Bonn: Doppelleben im Doppelhaus

Von Berlin führte mich das Pendlerleben immer wieder nach Bonn, wo außer meiner Familie noch Bundesregierung und Bundestag saßen. Ein Dorado für Spione. Unsere Nachbarn waren welche. Und nicht nur sie.

Als Erich Honecker (re.) 1987 nach Bonn kommt, weiß er wirklich alles über Helmut Kohl, dessen Amts- und Privatgespräche er hat abhören lassen (Foto: dpa)
Als Erich Honecker (re.) 1987 nach Bonn kommt, weiß er wirklich alles über Helmut Kohl, dessen Amts- und Privatgespräche er hat abhören lassen (Foto: dpa)

Von Berlin führte mich das Pendlerleben immer wieder nach Bonn, wo außer meiner Familie noch Bundesregierung und Bundestag saßen. Ein Dorado für Spione. Unsere Nachbarn waren welche. Und nicht nur sie.

Kulissenwechsel von Berlin in die damalige Bundeshauptstadt am Rhein: In Bonn/Bad Godesberg bewohnten wir einige Jahre lang eine Jugendstilvilla in der Kronprinzenstraße. Eine großzügige Doppelhaushälfte aus der Gründerzeit. Der Deckenstuck schwebte 4,70 Meter über den sattroten Pitchpinedielen. Zum Senior-Vermieter, einem Briefmarkenhändler, hatten wir ein sehr gutes Verhältnis; nach seinem Tod ekelte uns sein Sohn, erfolgloser Archtitekt, aus dem Haus.

Einer der Vormieter war Michael Voslensky gewesen. Der 1920 geborene russische Dissident war Direktor des Forschungsinstituts für sowjetische Gegenwart in Bonn.

Die unzähligen Telefonauslässe im ganzen Haus fielen sofort auf. Selbst in den Kellerräumen, der Garage und auf den Balkonen gab es Telefonsteckdosen.

Michael Voslenskys Telefontick

Sie gingen auf Voslenskys Angst zurück, der sowjetische Geheimdienst könnte ihm zu nahe kommen. Grund zu dieser Annahme hatte der Dissident reichlich. Voslensky wollte von überall im Haus nach draußen telefonieren können – für den Fall, dass er im Keller oder in der Garage eingesperrt worden wäre.

Sein Lebenslauf rechtfertigte die Furcht vor Spionen durchaus. Zum Beispiel wurde unter KGB-Chef Juri Andropow tatsächlich die Möglichkeit erörtert, den sowjetischen Botschafter in Bonn, Valentin Falin, die westdeutsche Seite mit der “Frage einer vor der Öffentlichkeit geheimgehaltenen Verbringung” Voslenskys in die Sowjetunion zu konfrontieren.

Das Beste an der Telefonmanie: Voslensky hatte tatsächlich Spione um sich. Es waren seine eigenen Nachbarn in der anderen Doppelhaushälfte. Es handelte sich um das westdeutsche Ehepaar P., das für die DDR und für Moskau spioniert hat und dafür auch rechtskräftig verurteilt worden ist. Als Nachmieter Voslenskys waren dann wir die neuen Nachbarn des Ehepaar P.

Verbarrikadierte Balkone

Die andere Doppelhaushälfte war in drei Etagenwohnungen aufgeteilt. Das Erdgeschoß bewohnte die Villenbesitzerin, eine alleinstehende alte Dame. Die Wohnung im ersten Stock hatte das Ehepaar P. gemietet. Irgendwann war uns aufgefallen, dass sowohl der Balkon auf der Ost- als auch jener auf der Westseite fest verbarrikadiert waren – durch unendlich viele Blumen und durch riesige Sonnenschirme. Die Schirme waren bei jedem noch so schlechten Wetter aufgespannt. Die Balkone waren im wortwörtlichen Sinn komplett abgeschirmt.

Wir stellten schnell fest, dass in unserem ersten Geschoß nicht alles ganz in Ordnung war. An der Wand zur anderen Haushälfte hinüber versagten alle elektrischen Geräte, die wir in der Nähe der Wand aufstellen wollten, ihren Dienst. Wir führten dies auf überforderte oder defekte Stromleitungen im Gemäuer des Gründerzeitbaus zurück und gewöhnten uns daran.

Rückwirkend, als wir schon weggezogen waren, bekamen wir mit, was hier los war, und verstanden endlich auch manche Phänomene: Die Bundesanwaltschaft warf Karin H.-P. und Wolfgang P. ein paar Jahre nach der Wende vor, von 1976 bis 1989 vertrauliche Informationen und Verschlusssachen aus dem Bundeskanzleramt sowie aus der SPD-Zentrale an das DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) geliefert zu haben.

Sekretärin im Kanzleramt

Die Frau habe sich demnach – auf Initiative des MfS – um die Anstellung als Sekretärin im Bundeskanzleramt beworben und sie auch bekommen.

Ihr Ehemann, Wolfgang P., habe sich schon 1976 dem MfS verpflichtet. Er habe dem DDR-Geheimdienst sogar seine spätere Ehefrau zugeführt. Außerdem habe er als persönlicher Referent und Wahlkampfleiter der SPD-Politikerin Katharina Focke vertrauliche Informationen geliefert.

Beide Angeklagten gaben Kontakte nach Ostberlin zu, bestritten aber, geheime Informationen weitergeleitet zu haben. Der Vierte Strafsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf verurteilte sie zu einer Freiheitsstrafe.

In den paar Monaten, in denen das Ehepaar in Haft saß, hielt die betagte Vermieterin die Wohnung im ersten Stock frei, "weil die mir immer so freundlich beim Rasenmähen geholfen haben".

Ob das Ehepaar P. wusste, dass direkt nebenan tatsächlich der Dissident Voslensky wohnte, und ob umgekehrt Voslensky wusste, dass nebenan das Spionagepaar P. zu Hause war, entzieht sich meiner Kenntnis.

Der Dissident im Verdacht

Dabei war Voslensky zunächst selber im Verdacht gewesen, ein Agent zu sein. Als er nämlich als Gastwissenschaftler von der sowjetischen Akademie der Wissenschaften im bayrischen Max-Planck-Institut in Starnberg mehrere Jahre forschte, erhielt das Institut Briefe der Bundesregierung aus Bonn, die vor dem vermeintlichen Spion Voslensky warnten.

Er nahm aber eine andere Entwicklung: Er fühlte sich in der CSU daheim. Nach seinem Welterfolg "Nomenklatura. Die herrschende Klasse der Sowjetunion" (in 14 Sprachen übersetzt) war eine Rückkehr unmöglich geworden. Die deutsche Staatsbürgerschaft wäre schwierig zu erlangen gewesen.

Das Standardwerk "Nomenklatura"

So setzte sich der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky für ihn ein, und der sowjetische CSU-Sympathisant Voslensky erhielt den österreichischen Pass.

Voslensky und sein “Forschungsinstitut für sowjetische Gegenwart e. V.” berieten von der noblen Kronprinzenstraße aus die Bundesregierung. Nach Michail Gorbatschows Perestroika war seine Beratung nicht mehr gefragt. Voslensky zog in ein Reihenhäuschen in Meckenheim bei Bonn um. Er starb 1997.

Weitere Bücher, die er neben seinem Standardwerk “Nomenklatura” schrieb: "Sterbliche Götter. Die Lehrmeister der Nomenklatura" und "Das Geheime wird offenbar. Moskauer Archive erzählen 1917 – 1991".

Die Romeos im Staatsauftrag

Bonn war als Hauptstadt ein wichtiges Pflaster für Agenten. Berühmt waren die Romeos, die auf Single-Frauen angesetzt wurden. Sie verführten alleinstehende Sekretärinnen in Ministerien und im Kanzleramt und bekamen zumeist, was sie und ihre DDR-Auftraggeber wollten.

Kurt Rebmann sagte in einem Korrespondentengespräch bei seinem Abschied nach 13 Jahren Tätigkeit als Generalbundesanwalt, dass drei Viertel aller Spionagetätigkeiten in der Bundesrepublik Deutschland aufs Konto der DDR gingen. Pro Jahr leitete die Generalbundesanwaltschaft durchschnittlich 400 Verfahren in Spionagedingen ein, bei denen die DDR der Hauptakteur gewesen sei. Derzeit, sagte Rebmann im Jahr 1990, folge eine Welle von Enttarnungen, viele auch in Spitzenpositionen, oft durch Überläufer entlarvt. Dennoch dürften heute immer noch mehrere Dutzend dieser Bonner “Romeos” nicht enttarnt sein.

Nicht überall muss freilich Spionage im Spiel gewesen sein, selbst wenn nach allen objektiven Kriterien die Alarmglocken schrillen sollten, zumindest Misstrauen angebracht schien.

Das russische Au-Pair-Mädchen

Drei Bonner Episoden – und plötzlich gibt es einen Zusammenhang.

Episode 1: Auf unserer Wohnungssuche in Bonn landeten wir im Reihenhaus eines deutschen Diplomaten in Sankt Augustin zum Besichtigungstermin. Besondere Kennzeichen der Immobilie: Im Vorzimmer war eine wuchtige rustikale Bartheke installiert, und im Keller gab es eine Dunkelkammer des Hobbyfotografen, die aber ausgebrannt war. Das Haus gefiel uns nicht sonderlich, vor allem weil der Architekt es geschafft hatte, im Halbstock ein großes Gästezimmer ohne Fenster zu bauen. Wir nahmen das Haus nicht.

Episode 2: Wir mieteten das Reihenhaus eines anderen deutschen Diplomaten am Ende der Oberaustraße in Bonn-Mehlem. Ein Haus mit markanten andalusischen Bögen am Balkon und Ausblick auf das Haus Konrad Adenauers auf der anderen Rheinseite. Vermutlich deswegen hatte unser Vermieter, ehrgeiziges CDU-Mitglied, dieses Reihenhaus gekauft. Während unserer Mietdauer war er an der deutschen Botschaft in Washington eingesetzt.

Zuvor war der Diplomat aber in der Personalabteilung des Auswärtigen Amts tätig gewesen. Dort hatte er eine schwere Personalentscheidung zu treffen. Er musste einen seiner Kollegen von der bundesdeutschen Botschaft in Warschau abziehen und versetzen. Der hatte sich nämlich in Polen ein Verhältnis angefangen. Er hatte sich in eine attraktive Russin verliebt, die in Warschau lebte. Dorthin war sie mit ihrem Mann, einem Moskauer Ingenieur, gezogen.

Liaison mit Larissa

Eine solche Liaison war in Zeiten des Kalten Krieges aber politisch gefährlich und daher untragbar. Mein Vermieter hatte im Auswärtigen Amt keine andere Wahl, als den Mann sofort aus der polnischen Hauptstadt zu entfernen.

Episode 3: Für das Reihenhaus in Mehlem, wo wir mit unseren drei Kindern lebten, suchten wir ein Au-Pair-Mädchen. Nach katastrophalen Fehlgriffen aus Irland und Italien sollte eine Russin kommen. Bewerbungsfoto, Lebenslauf und Telefonat versprachen einen Volltreffer.

Doch kurz vor Beginn rief die Mutter des zwanzigjährigen Mädchens an. Die Tochter habe sich total verliebt und wolle nicht kommen. Ob wir sie, die Mutter, als Ersatz akzeptieren würden? Sie sei zufällig gerade in Bonn.

Ich traf mich, direkt vom Pressehaus im Tulpenfeld im Bonner Regierungsviertel kommend, mit Larissa spät abends im Café NT. NT steht für "Nachrichtentreff" bzw. (Zeitungs-)Ente. Meine Familie war gerade auf Heimatbesuch in Wien.

Eine russische Mutter der Vor-Perestroika-Zeit hatte ich mir anders vorgestellt! Auf mich wartete eine umwerfend attraktive Vierzigjährige im vornehmen Pelzmantel. Sie bot sich als Bügelhilfe an. Meine Frau war mit der Lösung einverstanden.

Und jetzt kommt die unglaublich klingende Verknüpfung von Episode 1, 2 und 3:

Diese schöne Larissa war jene Russin, deretwegen der deutsche Diplomat in Warschau abgezogen wurde. Sie war es, die dem Bonner Diplomaten den Kopf verdreht hatte.

Sie erzählte uns, dass ihr Freund Diplomat sei und in Sankt Augustin ein Haus habe. Eines mit einer rustikalen Bartheke im Vorzimmer und einer ausgebrannten Dunkelkammer im Keller. Ausgebrannt, weil ihr Freund auf Grund seiner Versetzung aus Warschau manchmal zu viel Alkohol zu sich nahm.

Als die Russin das Reihenhaus ihres Freundes beschrieb, trauten wir unseren Ohren nicht.

Und obendrein: Jener Diplomat von der AA-Personalabteilung, der für den Abzug des Kollegen aus Polen verantwortlich war, war ausgerechnet unser Vermieter in Mehlem.

Wir haben der Russin nie erzählt, dass sie als unser “Au-pair-Mädchen” ausgerechnet im Haus jenes Beamten lebte, der ihren Liebhaber aus Warschau versetzt hat, um die Liaison sofort zu unterbinden.

Wir haben Larissa auch nie erzählt, dass wir das Haus ihres deutschen Freundes in Sankt Augustin schon ganz gut kannten.

Wir haben unserem Vermieter nie erzählt, dass der Auslöser für seine rigide Personalmaßnahme von Warschau in seinem eigenen Haus in Bonn-Mehlem ein- und ausging.

Wir haben ihm auch vorenthalten, dass seine angeordnete Trennung des Pärchens trotz der Versetzung aus Polen nicht von Dauer war.

Larissa hätte in unserem Haushalt und meinem Büro gewiss nichts für den KGB Brauchbares entdecken können, sollte sie den Auftrag gehabt haben. Aber ich bin sicher, sie hatte weder gegen uns noch gegen unseren Nachbarn, einen hohen Beamten der Bundeswehr, einen Spitzelauftrag. Es ist einfach eine bunte, wahre Geschichte aus dem Leben im Vorwende-Bonn.

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