Conrad Schumann: Die Flucht, das Foto, die Fragen
Das weltberühmte Foto zeigt Conrad Schumann beim Sprung über den Stacheldraht. Das war am dritten Tag nach Beginn des Mauerbaus. Ein Gespräch am Checkpoint Charlie mit dem ersten geflüchteten Volksarmisten der DDR.
Das weltberühmte Foto zeigt Conrad Schumann beim Sprung über den Stacheldraht. Das war am dritten Tag nach Beginn des Mauerbaus. Ein Gespräch am Checkpoint Charlie mit dem ersten geflüchteten Volksarmisten der DDR.
Knapp zwei Wochen nach dem Mauerfall lud Rainer Hildebrandt, der damalige Direktor des Mauermuseums am Checkpoint Charlie, ein paar Journalisten zum Gespräch mit Conrad Schumann ein. Ich freute mich darauf, den wohl berühmtesten Volksarmisten kennenzulernen. Sein Sprung über den Stacheldraht in die Freiheit am dritten Tag des Mauerbaus gehört zu den Bildern des Jahrhunderts und zum Symbol für den Kalten Krieg.
Allerdings gab es da ein Problem. Ausgebrannt von wochenlangem Dauerstress, wollte ich am Vorabend mit Georg Fürböck, damals Korrespondent für den Wiener "Kurier", durch Ostberliner Kneipen ziehen und die augenblickliche Stimmung einfangen. Einfach zuhören, was die Leute beim Bier bewegt.
Leider sollte der Vorabend bis zur Morgendämmerung dauern.
Der Vorabend im Lindencorso
Solei und Rollmops waren die einzigen Speisen unserer ersten Gaststätte. Soleier sind ein Berliner Unikum, da werden hartgekochte Eier in einer Kochsalzlösung eingelegt, damit sie ungekühlt länger halten. So schmecken sie dann auch. Aber im „Hungerturm“ der Kneipe gab es nichts anderes, und wir waren hungrig.
Solei und Rollmops lagen sofort schwer wie Steine im Magen. Appetit hatte ich plötzlich nur noch auf harte Getränke, die die Steine aufweichen sollten. Und so weiter. Das Letzte, woran ich mich erinnere, waren die köstlichen Mokkaliköre mit Sahnehäubchen im damaligen Lindencorso an der Friedrichstraße/Ecke Unter den Linden (heute Automobilforum von VW). Das Gewoge einer ältlichen Reisegruppe aus Bulgarien oder aus der Ukraine auf der Tanzfläche gab mir den Rest.
Gespräch bei Athena
Beim Pressegespräch mit Schumann am nächsten Morgen hatte ich also ein Problem. Ich war leichenblass, stellte keine Fragen, machte keine Notizen und krallte ich mich am Holzstuhl fest. Danach schleppte ich mich auf die andere Straßenseite. Zu Athena II. Dort kannte man mich längst als Gast und Vieltelefonierer. Es war nämlich das erste Lokal im Westen nach dem Grenzübergang Checkpoint Charlie, wo ich telefonieren konnte.
Ich bestellte Kamillentee mit Weißbrot und ärgerte mich über die verpasste Gelegenheit, mit Schumann persönlich zu sprechen.
Plötzlich stand er in der Tür des griechischen Lokals. Schumann wollte sich nach dem Termin im Mauermuseum offenbar stärken. Er war allein und stellte sich unschlüssig an die Theke. Ich riss mich zusammen und sprach ihn an. Er war zurückhaltend, schüchtern. Kein Heldentyp, zu dem ihn das Foto hätte machen können. Er ging gern und freundlich, aber trotzdem etwas wortkarg und routiniert auf meine Fragen ein. Sichtlich war ihm aber beim persönlichen Gespräch an der Theke dennoch sehr viel wohler als zuvor auf dem Podium vor Publikum.
Fluchtstelle an der Bernauer Straße
Was er, der als Achtzehnjähriger mit seinem Sprung Weltruhm erlangt hatte, so kurz nach dem Mauerfall empfinde?
"Ich habe einen Tag nach meiner Flucht am 15. August 1961 erfahren, dass ich der erste geflüchtete Volksarmist bin. Mich hat es sehr gefreut, dass die Mauer jetzt durchlässig ist und die DDR-Bürger sich den Westen anschauen dürfen, der ihnen 28 Jahre vorenthalten worden ist."
Ob er sich "seine" Fluchtstelle schon angesehen habe? "Ja, ich war in der Bernauer Straße/Ecke Ruppiner Straße im Bezirk Wedding. Als ich das gesehen habe, da musste ich weinen."
Er sollte dort am 15. August 1961, dem dritten Tag des Mauerbaus, die Sektorengrenze überwachen und die Menschen von der Flucht abschrecken. In der Bernauer Straße war der Stacheldrahtzaun noch niedrig.
"An dieser Stelle gab ich damals Jugendlichen auf der anderen Seite zu erkennen, dass ich flüchten will. Zehn Minuten später kam ein Polizeiwagen, die hintere Türe offen. Da lief ich los und warf mein Gewehr weg, um besser über die Stacheldrahtrollen springen zu können. Dabei bin ich halt fotografiert worden."
Was in ihm wirklich vorgegangen sein mag, verbarg er hinter den vorformulierten Antworten.
Die Flucht nie bereut
Bereut habe er die Flucht nie, sagte er. Nach ihm sollen noch 2.700 Angehörige der Nationalen Volksarmee (NVA) geflüchtet sein, habe er gehört. "Die haben das gleiche gewagt wie ich, Freiheit gesucht wie ich, alles zurückgelassen wie ich. Nur durch dieses berühmte Foto hat man mich immer stellvertretend für die vielen anderen befragt."
Den Massenexodus der Menschen aus seiner ehemaligen Heimat könne er voll verstehen. "Auch die, die trotz der neuen Reiseerleichterungen jetzt noch übersiedeln. Die sehen keine Perspektive in der DDR."
Dass die SED unter Egon Krenz ihren Führungsanspruch noch behaupten könne, bezweifelte er. Und ob er sich eine Wiedervereinigung vorstellen könne? "Wie die Umstände jetzt sind, eigentlich nicht. Aber in ferner Zukunft vielleicht."
Verfolgungsdruck als ständiger Begleiter
Der sensible Audi-Arbeiter hinterließ einen sympathischen Eindruck. Aber irgendetwas schien ihn zu bedrücken. Er wirkte sehr nachdenklich. Vielleicht fühlte er sich in der Rolle des Vorzeigeflüchtlings, die er auf Grund seiner Prominenz da zu spielen hatte, nicht wirklich wohl. Vielleicht hatte er Schuldgefühle gegenüber seinen Eltern und Geschwistern in Sachsen, die er erst Jahrzehnte nach dem Sprung – und auch da nach langem Zögern – besucht hatte. Vielleicht machte ihm die Befürchtung zu schaffen, ehemalige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit könnten sich an ihm rächen. Vielleicht hat sich die Anspannung nie gelegt, die ihn vor dem Sprung von 1961 zum Kettenraucher werden ließ und den Schlaf raubte. Vielleicht haben ihn die wütenden Gesichter noch lang verfolgt, die ihn und seine Kollegen von der Westseite des Stacheldrahts angebrüllt haben. Vielleicht hat es ihn getroffen, dass ehemalige Kameraden auch viel später nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten.
Es tat mir sehr leid, acht Jahre später erfahren zu müssen, dass er sich in seiner neuen bayrischen Heimat das Leben genommen hat. Er hat sich am 20. Juni 1998 im Garten erhängt. Da war er 56 Jahre alt.
Wie hatte die DDR-Volkskammer in einer internen Verlautbarung zum Mauerbau gemeint? „Die neuen Schutzmaßnahmen werden gewisse Unbequemlichkeiten mit sich bringen.“
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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