Bioökonomie-Strategie: Brüssel signalisiert Bewegung bei Lebensmitteln

Neuartige Lebensmittel gelten in der Kommission als Streitpunkt, weil mehrere EU-Staaten sie als Gefahr für Europas Ernährungstraditionen betrachten.

EURACTIV.com
3D-gedruckte vegetarische Produkte, die zubereitetes Fleisch imitieren. [(Photo by Emmanuele Contini/NurPhoto via Getty Images)]

Mit einer neuen Bioökonomie-Strategie signalisiert Brüssel, dass es die Hürden für innovative Lebensmittelprodukte endlich senken will. Die Kommission plant, Unternehmen beim Hochskalieren und im komplexen Zulassungsverfahren enger zu begleiten – doch kulturelle und politische Vorbehalte in Europa bleiben ein Bremsklotz.

Die Bioökonomie-Strategie der EU, die eine Vision für 2040 entwirft, in der nachhaltige, biobasierte Baumaterialien und nicht erdölbasierte Kunststoffe zum Standard werden, verweist auch auf neuartige Lebensmittel – insbesondere auf neue Fermentationstechnologien, bei denen Mikroorganismen Zucker unter anderem in Milcheiweiße umwandeln.

„Die Kommission wird technische Unterstützung für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bereitstellen, die innovative biobasierte Produkte skalieren, um Zulassungen zu beschleunigen, ohne die hohen Sicherheitsstandards zu senken“, heißt es in dem Entwurf. Insbesondere betont der Text, dass die Kommission „KMU unterstützen wird, die innovative Produkte auf Basis fortgeschrittener Fermentation entwickeln, einschließlich für Lebensmittel und Futtermittel“.

Der Text stellt zudem in Aussicht, solchen Unternehmen den Zugang zu Scale-up-Piloten und Demonstrationsinfrastrukturen zu erleichtern.

In der EU müssen der Verkauf und der Verzehr neuartiger Lebensmittel – Produkte, die vor 1997 nicht konsumiert wurden, darunter im Labor gezüchtetes Fleisch, Insekten und mittels Präzisionsfermentation hergestellte Nahrungsmittel – von der EU-Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA genehmigt werden.

Eine der Hauptbeschwerden von Unternehmen, die eine EU-Zulassung anstreben, betrifft lange Wartezeiten und das Fehlen von Beratung vor Antragseinreichung. Solche Beratung kann helfen, „Stop-the-clock“-Unterbrechungen zu vermeiden, wenn zusätzliche Informationen angefordert werden – was Verfahren oft um Jahre verlängert.

Die endgültige Fassung der Strategie wurde jedoch gegenüber einem früheren, Euractiv vorliegenden Entwurf abgespeckt. Dieser hatte formuliert, dass die Unterstützung der Kommission auch frühe regulatorische Beratung bei der Vorbereitung von Anträgen sowie koordinierte Interaktionen mit der EFSA und nationalen Behörden umfassen würde.

Neuartige Lebensmittel gelten innerhalb der Kommission und im Rat als Streitpunkt, da mehrere EU-Länder sie als Bedrohung für Europas Ernährungstraditionen und den Agrarsektor betrachten.

Auch die Hoffnung, dass das für Mitte Dezember erwartete Biotech-Paket I wesentliche Änderungen bei der Regulierung neuartiger Lebensmittel bringen wird, hat sich eingetrübt. Ein internes Dokument, das Euractiv einsehen konnte, weist darauf hin, dass die neuen „Regulatory Sandboxes“ zum Testen von Produkten unter erleichterten Anforderungen nicht für neuartige Lebensmittel gelten sollen.

Dennoch begrüßt das Good Food Institute (GFI), ein Thinktank, der sich für Lebensmittelinnovation und alternative Proteine einsetzt, die Verweise der Bioökonomie-Strategie auf Fermentation.

„Damit Europa sich als globaler Vorreiter dieser Technologie etablieren kann, müssen diesen Vorschlägen nun konkrete Maßnahmen folgen“, sagte Lea Seyfarth, Referentin für politische Angelegenheiten bei GFI Europe. Zudem müssten die Biotech-Pakete „auf der wachsenden Dynamik aufbauen“.

(adm, jl)