Berlusconi attackiert Auslandspresse
Italiens Ministerpräsident klagt über die "anti-italienische" Stimmung in Europa und sieht sich im "Krieg" mit seinen Gegnern. Die Zeitung Observer rückt Italien in die Nähe einer Diktatur. Der Komiker Roberto Begnini nimmt Berlusconi beim Wort.
Italiens Ministerpräsident klagt über die „anti-italienische“ Stimmung in Europa und sieht sich im „Krieg“ mit seinen Gegnern. Die Zeitung Observer rückt Italien in die Nähe einer Diktatur. Der Komiker Roberto Begnini nimmt Berlusconi beim Wort.
Nach der Aufhebung seiner Immunität durch ein italienisches Gericht greift Ministerpräsident Silvio Berlusconi die ausländische Presse scharf an. Auf einem Fest seiner Partei PDL ("Volk der Freiheit") am Wochenende sagte Berlusconi: "Heute erlebe ich die Zustimmung und Liebe der Italienier zu ihrem Ministerpräsidenten. Wir sind im Krieg mit unseren Gegnern." Die Vorwürfe der ausländischen Presse gegen seine Person seien "beleidigend". Sie träfen sowohl ihn als auch die italienische Demokratie und Produkte "made in italy". "Italien muss sich von dieser bösen Presse nicht in den Dreck ziehen lassen", so Berlusconi in seiner Generalabrechnung. Was man dieser Tage erlebe, sei eine "anti-italienische" Stimmung in Europa.
Der Ministerpräsident muss mit der Wiederaufnahme von diversen Prozessen gegen sich rechnen, unter anderem wegen Bilanzfälschung und Bestechung.
Observer: Asyl für Berlusconi
Die britische Zeitung "The Observer" kommentierte, in "fast reinen" Diktaturen tolerierten die Mächtigen Kritiker nur, solange sie nicht die Massen erreichen können. So sei es im Italien Berlusconis.
Die Aussage Berlusconis, der "von der Justiz meistverfolgte Mann aller Zeiten" zu sein, kommentierte der Observer mit der ironischen Bemerkung, US-Präsident und Friedensnobelpreisträger Barak Obama könne Berlusconi in den USA politisches Asyl gewähren. Der italienische Komiker Roberto Benigni erklärte Jesus Christus zum "zweitverfolgtesten" Mann aller Zeiten.
Economist: Berlusconis Realitätsverlust
Bill Emmott, ehemaliger Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins "Economist", meinte, die Wut Berlusconis auf die Auslandspresse sei "wirklich außergewöhnlich". "Was mich an Berlusconi überrascht, ist seine Verachtung für die Realität."
Weitere internationale Pressevertreter warfen Berlusconi ein mangelndes Verständnis der Pressefreiheit vor. Jüngst hatte das Europaparlament die Medienmacht Berlusconis diskutiert. Grüne, Liberale und Sozialisten wollen europäische Regeln gegen Medienmissbrauch in der EU durchsetzen. (Siehe EURACTIV.de vom 8. Oktober 2009). Daniel Cohn-Bendit, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Europaparlament, verglich Berlusconi mit dem Präsident Venezuelas, Hugo Chávez.
Elisa Oddone