BGA: Europa in der Bringschuld
Die jungen Menschen in Nordafrika brauchen eine Zukunft in ihrer Heimat, "ansonsten fliegt uns alles um die Ohren", sagt BGA-Präsident Anton Börner. Deutschland und Europa haben von den nordafrikanischen Ländern als Wachstumsmarkt und Energielieferant profitiert. Jetzt stehe Europa in der Bringschuld.
Die jungen Menschen in Nordafrika brauchen eine Zukunft in ihrer Heimat, „ansonsten fliegt uns alles um die Ohren“, sagt BGA-Präsident Anton Börner. Deutschland und Europa haben von den nordafrikanischen Ländern als Wachstumsmarkt und Energielieferant profitiert. Jetzt stehe Europa in der Bringschuld.
Die Umwälzungen in Nordafrika sind vergleichbar mit dem Fall der Berliner Mauer, sagte gestern Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA). Börner meinte, dass die jungen Menschen den Wandel eingeleitet hätten, um Zukunftschancen und eine gleichberechtigte Teilhabe an der Globalisierung einzufordern. Deshalb müsse die deutsche Wirtschaft und die europäische Politik den jungen Menschen jetzt signalisieren: "Wir sind vor Ort. Wir können gemeinsam eine bessere Welt schaffen". Freie Gesellschaften seien zudem die besten Handels- und Investitionspartner.
"Sonst fliegt uns alles um die Ohren"
Auf die Euphorie werde Ernüchterung folgen: Die Menschen werden sich fragen, was der Umbruch gebracht hat. Trotz Demokratie und einer neuen Verfassung, verdienten sie womöglich weiterhin nur zwei Euro am Tag. "Wir müssen Ihnen Hoffnung geben. Ansonsten werden radikale Kräfte das Vakuum füllen. Wenn wir das zulassen, fliegt uns alles um die Ohren!", so Börner gestern in Berlin vor Pressevertretern.
Europa in der Pflicht
Es reiche nicht, eine Fabrik hinzustellen. Vielmehr müsse die Wirtschaft für betriebliche Ausbildung sorgen, Wirtschaftszentren aufbauen und den jungen Menschen zeigen, dass sie gebraucht werden. Europa sei in der Bringschuld. "Die Wirtschaft braucht dafür die Unterstützung der Politik, der Zivilgesellschaft und der Medien – vor allem der Medien vor Ort." Darüber hinaus müssten Frauen einbezogen werden. Das sei entscheidend für die Entwicklung dieser Länder.
Börner kritisierte, dass sich die EU-Politik darauf beschränke, Flüchtlingsströme zu begrenzen und Rohstoffquellen zu sichern. Die EU müsse den Handel und die Investitionen mit den südlichen Mittelmeerraum liberalisieren, nichttarifäre Handelshemmnisse abbauen und Unternehmen über Handels-und Investitionsmöglichkeiten in der Region informieren. Börner verwies dabei auf die Pan-Europa-Mittelmeerpräferenzursprungsregeln.
Einbußen bei Tourismus und Handel
Nordafrika und der Nahe und Mittlere Osten seien für Deutschland ein dynamischer Wachstumsmarkt. Im vergangenen Jahr wurden laut BGA-Angaben Güter im Wert von knapp 36 Milliarden Euro exportiert. Deutschland liegt damit vor Frankreich und Italien. Hauptabnehmer der deutschen Exporte sind die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien. Der Warenaustausch mit Ägypten und Tunesien fällt im Vergleich bedeutend geringer aus. Deutschland importierte 2010 Waren im Wert von 11,8 Milliarden Euro, vor allem Energieträger, aus der Region. Die "brisante Lage in Libyen" sei besorgniserregend, da das Land eine wichtige Rolle als Energielieferant spiele und die anderen Länder destabilisieren könne.
BGA-Chef Börner rechnet mit vorübergehenden Verlusten im Handel und Tourismus aufgrund der politischen Umwälzungen. Mit zwei Drittel der weltweiten Ölvorkommen und der Hälfte der weltweit bekannten Erdgasreserven verfüge die Region aber über langfristige Entwicklungschancen.
Für eine echte Nachbarschaftspolitik müsse aber auch Europa seine Märkte für Importe öffnen. Das erfordere gewisse Zugeständnisse im Bereich der Agrarprodukte. "Das ist jedoch ein geringer Preis für die Stabilisierung der Region."
Sabrina Schadwinkel
Links
Kommission: Für Demokratie und gemeinsamen Wohlstand (8. März 2011)
Kommission: Eine Partnerschaft mit dem südlichen Mittelmeerraum für Demokratie und gemeinsamen Wohlstand (8. März 2011)
Catherine Ashton: Speech on the situation in the Southern Neighbourhood and Libya (9. März 2011)
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