Alternativen vom Schattenkabinett

Vertragsänderungen, Euro-Krise und gescheiterte Haushaltsverhandlungen: Die EU steht vor großen Herausforderungen. Dabei vernachlässigen die Mitgliedsstaaten oft den europäischen Gedanken, findet die Spinelli Gruppe und gründet ein Schattenkabinett. Es soll alternative Lösungsvorschläge präsentieren und "gesamteuropäische Interessen gegenüber nationalen durchsetzen", erklärt Guy Verhofstadt gegenüber EURACTIV.

Europa sollte sich gegenüber nationalen Interessen durchsetzen, fordert die Spinelli-Gruppe. Foto: dpa
Europa sollte sich gegenüber nationalen Interessen durchsetzen, fordert die Spinelli-Gruppe. Foto: dpa

Vertragsänderungen, Euro-Krise und gescheiterte Haushaltsverhandlungen: Die EU steht vor großen Herausforderungen. Dabei vernachlässigen die Mitgliedsstaaten oft den europäischen Gedanken, findet die Spinelli Gruppe und gründet ein Schattenkabinett. Es soll alternative Lösungsvorschläge präsentieren und „gesamteuropäische Interessen gegenüber nationalen durchsetzen“, erklärt Guy Verhofstadt gegenüber EURACTIV.

Die so genannte Spinelli Gruppe hat ein europäisches Schattenkabinett aufgestellt. Es soll alternative Lösungen zu wichtigen Debatten präsentieren. Das erste Treffen der Beteiligten wird Mitte Dezember stattfinden, erklärte Guy Verhofstadt Vorsitzender der liberalen Fraktion im EU-Parlament am Dienstag (16. November) gegenüber EURACTIV in Brüssel.

Man werde sich vor allem mit den gescheiterten Verhandlungen über den EU-Haushalt befassen, fuhr der frühere belgische Ministerpräsident fort. Das Scheitern der Verhandlungen habe einmal mehr deutlich gemacht, dass einige Mitgliedsstaaten nicht bereit seien, Kompetenzen an die EU abzutreten, kritisierte Verhofstadt. Dies verstoße gegen die Prinzipien der europäischen Gründerväter, gegen den Geist des Lissabon-Vertrags und gegen die Interessen der europäischen Bürger, beklagte er.

Verhofstadt prangerte auch an, dass diese "kleine Anzahl an Staaten" über europäische Eigenmittel nicht einmal habe reden wollen. EU-Finanzkommissar Janusz Lewandowski hatte vorgeschlagen, eine EU-Steuer einzuführen, etwa in Form einer Transaktionssteuer oder einer CO2-Abgabe (EURACTIV.de vom 6. September 2010). Dies war am Widerstand der Mitgliedsstaaten gescheitert.

Föderalismus wiederbeleben

Die Spinelli Gruppe will die Debatte über den europäischen Föderalismus wiederbeleben. Die teilnehmenden EU-Abgeordneten setzen sich das Ziel, die "föderale und post-nationale Agenda" voranzutreiben. Nur europäische Lösungen seien richtige Lösungen, heißt es im Gründungsmanifest. Zu den Unterzeichnern gehören auch Daniel Cohn-Bendit, Ex-Außenminister Joschka Fischer und die Ex-Kommissionspräsidenten Romano Prodi und Jacques Delors.

Die Gruppe kritisiert, nationale Lösungsansätze würden seit der Wirtschafts- und Finanzkrise immer beliebter. In der jetzigen Situation müsse die EU sich enger abstimmen und koordinieren. Verhofstadt erläuterte, man wolle gesamteuropäische Interessen gegenüber nationalen durchsetzen. Mittlerweile beteiligen sich dem Fraktionsvorsitzenden zufolge mehr als sechzig EU-Abgeordnete an der Initiative.

Kritiker bemängeln hingegen, Initiativen wie die Spinelli Gruppe seien undemokratisch, weil sie nicht von den Bürgern selbst kämen. Laut Umfragen ist die EU unter ihren Bürgern zur Zeit so unbeliebt wie selten zuvor.

Gegen Vertragsänderungen

Auch die vor allem von der deutschen Regierung geforderten Änderungen des EU-Vertrags werden auf dem Treffen des Schattenkabinetts eine Rolle spielen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert, den EU-Vertrag zu ändern, um einen dauerhaften "Krisenbewältigungs-Mechanismus" einzuführen.

Verhofstadt machte erneut deutlich, dass er Vertragsänderungen für unnötig hält. Die geforderte "Wirtschaftsregierung" (economic governance) ließe sich auch mit dem bestehenden Vertragswerk verwirklichen. Beide Themen werden auch auf dem EU-Gipfel eine Rolle spielen, der einen Tag später beginnt.

EURACTIV.com / hme

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