Ärger um Kernfusionsprojekt ITER

Akute Geldsorgen bedrohen den Bau des weltweit einmaligen Kernfusionsprojekts ITER in Südfrankreich. Nicht nur aus deutscher Sicht sei das Vorgehen der EU-Kommission "äußerst unzufriedenstellend", heißt es aus Diplomatenkreisen.

Der geplante Kernfusionsreaktor ITER im französischen Cadarache. Montage: ITER.
Der geplante Kernfusionsreaktor ITER im französischen Cadarache. Montage: ITER.

Akute Geldsorgen bedrohen den Bau des weltweit einmaligen Kernfusionsprojekts ITER in Südfrankreich. Nicht nur aus deutscher Sicht sei das Vorgehen der EU-Kommission „äußerst unzufriedenstellend“, heißt es aus Diplomatenkreisen.

EU-Diplomaten berichteten in Brüssel, dass die Europäische Kommission derzeit mit Mehrkosten von 1,4 Milliarden Euro rechnet. Ursprünglich waren für die Errichtung des Fusionsreaktors rund 5,8 Milliarden Euro veranschlagt worden. Ursachen für die gestiegenen Kosten seien unter anderem neue Standards für Sicherheit und Technik.

Um das internationale Projekt wie geplant bis 2019 fertigstellen zu können, prüfe Brüssel derzeit verschiedene Optionen zur Geldbeschaffung, hieß es weiter. Eine sehe eine anteilige Weitergabe der Zusatzkosten an die EU-Staaten vor. Für Deutschland würde das alleine bis 2013 rund 280 Millionen Euro bedeuten.

Vorgehen der Kommission "äußerst unzufriedenstellend"

Zur Sicherung der Milliardenkosten präferiere die Kommission zudem eine Verpflichtungserklärung der EU-Länder für alle Zusatzkosten bis 2020. Hochrechnungen zufolge könnten die Zusatzkosten für Deutschland bei dieser Lösung auf bis zu 900 Millionen Euro steigen.

"Nach der ersten Prüfung sind die Vorschläge der Kommission nicht akzeptabel", betonte der Diplomat. Nicht nur aus deutscher Sicht sei das Vorgehen der Kommission "äußerst unzufriedenstellend". So sei die Prüfung zu lange verzögert worden und nicht transparent genug. Es sei zudem nicht nachvollziehbar, warum nicht überprüft worden sei, ob es bei dem Projekt noch Einsparpotenziale gebe. Frankreich und Deutschland hätten bereits Vorschläge gemacht, die die Kosten um rund 600 Millionen Euro senken könnten, hieß es weiter.

Um die geplante Fertigstellung nicht zu gefährden, muss die milliardenschwere Finanzierungslücke spätestens bis zum 18. Juni geschlossen werden. Denn dann sind Gespräche mit den Partnerländern USA, Russland, China, Japan, Indien und Südkorea geplant.

Der Testreaktor im französischen Cadarache soll die erste Kernfusionsanlage im Kraftwerkmaßstab werden und als erste überhaupt netto Energie produzieren. Der Reaktor, in dem Wasserstoff-Atomkerne verschmolzen werden, soll rund 20 Jahre laufen und zeigen, dass die Energiegewinnung aus der Kernfusion möglich ist. ITER steht für International Thermonuclear Experimental Reactor (Internationaler Thermonuklearer Experimenteller Reaktor) und bedeutet lateinisch "Der Weg".

Die Kommission hat vorgeschlagen die Kernfusion im Rahmen des SET-Plans weiter zu fördern. Bis 2020 gebe es Finanzierungsbedarf von 7 Milliarden Euro (EURACTIV.de vom 7.Oktober 2010).

dpa/awr

Links


Handelsblatt:
Berlin fordert Kostenstopp für Fusionsreaktor (19. Mai 2010)

ITER: Website

EU-Kommission: Website zum SET-Plan

EU-Kommission: Übersicht zu Kernfusion