An vorderster Front: Die Militärausgaben Mittel- und Osteuropas

Für Mittel- und Osteuropa sind Verteidigungsausgaben nicht nur diplomatische Wunschvorstellungen. Dabei verfolgen die Staaten mit einer Grenze zu Russland unterschiedliche Herangehensweisen.

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Canadian Army Trophy tank trials held in Larvia
Der Kaufrausch in Mittel- und Osteuropa – angetrieben von Polen, den baltischen Staaten und Rumänien – markiert eine tektonische Verschiebung. [EPA-EFE/VALDA KALNINA]

Für Mittel- und Osteuropa sind Verteidigungsausgaben nicht nur diplomatische Wunschvorstellungen. Dabei verfolgen die Staaten mit einer Grenze zu Russland unterschiedliche Herangehensweisen.

Brüssel – Die EU- und NATO-Staaten, die geografisch dem Kreml am nächsten liegen, übertreffen mit ihren Verteidigungsausgaben, ihre westlichen Pendants bei Weitem.

Bei einer Wahlkampfveranstaltung im vergangenen Jahr schlug der US-Präsident Donald Trump vor, er würde Russland gegenüber Staaten, die das NATO-Ziel von zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Verteidigungsausgaben nicht erreichen, „machen lassen, was zum Teufel sie wollen“. In jüngster Zeit brachte er eine Fünf-Prozent-Schwelle für Verteidigungsausgaben ins Spiel. Für die meisten Verbündeten ist dies ein unrealistisches Ziel, aber eine klare Botschaft: Washington erwartet mehr.

Doch die Auseinandersetzung zwischen Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am Freitag zeigte erneut: Europa kann nicht mehr sicher sein, dass es von Amerika unterstützt wird – egal wie viel es ausgibt. Diese Tatsache macht die Stärkung der militärischen Fähigkeiten der Region umso dringlicher.

Hier finden Sie eine Übersicht darüber, wo die mittel- und osteuropäischen Staaten stehen, weshalb sie Geld ausgeben und was dies für die Sicherheitslage auf dem Kontinent bedeutet.

Schwergewicht Polen

Polen ist das Paradebeispiel für Trumps Forderungen – und noch viel mehr. Die Invasion Russlands in die Ukraine hat Warschau, das eine gemeinsame Grenze mit der Ukraine und der russischen Exklave Kaliningrad hat, in helle Aufregung versetzt.

Im Jahr 2024 erreichten Warschau Verteidigungsausgaben von 4,12 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, mit Plänen diese bis 2025 auf 4,7 Prozent zu erhöhen. Es ist der höchste Prozentsatz des BIP für ein NATO-Land, selbst im Vergleich zu den 3,4 Prozent des BIP der USA (obwohl die Ausgaben der USA natürlich real höher sind).

Das Geld treibt eine militärische Umstrukturierung voran: 250.000 Berufssoldaten, die Modernisierung der veralteten F-16-Flotte und ein unermüdlicher Vorstoß, damit die NATO ihre zwei Prozentgrundlinien überdenkt. Polen modernisiert ebenfalls seine Luftwaffe mit neuen F-35-Jets, die 2020 bestellt wurden, und FA-50-Leichtjägern, die 2022 gekauft wurden.

Warschau gibt nicht nur Geld aus – es zeigt Stärke und positioniert sich als unverzichtbarer Akteur an der Ostflanke.

Tschechien rüstet auf

Tschechien, das 2024 zwei Prozent ihres BIP für Verteidigung ausgab, strebt in diesem Jahr einen Anteil von etwa 2,3 Prozent an.

Prag verblasst im Vergleich zu den Rekordzahlen Polens, aber der Krieg in Russland hat das Land zum Handeln motiviert. Noch 2023 wendete es nur 1,5 Prozent seines BIP für Verteidigung auf.

Das Land modernisiert sein Militär, das lange Zeit mit veralteter Ausrüstung zu kämpfen hatte, und plant große Anschaffungen wie 24 F-35-Jets und Leopard-2-Panzer.

Tschechien hat sich auch an der Hilfsfront für die Ukraine sehr aktiv gezeigt. Für die Entsendung von Hilfsgütern im Wert von über einer Milliarde US-Dollar in die Ukraine wurde das Land von der NATO gelobt. Anfang 2024 hat das Land eine europaweit angelegte Initiative zur Beschaffung von Munition für die Ukraine ins Leben gerufen.

Der Plan, der von mehreren EU- und NATO-Staaten unterstützt wird, zielt darauf ab, Hunderttausende von Granaten von globalen Lieferanten für die Verteidigung der Ukraine zu sichern – ein Beleg für die wachsende Rolle Prags als Sicherheitsvermittler in Europa.

Slowakei, NATOs größte Sorge

Bratislava erreichte 2024 zwar das Zwei-Prozent-Ziel der NATO, doch seit der erneuten Wahl von Robert Ficos zum Ministerpräsidenten im Jahr 2023 hat das Land eine scharfe anti-ukrainische Wende vollzogen.

Die Slowakei hat die Militärhilfe für das vom Krieg zerrüttete Land eingestellt, beliefert die Ukraine jedoch weiterhin auf kommerzieller Basis mit Waffen. Fico selbst schmiegt sich offen an Moskau an und besuchte Putin sogar im Dezember 2024.

Anfang dieser Woche bekräftigte Verteidigungsminister Robert Kaliňák von Ficos Partei, dass die Slowakei nicht bereit sei, den Verteidigungshaushalt über die Zwei-Prozent-Schwelle hinaus zu erhöhen. Man sei lediglich bereit, eine Erhöhung um „ein leichtes Plus von etwa einem Zehntel Prozent“ zu diskutieren.

Gefangen zwischen dem Druck von Trump und der anti-ukrainischen Politik im Inland, scheint Bratislava eher eine Zufallskarte in der Aufstellung der NATO zu sein.

Estland: ein kleines Land mit einem großen Scheckbuch

Estland gibt bereits aktuell ganze 3,43 Prozent des BIP für Verteidigung aus, doch das kleine Land mit 1,3 Millionen Einwohnern macht hier nicht Halt.

Mit einer Grenze zu Russland und mit quälenden Erinnerungen an die sowjetische Besatzung investiert Estland viel Geld in die Cyberabwehr und stärkt die Präsenz der NATO im Baltikum. Ein Signal an Trump – und Putin –, dass kleine Länder über ihre Verhältnisse hinauswachsen können.

Litauens stetiger Aufstieg

2024 erreichte Litauens Verteidigungshaushalt 2,8 Prozent des BIP und rückte damit in die Nähe der Spitzenreiter der NATO, während Russland seine Aggressionen unvermindert fortsetzt.

Präsident Gitanas Nausėda hat Trumps kühnen Vorschlag von fünf Prozent aufgegriffen und versprochen, die Ausgaben bis 2026 auf fünf bis sechs Prozent zu erhöhen. Analysten halten dieses Vorhaben angesichts des wirtschaftlichen Gegenwinds jedoch für unrealistisch.

Das Geld fließt in Drohnen, HIMARS-Artillerie und ein Abkommen über die Aufnahme von 5.000 deutschen Truppen bis 2027 – ein deutlicher Schwenk für eine Nation, die einst ausländischen Stützpunkten skeptisch gegenüberstand.

Lettland holt auf

Lettland, das 2024 bereits 3,45 Prozent ausgegeben hat, geht aufs Ganze. Das zwischen Estland und Litauen gelegene Land ist Teil des baltischen Trios, das Moskau die Stirn bietet.

Mit dem Geld werden die Truppenausbildung und die Interoperabilität der NATO finanziert, aber Lettland hat auch größere Ausrüstung im Auge. Die Inflation bereitet Kopfzerbrechen, aber Riga ist entschlossen, mit seinen Nachbarn Schritt zu halten.

Rumänien: weniger auffällig, aber nicht weniger ernst

Im Jahr 2024 erreichte Rumänien 2,5 Prozent des BIP, was etwa 7,95 Milliarden Euro entspricht und plant, diesen Wert stabil zu halten. Bukarest, das an die Ukraine grenzt, beobachtet die Schwarzmeerambitionen Russlands mit wachsender Besorgnis.

Das Geld wird für die Modernisierung eines alternden Militärs – man denke an die HIMARS-Systeme der USA – und die Stärkung der Südostflanke der NATO verwendet. Rumänien spricht nicht darüber, aber es ist ein zuverlässiges Rädchen im Getriebe der Allianz.

Der griechische Sonderfall

2024 gab Griechenland drei Prozent seines BIP für Verteidigung aus. Ihre Motivation ist weniger auf Russland als vielmehr auf die ewige Rivalität mit der Türkei zurückzuführen, einem NATO-Verbündeten, der zum Feindbild geworden ist.

Athen investiert in Rafale-Jets und Fregatten und lässt in der Ägäis seine Seemacht spielen. Trump mag sich nicht für den Aspekt Ankara interessieren, doch die Zahlen würde er gutheißen.

Bulgarien kommt gerade so über die Runden

Bulgarien gilt als eines der schwächsten Glieder an der Ostflanke der NATO, und seine Armee verwendet immer noch veraltete sowjetische Waffen, doch Änderung ist in Sicht.

Im Jahr 2024 gab Bulgarien aufgrund großer Militärabkommen und einer 30-prozentigen Erhöhung der Armeegehälter, um neue Soldaten anzuwerben, 2,5 Prozent des BIP aus.

Mit 16 F-16 Block 70-Kampfflugzeugen – acht davon werden 2025 erwartet –, Stryker-Panzerfahrzeugen und Javelin-Raketen aus den USA sowie einem IRIS-T SLM-Raketensystem und Patrouillenschiffen von der Lurssen-Werft aus Deutschland und 3D-Radargeräten von Thales aus Frankreich kauft Bulgarien überall ein, um sein Militär zu modernisieren.

Deutschland ist auch mit von der Partie und liefert ein IRIS-T SLM-Raketensystem im Wert von 182 Millionen Euro und Patrouillenschiffe im Wert von einer Milliarde Euro von der Lürssen-Werft. Das französische Unternehmen Thales rundet währenddessen den Kaufrausch mit 3D-Radargeräten im Wert von 140 Millionen Euro ab und festigt damit den multinationalen Vorstoß Sofias zur Modernisierung seines Militärs.

Das Gesamtbild

Der Kaufrausch in Mittel- und Osteuropa – angetrieben von Polen, den baltischen Staaten und Rumänien – markiert eine tektonische Verschiebung.

Diese Länder, die einst als Juniorpartner abgetan wurden, sind nun an der Spitze der NATO und übertreffen prozentual westliche Giganten wie Deutschland (zwei Prozent) und Frankreich (prognostizierte zwei Prozent bis 2025).

Der Krieg Russlands hat das Blatt gewendet: Der Westen holt gegenüber einem führenden Osten auf, was angesichts der geografischen Nähe des Ostens zu Russland verständlich ist.

Doch es ist nicht alles rosig: Die Inflation, die beispielsweise in den baltischen Staaten mit über 15 Prozent im Jahr 2023 am höchsten ist, zehrt an der Kaufkraft.

Im Moment ist die Botschaft aus Mittel- und Osteuropa klar: Gebt viel Geld aus, weil ihr es müsst. Trumps Druck könnte der zusätzliche Anstoß sein, der die Dynamik aufrechterhält – oder die Grenzen dessen aufzeigt, was Geld allein bewirken kann.

[DE/MK/KN]