Balkankonferenz: Wirtschaft als Vehikel

"Das Schlimmste ist bereits vorbei, das Beste jedoch auch." Ein Zitat von Ökonomen zog sich durch die Debatten des Wirtschaftsforums der jüngsten Balkankonferenz in Berlin. Für Konzerne sind die Länder mitunter zu klein, für die KMU gerade richtig. Probleme gibt es genug, aber das niedrige Niveau bei Löhnen und Steuern sorgt für ein Wachstum, das über dem EU-Durchschnitt liegt.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (L) und sein Amtskollege in Bosnien-Herzegowina, Sven Alkalaj, besuchen die Altstadt von Sarajevo. „Die Volkswirtschaften Südosteuropas hinken hinterher“, hieß es beim Wirtschaftsforum der jüngsten Balkankonferenz in
Bundesaußenminister Guido Westerwelle (L) und sein Amtskollege in Bosnien-Herzegowina, Sven Alkalaj, besuchen die Altstadt von Sarajevo. "Die Volkswirtschaften Südosteuropas hinken hinterher", hieß es beim Wirtschaftsforum der jüngsten Balkankonferenz in

„Das Schlimmste ist bereits vorbei, das Beste jedoch auch.“ Ein Zitat von Ökonomen zog sich durch die Debatten des Wirtschaftsforums der jüngsten Balkankonferenz in Berlin. Für Konzerne sind die Länder mitunter zu klein, für die KMU gerade richtig. Probleme gibt es genug, aber das niedrige Niveau bei Löhnen und Steuern sorgt für ein Wachstum, das über dem EU-Durchschnitt liegt.

Große Konzerne zögern noch mit Investitionen in die Westbalkanregion. "Ein Markt von 600.000 Leuten ist nun einmal nicht sehr attraktiv", hieß es beim Wirtschafts-Round Table auf der internationalen Balkankonferenz in Berlin am vergangenen Wochenende. Dennoch zeigte man sich überzeugt, dass noch immer Wachstumsmöglichkeiten vorhanden seien. Früher oder später werde die ganze Region Mitglied der EU sein.

Manche Konzerne überlegten sogar, sich aus manchen Ländern mit eigener Vertretung wieder zurückzuziehen. Die Märkte sind in den einzelnen Ländern des Westbalkans offenbar zu klein und die Kaufkraft zu gering.

"Das Schlimmste ist vorbei, das Beste jedoch auch"

Österreichs Außenminister Michael Spindelegger eröffnete den Wirtschaftsteil der internationalen Balkankonferenz in Berlin mit einem Leitmotiv eines Wirtschaftsforschungsinstituts zum Thema Westbalkan: "Das Schlimmste ist bereits vorbei, das Beste jedoch auch."

Ob das Schlimmste wirklich vorbei sei, könne man angesichts der Unwägbarkeiten rund um den Euro derzeit nicht sagen. Anzumerken sei in jedem Fall, dass die Westbalkanstaaten eng mit der Euro-Zone verbunden seien. Vor allem mit Österreich gebe es eine starke wirtschaftliche Verflechtung. Das Beste sei jedenfalls noch nicht vorbei, so Spindelegger. Man müsse die Perspektive der Region weiter aufrecht erhalten.

"Die Volkswirtschaften Südosteuropas hinken hinterher", erklärte Herbert Stepic, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen Bank International. Sie seien acht Monate später in die Krise gekommen und seien derzeit langsamer, wenn es darum gehe, aus ihr herauszukommen. Warum sich Südosteuropa weniger dynamisch entwickle, erklärte Stepic so: Die weltweite Nachfrage stagniere und werde von der Arbeitslosigkeit begleitet. Das führe zu einer kräftigen Entwicklung der Schattenwirtschaft. Außerdem seien die Länder klein und hätten nach dem Auseinanderfallen von Jugoslawien aufgehört, miteinander zu kooperieren.

Kampf um Regionalvertretungen

Brigitte Ederer, Vorstandsmitglied der Siemens AG, wies darauf hin, dass sich große Unternehmen in anderen Teilen der Welt wie Indien, Russland oder China stärker engagierten, weil diese als Wachstumsmotoren der Welt gelten. In den Westbalkanstaaten sei Siemens eher mit Lokalmanagern tätig, was mit der instabilen und unsicheren Rechtssituation zu tun habe.

Als großer Konzern komme man mit den Märkten der kleinen Länder der Region schwer zurecht: Ein Markt von 600.000 Leuten sei nun einmal nicht sehr attraktiv, die administrativen Kosten seien zu hoch, und es fehle das Verständnis dafür, warum man dort Regionalvertretungen brauche. Der Markt müsse sich daher rasch und sehr stark erholen.

Ein weiterer Punkt sei die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit, so Ederer. „Wenn man zwanzig Jahre lang eine Arbeitslosigkeit von etwa 20 Prozent hat, hat das zur Folge, dass die Kaufkraft niedrig und die Arbeitsmoral vielleicht nicht so hoch ist wie in anderen Ländern.“ Zudem würden junge, engagierte Arbeitskräfte nach Westeuropa auswandern und dort bleiben wollen – es gebe ein "brain drain". Für das nachhaltige Wachsen einer Volkswirtschaft sei das ein Nachteil.

"Wir mussten wirklich sehr schnell lernen"

Ivan Crnjac, Vorstandsmitglied von Agrokor – eigenen Angaben zufolge das größte private Unternehmen in Kroatien – betonte, dass es sich um eine recht junge Region handele. Erst seit zehn Jahren betreibe man in den Großstädten der Welt Geschäfte. Manager hätten zu Beginn noch nicht westeuropäisch gedacht. Erst die Märkte und Firmen hätten sie dazu gebracht, "best practices" aus Westeuropa zu implementieren: "Wir mussten wirklich sehr schnell lernen."

"Wir haben die Unternehmen so schnell wie möglich restrukturiert", erklärte Crnjac. In den vergangenen 16 Jahren habe man die Einnahmen von 300 Millionen Euro auf 4 Milliarden Euro erhöht. Hierhin zu kommen sei jedoch äußert schwierig gewesen, insbesondere wenn man die Finanzierungskosten berücksichtige. Es habe keine Bereitstellung von Kapital gegeben, Zinssätze lägen zwischen 20 und 30 Prozent. Ohne Raiffeisen und die großen Banken wäre es jedoch unmöglich, in der Region Geschäfte zu machen.

Luftfahrt noch unterentwickelt

Die Dichte der Mobilität reflektiere direkt den Wohlstand einer Region, so Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber. Wolle man den Lebensstandard erhöhen, müsse man sich mit der Welt verbinden. Die Westbalkanregion sei jedoch im Bereich der Luftfahrt "total unterentwickelt". Lufthansa habe nur zwei strategische Partner in der Region.

Wolle man der Europäischen Gemeinschaft näher kommen, müsse man dafür sorgen, dass die Luftfahrt und andere Transportmittel ein strategisches Wirtschaftsgut der Region werden. Er sei aber optimistisch, dass Geschäftsreisen und Tourismus wieder ansteigen würden. In Bereichen der kulturellen Vielfalt und Natur sei die Region schließlich hochinteressant, so Mayrhuber.

Günther Ofner, Vorstandsvorsitzender der EVN Macedonia Holding, zeigte sich überzeugt, dass die Wachstumsmöglichkeiten der Region noch immer vorhanden seien und dass man im Vergleich zu Europa mit einer doppelt so hohen Wachstumsrate rechnen könne. Früher oder später werde die ganze Region Mitglied der EU sein. Es gebe gut ausgebildete und relativ billige Arbeitskräfte, gute Produktionsstandorte und eine gewaltige Nachfrage nach Energie und Infrastruktur.

Was passiert bei Regierungswechseln?

Trotzdem wolle er die Probleme nicht ausblenden. Es gebe noch immer einen Mangel an Rechtsstaatlichkeit und keine ausreichend effektive Administration. Für jeden Investor stelle sich daher die Frage: "Was passiert, wenn es in einem dieser Länder einen Regierungswechsel gibt?" Als bedeutender Investor in der Region forderte er alle Politiker auf europäischer Ebene dazu auf, sich weiter zu bemühen, die Region in Europa zu integrieren.

Wirtschaftsexperte aus Wien: Positive Bilanz

Die österreichische Sicht ist offensichtlich weniger kritisch als so manche deutsche. Georg Krauchenberg, Regionalmanager Südosteuropa in der Wirtschaftskammer Österreich (WKO), zieht im Gespräch mit EURACTIV.de eine durchaus positive Bilanz.

Gerade die kleinen Wirtschaften würden den KMU in Österreich durchaus entgegenkommen. Für 2011 sehe die Entwicklung wieder sehr positiv aus.

Niedriges Lohn- und Steuerniveau

Grundsätzliche Vorteile der Westbalkanregion seien nach wie vor das sehr niedrige Steuerniveau und das geringere Lohnniveau. Trotzdem gebe es gut ausgebildetes Personal, was speziell die österreichischen Firmen immer wieder betonen, so der Balkanexperte der WKO.

Die Nähe der nachbarschaftlichen Märkte erlaube zudem eine viel engere Zusammenarbeit als etwa mit Fernost. Dadurch sei sogar eine Arbeitsteilung bei Produktionen teils in Österreich, teils in südosteuropäischen Ländern, gang und gäbe. "Dazu kommt, dass diese Länder einen großen Nachholbedarf haben und wir uns gute Chancen ausrechnen."

Geringe Verschuldung

Die Verschuldung der Westbalkanländer sei ziemlich gering, die Situation überhaupt nicht vergleichbar mit Griechenland, Portugal, Spanien oder Italien. Diese Staaten seien "relativ ganz gut aufgestellt". Die wirtschaftliche Abwärtsentwicklung im Jahr 2009 hätten sie dennoch stark mitbekommen, da ihnen Eigenmittel fehlten, um eigene Konjunkturprogramme zu entwerfen.

Wachstum über dem EU-Durchschnitt

Hier stellt Krauchenberg aber schon wieder eine Umkehr fest: "Wir erwarten für die Länder Südosteuropas ab 2011 ein Wachstum, das über dem Durchschnitt in den EU15-Staaten (also West-Zentraleuropa) liegt. Da sind wir ziemlich zuversichtlich." Er rechne damit, dass die multinationalen Konzerne "schon wieder an eine Erweiterung der Geschäfte denken".

Daniel Tost

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