen, wie es war?
Warum räumt man Schröders Stuhlreihen, die Videoinstallation und das Schild "Die Verkündung der Reisefreiheit" nicht wieder weg und zeigt einfach, wie es war? Dann würden sich auch einmal ein paar Touristen dorthin verirren.
Berlin geizt mit Erinnerungen, deretwegen Touristen aus aller Welt kommen, und hat die Spuren der Teilung so schnell wie möglich verschwinden lassen. Der Denkmalschutz rettet so manche städtische Scheußlichkeiten, bei Schauplätzen wie IPZ und Checkpoint Charlie hat er kläglich versagt. Berlin hat nichts zu verkünden. Schade.
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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