Atomkraft-Renaissance in Frankreich wirkt gesetzt, aber EDF wankt

Emmanuel Macron und Marine Le Pen, die beiden Kandidaten der zweiten Runde der französischen Wahlen, befürworten beide eine Renaissance der Kernenergie. Für den Staatskonzern EDF verheißt das zusätzlichen Druck.

EURACTIV.fr
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Gegenwärtig ist nur die Hälfte der französischen Kernkraftwerke, die normalerweise etwa 50 Prozent der Stromerzeugung des Landes liefern, in Betrieb. [[olrat / Shutterstock]]

Emmanuel Macron und Marine Le Pen, die beiden Kandidaten der zweiten Runde der französischen Wahlen, befürworten die Wiederaufnahme der Kernenergie. Für den Staatskonzern EDF verheißt das nichts Gutes. EURACTIV Frankreich berichtet.

Das multinationale französische Stromversorgungsunternehmen EDF, derzeit davon beschädigt, dass die französische Flotte von Atomkraftwerken kein gutes Bild liefert und nahezu zur Hälfte außer Gefecht ist, steht dabei im Rampenlicht.

Aufgrund der notwendig gewordenen Abschaltung von Reaktoren, für reguläre Wartungen oder aufgrund verdächtiger Risse, und einer staatlich verordneten Preisreduzierung wankt EDF aber derzeit.

Mit den atomkraftfreundlichen Programmen von Macron und Le Pen dürfte das Unternehmen angesichts der hohen Investitionskosten für die Wartung und den Bau von Reaktoren unter noch mehr finanziellen Druck geraten.

Denn Atomkraftwerke bauen ist teuer. Schätzungen zufolge kostet die Kilowattstunde Strom aus einem neu gebauten Atomkraftwerk um einiges mehr als Strom aus Solar oder Wind.

Nachdem etwaige Geldgeber bereits von der mangelhaften Performance von EDFs Reaktoren verunsichert wurden, steht nun eine Verstaatlichung des Konzerns im Raum, was das Investitionsklima weiter abkühlen hat lassen.

Zwei Atomkraftbefürworter

Bei der Vorstellung seines Wahlprogramms am 10. Februar in Belfort erläuterte Macron seinen Plan, sechs neue Kernreaktoren des Typs EPR 2 zu bauen, acht weitere Projekte zu prüfen und bestehende Anlagen zu vergrößern.

„Ich fordere EDF auf, in Zusammenarbeit mit der Behörde für nukleare Sicherheit die Bedingungen für eine Verlängerung über 50 Jahre hinaus zu prüfen“, sagte Macron.

Eine „interministerielle Programmdirektion für neue Kernenergie“ werde eingerichtet, um „die Verwaltung zu gewährleisten, die Verwaltungsverfahren zu koordinieren und sicherzustellen, dass die Kosten und Fristen der Projekte eingehalten werden“, so Macron weiter.

Macron kündigte auch neue Regelungen für Atomstrom an, die die Regelung namens „Kontrollierter Zugang zu älterem Atomstrom“ ablösen sollen. Diese Regelung ermöglicht es allen Energieversorgern, unter vom Staat festgelegten Bedingungen Strom von EDF zu beziehen und soll bis zum Jahr 2025 gelten.

Nicolas Goldberg, Energieexperte beim Think Tank Terra Nova, erklärte gegenüber EURACTIV, dass Macrons Ansatz glaubwürdig sei.

„Der Kandidat war fünf Jahre lang Präsident, er hat eine Studie bei verschiedenen Expertengruppen in Auftrag gegeben. Es gibt bereits ein Audit sowie Schätzungen und Zeitpläne, die durchgeführt wurden“, erklärte er.

Aber die Ambitionen Le Pens gehen noch weiter.

In ihrem „Marie-Curie“-Plan kündigte die Kandidatin an, dass sie die Laufzeit der bestehenden Kraftwerke auf 60 Jahre verlängern wollte, das Kraftwerk Fessenheim (das 2020 geschlossen wurde) wieder in Betrieb nehmen würde sowie fünf Reaktoren des Typs EPR bis 2031 und fünf Reaktoren des Typs EPR 2 bis 2036 bauen wollte.

Diese Prognosen seien jedoch nicht unbedingt glaubwürdig, so Goldberg.

In einer von Terra Nova am Montag (11. April) veröffentlichten Mitteilung betonte er, dass Le Pens Ankündigungen „im Widerspruch zu dem stehen, was die Atomindustrie befürwortet“.

„Laut unabhängigen Audits, die im Auftrag des Staates durchgeführt wurden, würde eine heutige Entscheidung über eine Wiederaufnahme der Kernenergie bedeuten, dass die ersten EPRs bestenfalls zwischen 2035 und 2037 zur Verfügung stehen könnten“, heißt es in der Mitteilung.

„Es sollte auch daran erinnert werden, dass die Industrie selbst Zweifel an ihrer Fähigkeit geäußert hat, mehr als 14 EPRs bis 2050 zu bauen.“

Neben Le Pens Atomkraft-Ehrgeiz hat sie auch auf Widersprüche in Macrons Rhetorik verwiesen. Dieser soll vor seiner atomkraftreundlichen „Kehrtwende“ das AKW Fessenheim geschlossen haben.

Allerdings ist Macron für diese Entscheidung nicht verantwortlich, da das Dekret zur Abschaltung des Kraftwerks 2017 unter der Amtszeit von François Hollande erlassen wurde.

„Sie will zeigen, dass sie, das Rassemblement National, die wahren Atomkraftbefürworter sind“, so Goldberg. Auch wenn die von der Kandidatin angekündigten 20 EPRs nur „eine politische Aussage“ seien, handele es sich um einen „undurchführbaren“ Vorschlag.

Wird EDF verstaatlicht?

Macron und Le Pen würden sich bei der Umsetzung ihrer Atomprojekte auf EDF stützen, das sich derzeit zu 84 Prozent im Besitz des Staates befindet.

„Der Staat wird seine Verantwortung wahrnehmen, um die finanzielle Situation und die Finanzierungskapazität von EDF kurz- und mittelfristig zu sichern, damit das Unternehmen seine Strategie der rentablen Entwicklung im Rahmen der Energiewende weiterverfolgen kann“, kündigte Macron im Februar in seiner Rede in Belfort an.

Einige haben diese Aussage als offene Tür für eine Verstaatlichung interpretiert.

„Emmanuel Macron weiß sehr wohl, dass für eine billige Kernenergie eine öffentliche Finanzierung erforderlich ist“, so Goldberg. Bei einer Verstaatlichung wären die Kreditzinsen von EDF nicht mehr dieselben und auch die Risikoteilung würde sich ändern.

Am 18. Februar erklärte der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire auf RTL, dass „EDF neue Aktien ausgeben wird und der Staat, der 83,9 Prozent von EDF hält, sich an dieser Rekapitalisierung mit fast 84 Prozent beteiligen wird. […]. Das hat nichts mit Verstaatlichung zu tun“.

Macron äußerte auch Zweifel an der Verstaatlichung von EDF. „Bei einem Teil der souveränsten Aktivitäten muss man in Betracht ziehen, dass der Staat einen Teil des Kapitals zurückerhält, was mit einer umfassenderen Reform des führenden französischen Elektrizitätsunternehmens einhergeht“, sagte er auf einer Pressekonferenz am 18. März.

„Für Emmanuel Macron ist es meiner Meinung nach kompliziert“, sagte Goldberg. „Es gibt gleichzeitig den Willen, einen integrierten Konzern zu erhalten, die Kernenergie öffentlich zu finanzieren und auf den europäischen Märkten zu bleiben.“ Die Verstaatlichung ist auf Macrons Seite nicht sicher, und sie könnte nur teilweise erfolgen.

Für Le Pen sei die Frage der Verstaatlichung hingegen klarer, so Goldberg. „Es ist eine Verstaatlichung, egal was es kostet“, sagt der Experte. Allerdings hat die Kandidatin in ihrem Programm keine Details zu diesem Thema genannt. Als EURACTIV ihr Wahlkampfteam für weitere Details kontaktierte, kam keine Antwort.

Unabhängig davon, wer die Präsidentschaftswahlen gewinnt, sind zwei Dinge sicher: Die Kernenergie wird ausgebaut und EDF wird ins Rampenlicht gerückt werden.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]