Chef von französischer Supermarktkette: Politik unvorbereitet auf steigende Inflation

Während die Eindämmung der Inflation in den kommenden Monaten Priorität haben sollte, sei die Politik sei schlecht darauf vorbereitet, mit steigenden Preisen umzugehen, sagte Michel-Edouard Leclerc, Präsident der Genossenschaft E. Leclerc, einer der größten Supermarktketten Frankreichs, im Interview.

EURACTIV France
Bordeaux,,,Aquitaine,/,France,-,06,20,2020,:
Eine Supermarktfiliale von E. Leclerc in der Nähe von Bordeaux. [sylv1rob1/Shutterstock]

Während die Eindämmung der Inflation in den kommenden Monaten Priorität haben sollte, sei die Politik sei schlecht darauf vorbereitet, mit steigenden Preisen umzugehen, sagte Michel-Edouard Leclerc, Präsident der Genossenschaft E. Leclerc, einer der größten Supermarktketten Frankreichs, im Interview mit EURACTIV.

Frankreichs Gesamtinflationsrate lag im September bei 5,8 Prozent, doch es wird erwartet, dass die Kosten für Lebensmittel bis Ende des Jahres um etwa 12 Prozent steigen werden.

Auch die allgemeinen Wirtschaftsaussichten im Land sind nicht besser, denn während das Wachstum 2022 2,7 Prozent erreichen soll, soll es Prognosen zufolge 2023 auf ein Prozent sinken. Die Schätzungen der französischen Zentralbank liegen sogar noch niedriger, bei 0,5 bis 0,8 Prozent.

Aus Sicht Leclercs liegt ein Teil der Schuld an der gegenwärtigen Situation bei einer europäischen Elite liege, die „in deflationären Zeiten aufgewachsen ist und nie eine Inflation erlebt hat.“ So habe es an Vorbereitung auf die Situation gemangelt.

Hinzu komme laut dem Konzernchef, dass die französische Zentralbank und die Europäische Zentralbank nicht reagiert hätten, obwohl die Daten aus dem Jahr 2021 bereits auf steigende Preise hingedeutet hätten.

Dies habe zu einer Situation geführt, in der „eine große Mehrheit der Unternehmen den Krieg in der Ukraine als Vorwand nutzte, um das Narrativ über den Ursprung der Inflation zu ändern“, was Leclerc als opportunistische Inflation bezeichnet.

„Die Regierungen haben sich darauf konzentriert, die Auswirkungen der Inflation auf Familien und Haushalte zu kompensieren“, obwohl „wir in den Kampfmodus gegen die opportunistische Inflation eintreten müssen“, sagte er.

Von der Idee eines sogenannten „Solidaritätsbeitrags“, einer Art der Abschöpfung von Zufallsgewinnen, die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der Union am 14. September ins Spiel gebracht hatte, zeigte sich Leclerc nicht überzeugt.

„Ich glaube nicht, dass die Verbraucher davon profitieren würden. Ich würde eher eine stärkere Marktregulierung durch Preisobergrenzen oder funktionierende Wettbewerbsregeln anstreben“.

Dennoch betonte Leclerc, er sei beim Anblick der Gewinnspannen einiger Unternehmen „schockiert“ – gerade deshalb, weil viele der Firmen während der Corona-Krise staatliche Hilfe erhalten hatten.

„Die Menschen sind wütend und verwirrt, und ich bin besorgt, dass einige Unternehmensleiter nicht erkennen, dass dies ein Risiko darstellen kann.“

Die staatlichen Eingriffe zur Eindämmung des Anstiegs der Energiepreise waren in der gesamten EU beträchtlich. Dies gilt insbesondere für Frankreich, das die niedrigste Inflationsrate in der gesamten Eurozone verzeichnete. Leclerc ist jedoch der Ansicht, dass dies auch für Unternehmen gelten sollte.

Ernährungssouveränität und Landwirtschaft

Leclerc betonte, das Thema Ernährungssicherheit sei „von entscheidender Bedeutung, aber wir stellen uns nicht die richtigen Fragen.“

Er fügte hinzu, dass das EU-Subventionsprogramm für die Landwirtschaft, die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP), „eine Schlüsselrolle spielt, wenn es nur so angepasst werden kann, dass es neuen Produktionsmethoden Rechnung trägt.“

Darüber hinaus sei eine stärkere Harmonisierung innerhalb der EU erforderlich, um Spannungen zwischen den Erzeugern zu vermeiden.

„Es gibt Spannungen zwischen den Erzeugern in der EU. Ein französischer Erzeuger hat manchmal Schwierigkeiten, mit seinen spanischen, deutschen oder polnischen Kollegen zu konkurrieren, weil diese niedrigere Produktionskosten oder größere Produktionsanlagen haben.“

Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung aufseiten der Lebensmittelproduzenten lobte er die jüngste Verabschiedung eines Kompromisstextes durch das Europäische Parlament, der vorsieht, Mais, Geflügel- und Schweinefleisch in das neue EU-Gesetz für entwaldungsfreie Lieferketten mit einzubeziehen.

Der Schritt war von Vertreter:innen der Lebensmittelindustrie kritisiert worden, die argumentierten, die Aufnahme der Produkte in den Geltungsbereich des Gesetzes könne zu Engpässen in der Lieferkette und zu einer Preisinflation in der EU führen.

„Das ist eine gute Sache. Wir sprechen ständig mit NGOs über dieses Thema und haben Schritte unternommen, um sicherzustellen, dass importierte Waren wie Soja nicht zur Entwaldung beitragen.“

Lesen Sie hier das Originalinterview auf Französisch.

[Bearbeitet von Alice Taylor/Zoran Radosavljevic]