Befindet sich Europa mitten im Baby-Boom? [DE]
Mehrere EU-Länder erleben einen plötzlichen Anstieg der Geburtenrate, ein Trend der erstaunlich ist in Hinblick auf die Wirtschaftskrise. EURACTIVs Netzwerk untersucht die Gründe für diese wachsende Zahl der Geburten, von Land zu Land.
Mehrere EU-Länder erleben einen plötzlichen Anstieg der Geburtenrate, ein Trend der erstaunlich ist in Hinblick auf die Wirtschaftskrise. EURACTIVs Netzwerk untersucht die Gründe für diese wachsende Zahl der Geburten, von Land zu Land.
Frankreich: Hilfe durch soziales Netz
In Frankreich hat die Krise Paare nicht entmutigt, Kinder zu kriegen, berichtet EURACTIV.fr.
Tatsächlich könnten sie sogar dazu ermutigt worden sein: in 2008 stieg die Geburtenrate um 1,2% an und diese Tendenz scheint stabil zu sein.
Mit 829 000 Geburten letztes Jahr hat Frankreich eine Geburtenrate erreicht, wie seit 1982 nicht mehr.
Mit mehr als 2 Kindern pro Frau, statistisch gesehen, hat Frankreich die zweithöchste Geburtenrate nach Irland, einem Land mit strengen katholischen Traditionen.
Soziologen erklären den Baby-Boom in Frankreich mit einer guten sozialen Versorgung des Landes. Psychologen fügen dem hinzu, dass in Zeiten der Krise die Franzosen die Tendenz haben zu fundamentalen Werten zurückzukehren, so etwa Familie. Frankreich erlebte keinen Rückgang der Geburtenrat während der Ölkrise in den 1970er Jahren.
Französische Frauen in einem höheren Alter gebären Kinder. 2008 hatten 21,4% der neugeborenen Kinder eine Mutter im Alter von 35 oder älter, verglichen mit 16,3% zehn Jahre zurückliegend. Diese Tendenz wird noch deutlicher in Bezug auf das Alter des Vaters.
Zusätzlich sind Geburten außerhalb der Ehe auch im Anstieg und repräsentieren 52% aller Geburten im Jahr 2008 – 10% mehr als 1998. Der Prozentsatz der Kinder aus gemischten Ehen ist heute höher. 12,7% der Neugeborenen sind von Eltern unterschiedlicher Nationalitäten, 8% im Jahr 1998.
Nadine Morano, französische Staatssekretärin für Familienpolitik, begrüßte diese „exzellenten Ergebnisse“.
„Es ist eine ermutigende Nachricht welche die Menschen aus Frankreich senden, die beweist, dass man eine positive Zukunft sehen kann, trotz der Krise“, sagte sie.
Belgien: Sozialer Schutz und zweite Ehen
Das Nachbarland Belgien erlebt einen ähnlichen Trend. Die Geburtenrate ist am ansteigen und die Presse spricht bereits von einem „Baby-Boom“. Die Geburtenrate hat 1,7 Kinder pro Frau erreicht und stieg um 2% in Brüssel an. Im Vergleich dazu war die Geburtenrate 1,56% im Jahr 1994.
Soziologen denken, dass Belgiens Anstieg der Geburtenrate an den sich verändernden sozialen Mustern liegt: Da sich immer mehr Paare scheiden lassen, bekommen die neuen Paare Kinder.
Italien: Einwanderung als Grund
In Italien hat der Baby-Boom das Land überrascht und scheint durch Einwanderung mitbegründet. Obwohl Statistik für 2009 noch nicht erhältlich ist, schreiben Zeitungen über einen Geburtenanstieg.
Annamaria Celesti, eine italienische Gynäkologin, und regionale Beraterin der Toskana, meinte die wirtschaftliche Krise würde die Frauen dazu bringen mehr Kinder zu bekommen, nicht weniger.
„Kinder sind der Motor der gesellschaftlichen Erholung, sie sind eine Investition in die Familie und eine wirtschaftliche Ressource für die Zukunft“, erzählte Florence der täglichen Zeitung La Nazione, zu Beginn des Jahres.
Traditionell ist Italien ein Einwanderungsland. Italiens Bevölkerungsanzahl ist tatsächlich in dieser Dekade jedes Jahr angestiegen, aber nicht durch eine erhöhte Geburtenrate. Die Bevölkerung wächst jedes Jahr durch Einwanderung. Im Jahr 2008 wurden 57 000 neue Geburten verzeichnet, 12 000 mehr als 2007. Jedoch wurden davon 90 000 Babys geboren, deren Eltern eine andere Nationalität hatten, 15% der gesamten Neugeborenen.
Großbritannien: Baby-Boom durch pakistanische und polnische Einwanderer
Ähnliche Trends zeichnen sich in Großbritannien ab, schrieb der Guardian vor kurzem. Die Zahlen werden als „dramatisch“ beschrieben: 2001 war die durchschnittliche Anzahl der Kinder pro Frau 1,63. In 2009 stieg dies zu 1,96 Kindern an.
Auch hier sagen Experten der größte Faktor sei Einwanderung. Es gibt mehr Frauen in gebärfähigem Alter als zuvor und viele von ihnen kommen aus Indien, Afrika oder Osteuropa um in Großbritannien zu arbeiten und zu leben.
Die größte Anzahl der Mütter die nicht aus Großbritannien stammt, kommen aus Pakistan, gefolgt von polnischen Frauen. 2005 gab es 3 403 Geburten unter polnischen Frauen in Großbritannien, eine Zahl die sich auf 16 101 letztes Jahr erhöhte, sagte der Guardian.
Island: „Krisenbabys“
Weiter im Norden, in Island, spricht die Presse von „Krisenbabys“. Statistiken zeigen einen Anstieg von 3,5% in der Geburtenrate vom 1. Januar bis 10. August in diesem Jahr, verglichen mit derselben Zeit im Jahr 2008.
Experten erklärten dass Isländer im krisengebeutelten Island auf ihren praktischen Sinn hören würde, Vorteile aus Sozialleistungen von der Regierung in Anspruch zu nehmen. Eltern bekommen eine 9monatige Karenzzeit bezahlt – drei für die Mutter, drei für den Vater und weitere drei die einer von beiden nehmen kann.
Finnland: Höchste Geburtenrate in diesem Jahrzehnt
Statistiken bestätigen dass es bereits 2008 einen Baby-Boom in Finnland gab, der Trend scheint zudem stabil. Achthundert Kinder mehr wurden letztes Jahr in Finnland geboren als im letzten Jahr. Die Geburtenrate in Finnland ist nun am höchsten in diesem Jahrzehnt – 1,85 Kinder pro Frau verglichen mit 1,83 im Jahr 2007. 1994 war die Geburtenrate genauso hoch wie 2008.
Polen: Überfüllte Entbindungsstationen
Ein Baby-Boom scheint in mehreren osteuropäischen Ländern stattzufinden. Der Grund ist, dass nach den Jahren des Übergangs vom Kommunismus zur Marktwirtschaft viele Paare das Kinderkriegen verschoben hatten.
Statistiken in Warschau zeigen, dass die Hauptstadt Polens mehr Geburten verzeichnet als in den Vorjahren. Presseberichte berichten von einem Mangel an Entbindungskliniken, überfüllten Räumen und sogar Korridore.
In privaten Kliniken in Polen existiert solch ein Problem nicht, aber die Kosten einer Geburt betragen dort bis zu 3 000 Euro.
Bulgarien: der Herausforderung trotzen
In Bulgarien war die Geburtenrate bereits um 7% höher im 2. Quartal 2009 als im vorhergehenden Jahr, schrieb die Presse. Bulgarische Soziologen kommentierten, dass in Zeiten der Not die Bulgarer dazu neigen „der Herausforderung zu trotzen“.
Diese Ansicht wird durch die Tatsache, dass tatsächlich die ärmste Region Bulgariens rund um die Stadt Montana im Nordwesten des Landes, einen Rekord von einem 30%igen Anstieg der Geburtenrate, verzeichnete.
Rumänien: Schwierig zu messen
In Rumänien findet möglicherweise ein Baby-Boom statt, aber es ist schwierig diesen zu messen, nachdem Hunderttausende Rumänen im Ausland arbeiten, besonders in Italien und Spanien.
Ioan Bolovan, Professor an der Babes Bolyai University in Cluj sprach mit EURACTIV, warnte aber davor, dass seine Kommentare nicht auf Forschung basierten:
„Ich denke nicht, dass in den kommenden Jahren ein Baby-Boom in Rumänien statt finden wird, wie in anderen EU-Ländern, unsere Realitäten sind verschieden. Erstens sind in Rumänien Familien bezogene Politiken nicht so kohärent wie in anderen EU-Ländern. Wir haben nur isolierte Maßnahmen (…) einen Mangel an einer klaren Vision. Der schlechte Zustand der Wirtschaft unseres Landes trägt zu diesen Realitäten bei, ebenso das Fehlen einer mittel- und langfristigen Strategie“, sagte Professor Bolovan.