Belarussischer Nationalismus wird zum Instrument im Informationskrieg

Das Großfürstentum Litauen ist ein wichtiger Teil der litauischen und belarussischen Geschichte. Die gemeinsame Vergangenheit führt jedoch zu Spannungen zwischen den beiden Nationen, von denen nur Russland profitiert.

Euractiv.com
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In den letzten Jahren haben die Spannungen zwischen den beiden Nationen im Zusammenhang mit der Geschichte ihren Höhepunkt erreicht. Heutzutage diskutieren litauische Historiker und Politiker aktiv über die Bedrohung, die von der wachsenden belarussischen Minderheit in Litauen ausgehen könnte. [Shutterstock/Motalb]

Das Großfürstentum Litauen ist ein wichtiger Teil der litauischen und belarussischen Geschichte. Die gemeinsame Vergangenheit führt jedoch zu Spannungen zwischen den beiden Nationen, von denen nur Russland profitiert.

Die Zeit des Großfürstentums Litauen ist nach wie vor ein wichtiger Teil der belarussischen Identität, insbesondere bei Menschen mit pro-europäischen Ansichten.

Die unterschiedliche Wahrnehmung einiger Teile der Geschichte des Großherzogtums war für Litauer und Belarussen nie ein großes Problem. Dies gilt vor allem im Vergleich zu den territorialen Konflikten in den anderen ehemals kommunistischen Staaten.

In den letzten Jahren ist die Auslegung der Geschichte aber zusehends zum Politikum zwischen den beiden Staaten geworden. Heutzutage diskutieren litauische Historiker und Politiker aktiv über die Bedrohung, die von der wachsenden belarussischen Minderheit in Litauen ausgehen könnte.

Deren Ursache wird oft dem „Litwinismus“ zugeschrieben. Dabei handelt es sich um eine Ideologie und einen Zweig des belarussischen Nationalismus, demzufolge die modernen Belarussen, die von den Anhängern dieser Ideologie als Litwer bezeichnet werden, zu den wahren Erben des Großfürstentums Litauen erklärt werden.

Die Wurzeln dieses Konzepts liegen unter anderem in der Mehrsprachigkeit des Großfürstentums und seinen Grenzen, die die heutigen Gebiete Litauens und von Belarus vollständig umfassten.

Die Informationskriege zu diesem Thema in Litauen gingen über die Medien hinaus. In diesem Jahr erhielten litauische Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zahlreiche E-Mails von Gruppen, die sich selbst als Anhänger des Litwinismus bezeichneten und in Litauen tätig seien. Außerdem tauchten auf den Straßen von Vilnius die Schriftzüge „Vilnia Nasha“ („Vilnius gehört uns“ auf belarussisch) auf.

Diese Fälle sehen jedoch wie Informationsangriffe aus, die das Gefühl der belarussischen Bedrohung verstärken sollen. Die Analyse der Schriftzüge ergab, dass sie offenbar von einer Person verfasst wurden, die es nicht gewohnt ist, in kyrillischer Schrift zu schreiben. Die kyrillische Schrift ist das Alphabet der belarussischen Sprache.

Zu den E-Mails erklärte das litauische Ministerium für Staatssicherheit, dass zwar einige Mitglieder der belarussischen Minderheit radikale politische Ideologien unterstützten, es in Litauen jedoch keine organisierten Gruppen gebe, die den Litwinismus propagierten.

Darüber hinaus betrachtet das Ministerium diese E-Mails als psychologische und informationelle Drohgebärden. Es betont, dass solche Angriffe von den belarussischen Behörden genutzt werden, um Hass zwischen Litauern und Belarussen zu schüren.

Trotz dieser offiziellen Erklärungen waren die Diskussionen unter litauischen Politikern und Experten über den Litwinismus recht lebhaft. In einigen Fällen gab es Anschuldigungen untereinander und gegenüber Vertretern der belarussischen Minderheit, eine „staatsfeindliche“ Haltung einzunehmen.

Die Situation fand eine Antwort bei den demokratischen Kräften in Belarus. Deren Chefin Sviatlana Tsikhanouskaya bezeichnete den Litwinismus als ein künstlich geschaffenes Problem, mit dem die Litauer eingeschüchtert werden sollten.

Litwinismus – ambivalent auf beiden Seiten

Pavel Usau, Politikexperte und Vertreter des konservativen Flügels der belarussischen demokratischen Opposition hält es für möglich, dass das Problem des Litwinismus von litauischen Politikern geschaffen wurde. Das Ziel davon sei die Konsolidierung der Gesellschaft vor den Präsidentschaftswahlen gewesen, die 2024 in Litauen stattgefunden haben.

Laut Rustis Kamuntavicius, einem litauischen Historiker, befürchteten die Litauer, dass der Litvinismus den Belarussen eine Grundlage biete, um die Hauptstadt Vilnius für sich zu beanspruchen. Allerdings scheint die Ideologie selbst nicht in politischen Kampagnen verwendet worden zu sein.

Die Reaktionen der litauischen Behörden steht vor allem im Zusammenhang mit der hybriden Kriegsführung des belarussischen Regimes. Dies betrifft beispielsweise die Migrationskrise an der litauisch-belarussischen Grenze und die belarussische Unterstützung Russlands in seinem Krieg gegen die Ukraine.

Die Reaktionen äußerten sich in Form von zunehmenden Beschränkungen, strengeren Überprüfungen einreisender Belarussen und der Absicht, Personen zurückzuschicken, die mit den belarussischen Behörden oder staatlichen Organisationen in Verbindung stehen.

Diese Maßnahmen wirken sich zwar negativ auf die Haltung der Belarussen gegenüber Litauen aus, lassen sich aber kaum mit dem Litwinismus in Verbindung bringen.

Aber wie sieht es mit dem belarussischen Regime aus?

Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko und seine Anhänger haben sich nie besonders für das Großfürstentum Litauen interessiert. Sie priorisierten die sowjetische Periode der belarussischen Geschichte und maßen ihr mehr Bedeutung bei.

Minsk brauchte das Erbe des Großfürstentums vor allem aus politischen Gründen. Es nutzte seine Geschichte beispielsweise, wenn es die belarussische Gesellschaft näher an Russland heranführen oder von ihm entfernen wollte.

So bezeichnete Lukaschenko zu Beginn seiner Präsidentschaft das Großfürstentum Litauen als einen feindlichen Staat, in dem die Belarussen von polnischen und litauischen Feudalherren unterdrückt worden seien.

Als sich die Beziehungen zur Europäischen Union in den 2010er Jahren verbesserten, stellten die belarussischen Behörden Denkmäler für die Herrscher des Großfürstentums, die Großfürsten Vytautas und Algirdas, auf. Außerdem bezeichnete Lukaschenko das Großfürstentum als belarussischen Staat und die Litauer als Brüder.

Die zwiespältige Haltung des belarussischen Regimes gegenüber dem Gedankengut des Litwinismus bedeutet jedoch nicht, dass es nicht von den spannungsgeladenen Diskussionen darum profitieren kann.

Die vom litauischen Ministerium für Staatssicherheit erwähnten Informationsangriffe haben konkrete Ziele: Minsk muss der Bevölkerung die Stärkung der Beziehungen zu Russland erklären. Die Positionierung der anderen Nachbarn als diejenigen, die die Belarussen aus ihren Staaten vertreiben wollen, kann dazu beitragen.

Der langfristige Profiteur dieses Konflikts ist Russland. Die Experten streiten sich darüber, ob es eine direkte russische Intervention gibt. Der Öffentlichkeit wurden bisher jedoch keine Beweise dafür vorgelegt. Derweil schränken aber jegliche Konflikte zwischen Belarus und seinen anderen Nachbarn den Handlungsspielraum des offiziellen Minsk bei der Gestaltung seiner Außenpolitik ein.

Dies wird heute noch akuter, da Lukaschenko versucht, ein Gegengewicht zum starken russischen Einfluss zu finden.

Im Juli wurde Belarus Mitglied der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit und der neu ernannte belarussische Außenminister Maksim Ryzhankou wählte China als ersten Staat für seinen Besuch.

Die Vergrößerung der Kluft zwischen Belarussen und Litauern durch die Wiedereinführung der Bedrohung durch den Litwinismus in die Öffentlichkeit würde Russland dabei helfen, keine zusätzlichen Ressourcen für den Verbleib von Belarus in seiner Einflusssphäre aufzuwenden.

Der Litwinismus ist bereits Teil des politischen Spiels geworden.

Die litauischen Nachrichtendienste behalten diese Situation im Auge. Die zweideutigen Positionen einiger Politiker und Experten zur Bedrohung durch den Litwinismus, ohne eine klare Botschaft an die litauische Gesellschaft, werden den politischen Regimen, die Litauen bekämpft, jedoch weiterhin Vorteile verschaffen.

Dieser Artikel ist Teil des FREIHEIT Medienprojekts zu Europas Nachbarschaft, das vom Europäischen Medien- und Informationsfonds (EMIF) finanziert wird.

[Bearbeitet von Alexandra Brzozowski/Zoran Radosavljevic]