Das Schlusskapitel in der Geschichte des Hauses Habsburg
Otto Habsburg habe genau gewusst, dass er eine große Vergangenheit mit sich trägt; das habe ihn manchmal weit übers Ziel schießen lassen: Der österreichische Historiker Manfried Rauchensteiner äußert sich auf Fragen von EURACTIV.de zur Rolle des letzten Kaisersohns in der europäischen Einigung.
Otto Habsburg habe genau gewusst, dass er eine große Vergangenheit mit sich trägt; das habe ihn manchmal weit übers Ziel schießen lassen: Der österreichische Historiker Manfried Rauchensteiner äußert sich auf Fragen von EURACTIV.de zur Rolle des letzten Kaisersohns in der europäischen Einigung.
"Er war das Vorbild eines christlichen Menschen und eines glühenden Europäers, der viele Probleme bewältigt und viele Marksteine gesetzt hat. Er hatte aber auch das Glück, alle seine Feinde zu überleben und in Papst Johannes Paul II. einen besonderen Freund zu finden." So charakterisierte Adolf Lacy Milkovics, der über viele Jahre hinweg sein Pressesprecher war, das Ableben Otto Habsburgs.
Mit dem Tod Otto Habsburgs fand am 4. Juli 2011 tatsächlich mehr als nur ein Kapitel europäischer Geschichte sein Finale. Repräsentierte er doch letztlich auch die Herrschaft des Hauses Habsburg, das 626 Jahre lang – von 1282 bis 1918 – Europa prägte. Im Habsburger-Reich, das sich vom Bodensee bis zum Banat, von der Weichsel bis zur Adria erstreckte, ein Vielvölkerstaat war und von dem heute auch gerne als "Alt-Österreich" gesprochen wird, gab es eine einheitliche Währung, einen freien Waren- und Dienstleistungsverkehr. Freiheiten, die heute auch die EU prägen.
Am Begräbnistag Fahnen auf Halbmast setzen
Dementsprechend fielen auch die Reaktionen quer durch Europa aus. Auch der Vorsitzende der Europäischen Volkspartei (EVP) im EU-Parlament, Joseph Daul, betonte, Habsburg habe "wie kein Zweiter die Geschichte der europäischen Einigung verkörpert". Sein Vizepräsident, der Österreicher Othmar Karas, sieht "den Anlass gekommen, dass sich die Republik geschlossen verneigt und am Begräbnistag die Fahnen auf Halbmast setzen sollte". Über den eigenen Schatten sprangen die österreichischen Sozialdemokraten, für die "Habsburg" lange Zeit mehr als ein Reizwort war. So etwa meinte Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) gar: "Die Nachricht von seinem Tod hat mich sehr betroffen gemacht."
Der Historiker: Habsburg wusste, dass er eine große Vergangenheit mit sich trägt
Habsburg war eine geschichtliche Größe. EURACTIV.de sprach mit dem österreichischen Historiker Manfried Rauchensteiner über die Rolle des Verstorbenen.
EURACTIV.de: Wie beurteilen Sie Habsburgs historische Bedeutung?
RAUCHENSTEINER: Diese liegt wohl eher außerhalb Österreichs, in seiner Europapolitik und im Hereinholen von Ost- und Mitteleuropa. Seit Mitte der 30-er Jahre beschäftigte er sich mit der paneuropäischen Idee, war als Nachfolger des Gründers Richard Coudenhove-Kalergi auch Präsident der Paneuropa-Union. Von 1973 bis 1999 saß er nicht nur als Abgeordneter der CSU im Europäischen Parlament, sondern war mit Impulsgeber für das europäische Einigungswerk.
EURACTIV.de: Stichwort Ost-und Mitteleuropa. Unter seiner Patronanz fand am 19. August 1989 das legendäre paneuropäische Frühstück an der ungarisch-österreichischen Grenze statt, das mit zu einem Symbol für den Fall des Eisernen Vorhangs wurde.
RAUCHENSTEINER: Er hatte immer sehr gute Beziehungen und Kontakte mit interessanten Persönlichkeiten in Europa, diese gerade auch in der Zeit des Kalten Krieges jenseits des Eisernen Vorhangs gepflegt und aufrechterhalten. Er war daher mit Informationen versehen, die ihm eine ganz bestimmte Sicht der Dinge ermöglichten.
EURACTIV.de: Wie ist seine Rolle für Österreich einzuordnen?
RAUCHENSTEINER: Da steht zunächst am Beginn jemand, der genau gewusst hat, dass er eine große Vergangenheit mit sich trägt. Das hat ihn manchmal weit übers Ziel schießen lassen. Zum Beispiel, als er Schuschnigg 1938 dazu bewegen wollte, ihm knapp vor dem "Anschluss" das Kanzleramt zu übergeben. Habsburg war kein besonderer Freund von Dollfuss (Begründer des so genannten Ständestaates, Anm.d.Red.), dafür sicher ein Feind der Nazis. In der NS-Zeit und auch noch kurz danach zeigt er zwar viel Ambition, aber in manchen Fragen wenig Geschick.
EURACTIV.de: Und was war sein Verdienst?
RAUCHENSTEINER: Letztlich hat er persönlich in Österreich mit dazu beigetragen, eine Art Versöhnung zwischen den Sozialdemokraten und den Habsburgern zustande zu bringen.
EURACTIV.de: Was wusste Habsburg eigentlich vom Rätsel von Mayerling – jenem Selbstmord von Kronprinz Rudolf und Baronesse Mary Vetsera, der zu zahllosen Spekulationen Anlass gab?
RAUCHENSTEINER: Habsburg hat sich von den Verschwörungstheorien frei gemacht, übrigens im Gegensatz zu seiner Mutter Zita.
EURACTIV.de: Und wie steht es um das Verhältnis der Republik Österreich zu seinem Kaisersohn?
RAUCHENSTEINER: Die Habsburg-Klausel im Staatsvertrag von 1955 war unnötig und hätte spätestens 1990 bei den Obsoleterklärungen getilgt werden müssen. So aber schleppen wir ein Gesetz des Jahres 1919 mit uns.
Anekdoten vom Trittbrett-Adel und vom Spiel Österreich-Ungarn
Es ist typisch für Österreich, das ohne das Haus Habsburg vermutlich nie eine europäische Großmacht gewesen wäre, sich aber – was insbesondere das Lager der Sozialdemokratie betraf – über Jahrzehnte davon distanzierte, würde nicht auch am Todestag des Sohnes des letzten österreichischen Kaisers eine beliebte Anekdote die Runde machen: "Hoheit", wird er von einem Mitarbeiter gefragt, "haben Sie gehört, heute spielt im Fußball Österreich-Ungarn?" Worauf Habsburg trocken antwortet: "Gegen wen?"
Der Tod Otto Habsburgs ruft aber auch ein Kapitel verdrängter österreichischer Geschichte in Erinnerung. Am 11. November 1918 verzichtet Kaiser Karl I. auf die Beteiligung an den Amtsgeschäften der Regierung, am Tag danach wird im Nationalrat in Wien die Republik ausgerufen, der Sozialdemokrat Karl Renner erster Staatspräsident, der Adelstitel in Österreich generell abgeschafft. Es ist Renner, der der Familie Habsburg die Ausreise nahelegt, da man ansonsten mit einer Internierung zu rechnen hätte.
Am 23. März 1919 verlässt die Familie Habsburg mit dem Zug Österreich. Als er am Trittbrett des abfahrenden Zuges im Bahnhof Eckartsau steht, werden – so erzählt die Geschichte – die anwesenden letzten Getreuen am Bahnhof noch in den Adelsstand erhoben. Später einmal soll das Wort "Trittbrett-Adel" fallen.
Der "Kampf" der Sozialisten gegen das Haus Habsburg
Die Sozialdemokratie tut sich schwer und tut so, als sei 1918 ein neues Österreich entstanden, das mit der monarchischen Geschichte bis 1918 nichts zu tun habe, beinahe als "Feindesland" gesehen werde. 1961 kommt es sogar wegen der "Causa Habsburg" zu einer schweren Koalitionskrise zwischen den Sozialdemokraten und der Österreichischen Volkspartei. Nachdem 1963 der Verwaltungsgerichtshof die Verzichtserklärung der Mitglieder des Hauses Habsburg als "ausreichend" empfunden hatte, sprach der sozialdemokratische Justizminister Christian Broda sogar noch von einem "Justizputsch".
Als Otto Habsburg am 31. Oktober 1966 erstmals nach Österreich einreist, kommt es zu Protesten und einem Streik von rund 250.000 Arbeitnehmern. Es dauert bis zum 4. Mai 1972, ehe es zum historischen Handschlag mit Bundeskanzler Bruno Kreisky kommt, der letztlich zur Entspannung des Verhältnisses mit der SPÖ führt.
Im 16. Juni 2011 wird im österreichischen Nationalrat nach jahrelangen Diskussionen, auch mit den Stimmen der SPÖ, die Bestimmung aufgehoben, wonach ein Mitglied des Hauses Habsburg nicht für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren dürfe. Demokratischer Alltag ist eingekehrt.
Wenige Tage danach stirbt Otto Habsburg. Das Buch der Geschichte des Hauses Habsburg ist geschlossen.
Herbert Vytiska (Wien)
Link
EURACTIV.de: Reaktionen zum Tod von Otto Habsburg (4. Juli 2011)