DDR, Österreich (I) und das bessere Deutschland
Je angespannter die DDR-Beziehungen zur Bundesrepublik waren, desto besser waren sie zu Österreich. Die DDR-Führung sah in Österreich oft “das bessere Deutschland”. Bei Staatsbesuchen, Stahlwerkbau und Stasi-Vermögen spielte das neutrale Land eine immense Rolle - besonders unter den SPÖ-Bundeskanzlern Bruno Kreisky und Franz Vranitzky.
Je angespannter die DDR-Beziehungen zur Bundesrepublik waren, desto besser waren sie zu Österreich. Die DDR-Führung sah in Österreich oft “das bessere Deutschland”. Bei Staatsbesuchen, Stahlwerkbau und Stasi-Vermögen spielte das neutrale Land eine immense Rolle – besonders unter den SPÖ-Bundeskanzlern Bruno Kreisky und Franz Vranitzky.
Österreich und die DDR, da schwingen noch viele Bilder mit, wie Massen von ostdeutschen Flüchtlingen 1989 die ungarische Stacheldrahtgrenze überwunden und in Österreich Hilfe und Freiheit gefunden haben.
Oder wie nach dem Mauerfall Österreich sofort das Urlaubsland Nummer eins für die Noch-DDR-Bürger wurde – wegen der geographischen und sprachlichen Nähe. Die meistgestellte Frage an Michael Krainer, damals Chef der Österreich Werbung in Berlin, war die, ob ein Trabi die Fahrt auf der Großglockner-Hochalpenstraße schaffen würde. (Die Antwort war übrigens: Ja.)
Wenig Begeisterung in Bonn
Solche Assoziationen sagen aber nicht alles. Denn nicht nur beim Ende der DDR, auch schon vorher hat Österreich häufig eine wichtige Rolle in der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik gespielt. Nicht immer zur Begeisterung der bundesdeutschen Regierung in Bonn.
Einige Male hatte Österreich sogar außenpolitische Pionierarbeit übernommen. Vielleicht im Gegenzug dafür gab es große Aufträge. Etwa das LD-Stahlwerk in Eisenhüttenstadt, das die österreichische VOEST-ALPINE 1984 schlüsselfertig übergab.
So wurden 1972 (auf Drängen der SED-Führung, aber abgestimmt zwischen Bundeskanzler Bruno Kreisky und seinem Bonner Amtskollegen Willy Brandt) die diplomatischen Beziehungen aufgenommen. Die völkerrechtliche Anerkennung als souveräner Staat durch das neutrale Österreich bedeutete so etwas wie den internationalen Durchbruch für das SED-Regime.
Erste Besuche aus dem westlichen Ausland
Der Besuch von Bundeskanzler Bruno Kreisky 1978 war die erste offizielle Visite eines Regierungschefs aus dem westlichen Ausland. Desgleichen war der Staatsbesuch von Bundespräsident Rudolf Kirchschläger 1983 der erste aus dem nichtsozialistischen Ausland. Dass Kirchschläger bei seinem Staatsbesuch in der Bundesrepublik den üblichen Abstecher in das Westberlin mit seinem Sonderstatus ablehnte, sorgte in Bonn durchaus für Unverständnis und in Ostberlin für Genugtuung.
Als der Partei- und Staatsratsvorsitzende Erich Honecker 1980 Österreich einen Besuch abstattete, war auch dies sein erster Auftritt im Westen. 1988 kam Bundeskanzler Franz Vranitzky in die DDR.
Auch nach dem Fall der Mauer war Vranitzky der erste westliche Staatsmann, der dem neuen DDR-Regime unter Hans Modrow einen Besuch abstattete (24. November 1989). Im Januar 1990 kam es sogar noch zu einem Gegenbesuch von Modrow in Wien.
Bei diesen beiden Besuchen dürfte es nicht nur um den Austausch von Freundlichkeiten gegangen sein, sondern eher um die Erörterung von Geschäftsabwicklungen. Unter dem Druck der Ereignisse war offenbar selbst auf der Ebene der Regierungschefs vieles rasch zu regeln.
Mir fiel jedenfalls auf, wie Vranitzky am 24. November 1989, also nur zwei Wochen nach dem Fall der Mauer, in Ostberlin nichts über die Lippen brachte, was man als Glückwunsch zu einer gelungenen friedlichen Revolution oder als Referenz an die DDR-Dissidentenbewegung hätte interpretieren können.
Zunächst rekapitulieren wir Vranitzkys DDR-Besuch Mitte Juni 1988, den ich für meine damalige österreichische Zeitung mitmachte. Der Besuch ist mir nicht nur wegen der politischen Bedeutung in Erinnerung und nicht nur wegen der Szenen im pittoresken Holländischen Viertel von Potsdam, wo zwei DDR-Bürger versucht hatten, an die österreichischen Gäste heranzukommen und einem von ihnen einen Zettel zuzustecken, aber – unbemerkt von Vranitzky und seiner Delegation – von Zivilbeamten abgedrängt und abgeführt wurden. Diesen Besuch habe ich auch wegen des wohl größten anzunehmden Unfalls (GAU) in Erinnerung, den eine Zentralredaktion einem Korrespondenten antun kann.
Doch zunächst einmal meine damalige Reportage. Sie hieß "Seitensprünge aus dem Protokoll/Der Besuch Bundeskanzler Vranitzkys findet in der DDR ein großes Medienecho":
Seitensprünge aus dem Protokoll
Was macht ein österreichischer Regierungschef im Bierlager des Rathauskellers von Berlin-Pankow, wo er doch längst ins Schloss Niederschönhausen gehörte? Der Wirt staunte nicht schlecht, als Franz Vranitzky in seiner Kneipe auftauchte, sich am späten Abend eines langen offiziellen Besuchstages am Tresen ein Bier gönnte und neugierig war, wo und wie das Bier gelagert wird.
Es war nicht der einzige Seitensprung aus dem Protokoll, den der Bundeskanzler während seines dreitägigen DDR-Besuches beging. Da waren noch mehr oder weniger spontane Blitzbesuche ins Pergamon-Museum und der Abstecher ins "Internationale Buch", Ostberlins größte Buchhandlung.
Abendessen mit Honecker
Dass Vranitzky omnipräsent war – die Titelseiten der Zeitungen, die abendlichen Fernsehnachrichten waren voll davon -, zeigt, wie sehr die DDR immer noch nach internationaler Anerkennung strebt und jeden Besucher aus einem westlichen Land großzügig hofiert. An Kleinigkeiten wie etwa der Tatsache, dass zum Abendessen im Amtssitz des Staatsrates nicht nur wie üblich ein einziger Journalist, sondern alle mitgereisten österreichischen Medienvertreter geladen sind, lässt sich eine besondere Wertschätzung für die Gäste aus dem neutralen Land ablesen.
Nicht nur in den Medien, auch in den Straßen war Vranitzky präsent. Schon auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld lächelte er von einem Riesenfoto herunter seiner eigenen Ankunft zu, und am Frankfurter Tor beherrschte ein überdimensioniertes Plakat mit zwei Porträts das Straßenbild. Zu sehen waren der Gastgeber, Erich Honecker, und Vranitzky sowie das Motto: "Gemeinsam für die Sicherung des Friedens". Die Rückseite zeigte eine durchgestrichene Rakete mit dem Zusatz: "Weg mit dem Teufelszeug!"
Zwar war es nicht abgesprochen, dass Vranitzky gemeinsam mit Honecker für Friedenssicherung wirbt, doch der Kanzler nahm es gelassen hin. Was er gemacht hätte, wenn er mit dem Motto nicht übereingestimmt hätte, wollte ich wissen. "Da hätte ich mich schon zu Wort gemeldet." Nach einer kurzen Pause: "Aber es ist bemerkenswert."
Österreichische Staatsbürger zweiter Klasse
Im Garten des österreichischen Botschafters Franz Wunderbaldinger in der Ostberliner Esplanade ergab sich abermals Bemerkenswertes. Dort war ein Cocktail mit in der DDR lebenden Österreichern angesagt. Es dürfte dem Kanzler dabei entgangen sein, dass es hier zwei Kategorien von österreichischen Staatsbürgern gab. Die einen waren jene Österreicher, die kein Problem mit einer Ausreise hatten. Doch andere Inhaber eines österreichischen Reisepasses fühlten sich wie Österreicher zweiter Klasse.
Gesine R. beispielsweise, Bauingenieurin, war DDR-Bürgerin und hatte einen Österreicher geheiratet. Sie besaß dadurch den österreichischen Reisepass, konnte damit aber nichts anfangen. Während ihr Mann jederzeit überall hinfahren durfte, musste sie wie jeder andere DDR-Bürger einen Ausreiseantrag stellen, etwa wenn sie ihre Großmutter in Westberlin zum runden Geburtstag besuchen wollte. Erst dreimal war sie außerhalb der DDR gewesen. Hätte sie keine Verwandten im Westen, hätte ihr Ausreiseantrag vermutlich gar keine Chance gehabt.
Egon Reitzl, Zeichner von Bildergeschichten in Kinderzeitschriften, war dagegen von Geburt an Österreicher und genoss alle Vorteile. Ähnlich erging es der in den USA geborenen Österrreicherin Susan Richter, Mutter von vier Kindern und Zahnärztin. Ihre Eltern waren in den fünfziger Jahren mit einer Welle arbeitsloser Wissenschaftler und Künstler hierhergekommen.
18.000 Österreicher in der DDR und viele Karteileichen
Wie viele Österreicher in der DDR lebten, ließ sich nicht feststellen. Es dürften immerhin bis zu 18.000 gewesen sein. In der Botschaft lagen viele "Karteileichen". Sandte Botschafter Wunderbaldinger ein Schreiben an alle im Land lebenden Österreicher, bekam er mindestens ein Fünftel mit dem Unzustellbarkeitsvermerk zurück.
Kulissenwechsel. Franz Vranitzky inmitten von 19 Kilometern Rohrgestänge und 1.500 Kilometern Steuerleitungen für die Elektronik. Der Bundeskanzler eröffnete per Knopfdruck eine gigantische Anlage zur Erzeugung von Pektin. Pektin wird aus Pressrückständen von der Apfelverarbeitung hergestellt und dient zur Produktion von Geliermitteln und pharmazeutischen Produkten.
In jeder Hinsicht handelte es sich in dieser Havelländer Pektin-Fabrik in Werder bei Berlin um eine Musteranlage. Zumindest in den sozialistischen Ländern ist es die bei weitem modernste Pektin-Anlage mit der größten Kapazität bei geringstem Arbeitskräfteeinsatz. Die Anlage wurde von der oberösterreichischen Firma Grill & Grossmann geliefert und montiert, einer Firma, die im selben Jahr ihr 25-Jahr-Jubiläum der Zusammenarbeit mit der DDR feierte.
Was die politische Bewertung des Besuches angeht, lässt man am besten Abteilungsinspektor Franz Ehrenreich zu Wort kommen, der schon 1975 Bruno Kreisky, 1982 Fred Sinowatz und nun, 1988, auch Franz Vranitzky in die DDR begleitet hatte. Der erfahrene Personenschützer konnte sich ein fachmännisches Urteil erlauben: "Es ist alles viel lockerer geworden."
Plaza und Teurer
Soweit die Reportage. Daran anschließend kam der nüchterne Wirtschaftsbericht. Denn Vranitzky hatte eine große und hochkarätige Wirtschaftsdelegation mitgenommen.
Die Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer, Ingrid Tichy-Schreder, freute sich, dass die wirtschaftlichen Beziehungen Österreichs zur DDR die besten und kontinuierlichsten von allen Comecon-Staaten seien. Rudolf Streicher, Minister für die Verstaatlichte Industrie, zählte ein paar Unternehmen auf.
Ich zitierte ihn damit, und das war fatal. Ich weiß, Fälle von Journalistenleid interessieren die Leser nicht. Sie sind in der Branche tabu. Aber hier erlaube ich mir eine Ausnahme. Was da passiert ist, schmerzt mich bis heute.
Qualitätszeitung mit Qualitäts-GAU
Ich möchte nicht wissen, was die Delegationsmitglieder, die DDR-Gastgeber und nicht zuletzt die Zeitungsleser in Österreich über mich gedacht haben mögen, als sie in meinem Artikel die Aufzählung dieser Firmennamen in der Zeitung sahen: Plaza und Teurer, Andrits, Port und so weiter.
Plaza und Teurer heißt in Wirklichkeit Plasser und Theurer, weltweit größter Produzent von Gleisbau- und Gleiserhaltungsmaschinen. Andrits heißt eigentlich Andritz, ein international tätiger Technologiekonzern mit Sitz in Graz, ebenfalls Weltmarktführer in mehreren Segmenten. Und Port kennt man besser unter dem echten Namen Porr, eine der ältesten und größten Baufirmen Europas, gleichfalls international agierend.
Nahezu alle Namen der großen Unternehmen, deren Vorstandsvorsitzende Vranitzky in der DDR begleiteten, waren falsch wiedergegeben – und das in der österreichischen Qualitätszeitung schlechthin.
Das Tonband und die Ressorts
Was war passiert? Dieser Bericht war für die Wirtschaftsredaktion abgesprochen. Deren Sekretärin nahm den Telefonbericht auf Band auf. Sie bestätigte, dass ich mir das Buchstabieren der Firmennamen sparen könne, sie gehörten ohnehin zu ihrem Alltag. Dann aber nahm das Tonband und mit ihm das Schicksal seinen Lauf. Die Sekretärin musste aus Zeitgründen das Band an ihre Kollegin von der Außenpolitik zum Abtippen weitergeben. Die schrieb die Namen rein phonetisch ab in der Gewissheit, die Wirtschaftsredaktion werde die Schreibweise beim Redigieren noch überprüfen. Doch kaum waren Text und Tonband wieder im Wirtschaftsressort, fiel die Entscheidung, der Bericht müsse an die Seite-Drei-Reportage angehängt werden.
Also ging alles ins Ressort Seite Drei. Der Kollege dort vertraute darauf, dass der Text schon in der Wirtschaftsredaktion behandelt worden sei. Er, als Betriebsrat damals unter Zeitdruck zwischen Besprechungen, hängte den Artikel praktisch ungelesen an die Reportage an. Die Abendausgabe erschien demnach genau so, wie die Außenpolitik-Sekretärin die Firmennamen am Telefon verstanden hatte. Plaza & Teurer statt Plasser & Theurer.
Diplomaten und Monteure
In der Morgenausgabe war alles korrigiert. Aber ich fühlte mich blamiert bis auf die Knochen. Der (un)verantwortliche Redakteurkollege von Seite Drei erhielt wenigstens eine schriftliche Verwarnung des Chefredakteurs.
Welche weiteren Österreich-Bezüge es mit der DDR gab, welche Auswirkungen sie auf das Verhältnis mit der Bundesrepublik hatten, was österreichischen Diplomaten in der DDR widerfuhr und was aus der jungen Partie der österreichischen Stahlwerk-Monteure geworden ist, das alles folgt in späteren Kapiteln dieser Serie.
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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