Atom-Comeback in Europa?

Experten diskutieren einen möglichen Trend zur Kernkraft in Europa. Italien bereitet den Wiedereinstieg vor. Osteuropa sucht die Unabhängigkeit von Moskau. Finnland argumentiert mit dem Klimaschutz. Russland möchte mit ukrainischer Hilfe zum Nuklearriesen aufsteigen. EURACTIV.de gibt einen Überblick.

In Zukunft könnten 17 EU-Staaten Kernenergie produzieren. Foto/Montage: EC/awr
In Zukunft könnten 17 EU-Staaten Kernenergie produzieren. Foto/Montage: EC/awr

Experten diskutieren einen möglichen Trend zur Kernkraft in Europa. Italien bereitet den Wiedereinstieg vor. Osteuropa sucht die Unabhängigkeit von Moskau. Finnland argumentiert mit dem Klimaschutz. Russland möchte mit ukrainischer Hilfe zum Nuklearriesen aufsteigen. EURACTIV.de gibt einen Überblick.

15 von 27 EU-Mitgliedsstaaten produzieren heute Atomenergie. Italien und Polen planen derzeit den Einstieg. Einige europäische Länder kündigen neue Atommeiler an. Stellt sich also die Frage: Erlebt die Kernkraft in Europa ein Comeback?

Severin Fischer, Energieexperte des Instituts für Europäische Politik Berlin (IEP), erkennt bislang nur eine "rhetorische Renaissance" der umstrittenen Technologie. Tatsächlich gebe es nur sehr wenige Projekte, die in den kommenden Jahren verwirklicht werden könnten. In diesem Jahrzehnt sei eher damit zu rechnen, dass der Anteil von Atomstrom am EU-Energiemix abnehme. Zwischen Planung und Umsetzung von Projekten vegehen oft Jahrzehnte. Oft bleibt es bei der Ankündigung.

Langfristig könne man jedoch nicht ausschließen, dass viele Mitgliedstaaten auf Atomenergie setzen, um ihre Klimaziele zu erreichen. Klar ist für Fischer: "Die öffentliche Debatte zur Kernkraft ist in nur wenigen EU-Staaten emotional so aufgeladen wie in Deutschland." Die Anti-Atombewegung sei nirgendwo in Europa so tief verwurzelt wie hierzulande.

Lutz Mez, Umweltexperte an der FU Berlin, bestreitet vehement ein weltweites Comeback der Atomenergie. Vielmehr versuche die internationale Atomlobby seit Jahren eine Renaissance herbeizureden, so Mez in einem Standpunkt auf EURACTIV.de Anfang März.

Sind die vielen neuen "Atommeldungen" also nur Lärm um nichts? EURACTIV.de gibt einen Überblick über die aktuellen Entwicklungen.

Italien: Berlusconi will Pro-Atom-Werbung

Italien und Russland haben zu Beginn der Woche eine umfangreiche Nuklear-Partnerschaft vereinbart. Der größte italienische Stromversorger Enel und der russische Energiekonzern Inter Rao Ues werden gemeinsam ein neues Atomkraftwerk in Kaliningrad entwickeln. Der Start ist zwischen 2016 und 2018 geplant. Der Strom soll nach Russland und Osteuropa fließen. Grundlage ist eine neue Technologie des italienischen Partners Enel. 

Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin bietet zugleich finanzielle und technologische Hilfe bei der Wiedereinführung der Kernenergie in Italien an. Man könne Brennmaterial liefern und die Entsorgung der atomaren Abfälle übernehmen. Letzteres könnte zu Streit mit der EU führen. EU-Energiekommissar Günther Oettinger will den Atommüll-Export in Drittländer künftig verbieten.

Italien ist 1987 nach einer Volksabstimmung aus der Atomenergie ausgestiegen. Die Regierung Berlusconi hat Ende 2009 den Wiedereinstieg beschlossen. 2013 soll mit dem Bau des ersten Meilers begonnen werden. 2030 sollen Kernkraftwerke rund ein Viertel des Stroms in Italien liefern. Offen ist bisher die Standortfrage. 

Derzeit wirbt Ministerpräsident Silvio Berlusconi für die Technologie. "Bevor wir einen passenden Ort für das erste Atomkraftwerk finden können, muss ein Meinungsumschwung in Italien stattfinden", so Berlusconi. Die Mehrheit der Bevölkerung sei mit der Atomenergie einverstanden, trotzdem wünsche sich niemand, neben einem Atomkraftwerk zu wohnen.

Berlusconi sieht Frankreich als Vorbild für die gesellschaftliche Akzeptanz der Kernenergie. Er habe bereits mit Verantwortlichen des öffentlichen Fernseh- und Rundfunksenders (RAI) über einen Werbefilm gesprochen, der die Erfahrungen von Franzosen schildern soll, die in der Nähe eines Atomkraftwerks leben, wird Berlusconi in den italienischen Tageszeitungen zitiert. 

Polen und Baltikum wollen Unabhängigkeit

Polen plant derzeit die ersten Kernkraftwerke. Eines soll in der Nähe Danzigs den Betrieb aufnehmen, ein anderes in Krzymow, etwa 200 Kilometer entfernt von Berlin. Die Energieproduktion ist für 2020 geplant. Jedes AKW soll mehr als 60 Jahre laufen.

Außerdem plant Polen ein gemeinsames Kraftwerk mit den drei baltischen Staaten. Hintergund ist die Abhängigkeit der Region von russischen Importen. Litauen musste jüngst auf Druck der EU sein altes Kraftwerk Ignalina abschalten, das als Sicherheitsrisiko galt. Damit ist man im Grunde vollständig auf Moskau angewiesen, da bislang Leitungen zu den EU-Nachbarn fehlen, etwa nach Skandinavien.

"Vom Standpunkt der Energiesicherheit her sind wir in einer ganz prekären Lage", äußerte der litauische Botschafter in Deutschland, Mindaugas Butkus, gegenüber EURACTIV.de. Die EU fördert derzeit die Netzintegration des Baltikums (EURACTIV.de vom 4. März 2010).

Für Polen ist das Ziel klar: In absehbarer Zeit sollen 15 Prozent des Stroms aus der Kernkraft kommen.

Finnland: Grüner Widerstand erlahmt

Die finnische Regierung hat vergangene Woche die Baugenehmigung für zwei neue Reaktoren beschlossen. Damit wären künftig sieben AKW im 5-Millionen-Land am Netz. Allerdings muss das Parlament noch zustimmen. Ziel ist die vollständige Unabhängigkeit von Importen aus Russland. Außerdem will Helsinki mit der Atomkraft die Klimaziele der EU erfüllen und Kohlekraft ersetzen. "Wir werden unsere Energie selbst produzieren können, und das auch noch mit sauberen Methoden", so der konservative Wirtschaftsminister Mauri Pekkarinen. Die mitregierenden Grünen sind zwar gegen den Neubau, wollen die Koalition aber aufgrund der Nuklear-Frage nicht wie im Jahr 2002 platzen lassen.

Schweiz: Kernkraft auf lange Sicht unersetzbar

Die regierende Schweizer Volkspartei (SVP) hat kürzlich den Plan für die zukünftige Energieversorgung der Schweiz präsentiert. Das Programm sieht den Bau von zwei neuen Atomkraftwerken vor, die alte Anlagen ersetzen sollen. "Die Zeit drängt, im Jahr 2020 stehen wir bereits mitten in einer Versorgungslücke", so SVP-Nationalrat Adrian Amstutz, laut einem Medienbericht. Erneuerbare Energien könnten die Atomkraft nicht ersetzen, heißt es von Seiten der SVP. Auch der Ersatz der Atomenergie durch importierte Windkraft sei "völlig unrealistisch".

Ukraine & Russland als Nuklearriese?

In der Ukraine sorgt das neue Abkommen mit Russland über die Stationierung der Schwarzmeerflotte für Aufregung (EURACTIV 28. April 2010), das auch einen umfangreichen Atom-Deal umfasst. Beide Länder sollen nach der Vorstellung des russischen Premiers Wladimir Putin ihr Nuklear-Know-How bündeln. Auf diese Weise soll ein "Nuklearriese" entstehen, so Putin. "Wir haben den anspruchsvollen Plan, die Atomstromproduktion binnen der nächsten 10 Jahre zu verdoppeln." Gemeinsam wolle man auch auf den internationalen Märkten als Anbieter auftreten.

Auch die EU-Staaten dürften also vermehrt Nukleartechnik aus Moskau und Kiew angeboten bekommen. Die pro-westliche Opposition in der Ukraine sieht in der Atom-Partnerschaft einen weiteren Versuch Moskaus, seinen Einfluss im Land zu stärken.

Elisa Oddone