CERN für KI: Viele Fragen in von der Leyens Plan bleiben offen

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat in ihren politischen Leitlinien die Forderung nach umfangreichen Forschungsinvestitionen im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) angesprochen. Sowohl Befürworter als auch Kritiker bemängeln, dass ihrem Plan unter dem Motto „CERN für KI“ entscheidende Details fehlen.

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CERN and Ursula Von der Leyen
Von der Leyens politische Leitlinien für die nächste Europäische Kommission empfehlen die Einrichtung „eines europäischen KI-Forschungsrates, in dem wir alle unsere Ressourcen bündeln können, ähnlich dem Ansatz, der mit dem CERN verfolgt wird.“ [[Photo illustration by Esther Snippe for Euractiv. Photos by EPA and Shutterstock] ]

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat in ihren politischen Leitlinien umfangreichen Forschungsinvestitionen im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) angekündigt. Wie genau das funktionieren soll, ist allerdings noch unklar. 

In ihren politischen Leitlinien kündigte die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine gemeinsame europäische Forschungsorganisation für Künstliche Intelligenz als „CERN für KI“ an. Die Europäische Organisation für Kernforschung (CERN) gilt als eine der Hauptgründe, dass sich der Schwerpunkt der Grundlagenphysik von den USA nach Europa verlagerte. Ähnliches soll nun auch bei der künstlichen Intelligenz (KI) gelingen.

„Was von der Leyen sagte, war so unspezifisch, dass alles von den Details abhängen wird“, sagte Holger Hoos, Humboldt-Professor für künstliche Intelligenz an der RWTH Aachen, gegenüber Euractiv. Er ist außerdem Mitbegründer der Confederation of Laboratories for Artificial Intelligence Research in Europe (CLAIRE).

Hoos fordert bereits seit Jahren ein „CERN für KI“ und zeigte sich deshalb „sehr erfreut“, dass der Vorschlag der europäischen Kernforschungsorganisation für KI nun ihren Weg in die EU-Kommission gefunden hat.

Von der Leyens politische Leitlinien für die nächste Europäische Kommission empfehlen die Einrichtung „eines europäischen KI-Forschungsrates, in dem wir alle unsere Ressourcen bündeln können, ähnlich dem Ansatz, der mit dem CERN verfolgt wird.“

Jüngsten Berichten des Europäischen Rechnungshofs und der Kommission zufolge liegt Europa bei der KI-Entwicklung und der Rechenleistung weit hinter den USA zurück.

Von der Leyens Vorschlag für einen Forschungsrat deutet darauf hin, dass dieser Teil des Kommissionshaushalts sein könnte. Die Europäischen Forschungs- und Innovationsräte, werden ebenfalls durch den Kommissionshaushalt mit Programm Horizont Europa finanziert. Die Erwähnung der Kernforschungsorganisation (CERN) deutet dagegen auf eine Finanzierung durch die Mitgliedstaaten hin.

Vorschläge im Umlauf

Hoos und CLAIRE haben seit 2018 die Idee einer Großforschungseinrichtung für künstliche Intelligenz vertreten. Das KI-Forschungsprojekt soll ein Netzwerk von Forschungsinstituten in ganz Europa mit einer zentralen Einrichtung als Mittelpunkt umfassen. Zur Umsetzung fordern sie 100 Milliarden Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren.

Der Mechanismus für wissenschaftliche Beratung (SAM) schlug der Kommission im März vor, ein europäisches dezentrales Netzwerk für KI in der Wissenschaft (European Distributed Institute for AI in Science; EDIRAS) einzurichten. Es soll als „dezentrales CERN für KI in der Forschung“ dienen und durch eine spezielle Finanzierung eines „Europäischen Rats für KI in der Wissenschaft“ ergänzt werden.

Die Kommission hat noch keine offiziellen Updates zum Vorschlag veröffentlicht.

Die Vorschläge des Mechanismus für wissenschaftliche Beratung (SAM) und CLAIRE überschneiden sich. CLAIRE fordert gezielte Anstrengungen, einschließlich einer zentralen Einrichtung. EDIRAS ist hingegen vollständig dezentralisiert und zielt darauf ab, künstliche Intelligenz in der Wissenschaft allgemein zu fördern.

Die Forschungseinreichtung Centre for European Policy Studies (CEPS) hat vor kurzem einen Bericht herausgegeben, der diese und ähnliche Vorschläge in einer Zusammenarbeit für vertrauenswürdige KI versucht zu vereinen. Dafür veranschlagen sie 100 bis 120 Milliarden Euro über sieben Jahre.

Der CEPS-Bericht räumt zwar ein, dass eine solche Summe beträchtlich ist, sagt aber auch, dass „die Höhe der Investition gegen die Opportunitätskosten des Nichtstuns abgewogen werden muss.“

Bisher haben sich die Staaten auf nationale KI-Initiativen konzentriert. Hoos habe den Eindruck, dass „die Menschen allmählich begreifen, dass, wenn [die europäischen Länder] nicht gemeinsam [innovative KI-Forschung] betreiben, sie nicht zustande kommen wird.“

Sein Kollege und Mitbegründer von CLAIRE, Morten Irgens, ergänzt, es sei „wahrscheinlicher, dass es ein starkes Zentrum wird, wenn die Kommission von den Mitgliedstaaten unterstützt wird.“

Aber „jemand muss den ersten Schritt machen.“

Allerdings ist nicht jeder mit den Projektkosten einverstanden.

Obwohl KI eine „extrem wichtige Technologie“ ist, ist Reinhilde Veugelers, Professorin für Management, Strategie und Innovation und Bruegel Senior Fellow, skeptisch, dass eine große KI-spezifische Initiative notwendig ist.

„[100 Milliarden Euro] sind eine Menge Geld, und ohne einen wirklich guten Grund wäre das eine Menge Geldverschwendung.“

Veugelers sagte, dass die wissenschaftlichen Beiräte „im Grunde auch Lobbyarbeit für ihren Bereich“ betreiben, dass KI „völlig neu ist.“ Wir sollten stattdessen „schrittweise, je nachdem, ob es funktioniert oder nicht, das Budget erhöhen, denn es gibt keinen Grund, dies sofort in großem Umfang zu tun.“

In der Zwischenzeit berichtete The Information im März, dass Microsoft und OpenAI Pläne für ein einziges gigantisches Datenzentrum mit Kosten von bis zu 100 Milliarden Dollar ausarbeiten.

Die Vorsitzende der Group of Chief Scientific Advisors, Nicole Grobert, sagte in einem Video: „Die Europäische Kommission muss investieren, investieren, investieren“.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic/Eliza Gkritsi]