Albaniens Heilkräuterindustrie floriert trotz Zukunftssorgen
Die albanische Heilkräuterindustrie, die durch die Pandemie angekurbelt wurde, verzeichnete 2021 einen Produktionsanstieg von 65 Prozent im Vergleich zu 2020, was einer von anderen Problemen geplagten Branche den dringend benötigten Optimismus verleiht.
Die albanische Heilkräuterindustrie, die durch die Pandemie angekurbelt wurde, verzeichnete 2021 einen Produktionsanstieg von 65 Prozent im Vergleich zu 2020, was einer von anderen Problemen geplagten Branche den dringend benötigten Optimismus verleiht.
Die Pandemie führte dazu, dass die Menschen weltweit nach Bioprodukten und ergänzenden Therapien wie Kräutern und pflanzlichen Arzneimitteln suchten.
Auch Albanien profitierte davon, denn das Land verfügt über eine bedeutende Industrie für Heilkräuter wie Salbei, Lavendel, Lavendin sowie Strohblume und ist der weltweit führende Exporteur von Salbei.
Die steigende Nachfrage nach ätherischen Ölen, Tees, Lotionen und Heilmitteln waren für die albanischen Landwirt:innen ein Anreiz, mehr zu produzieren.
Das Einkommen aus dem Anbau und Verkauf von Heilkräutern ist für viele Familien, auch in ländlichen und bergigen Gebieten, eine wichtige Einnahmequelle.
Nach Angaben der Regierung profitieren rund 20.000 Familien und insgesamt 100.000 Menschen direkt von dieser Branche – eine beachtliche Zahl in einem Land mit 2,7 Millionen Einwohner:innen.
Shkodra im Norden ist das wichtigste Gebiet für diese Branche, gefolgt von Elbasan in der Zentralregion und Kukes im gebirgigen Norden.
Albanien ist ein Nettoexporteur von Arzneipflanzen, wobei die Branche 19 Prozent der Exporteinnahmen beisteuert. Weltweit steht Albanien in diesem Bereich auf Platz 16.
Die lokale Industrie wuchs bereits im Jahr 2020 um 14 Prozent, doch im darauffolgenden Jahr erreichte sie ein noch nie dagewesenes Niveau von 65 Prozent.
Die Landwirte sind jedoch besorgt über die Zukunft des Sektors.
Filip Gjoka, Präsident des Verbands für Arznei- und Gewürzpflanzen, ist besorgt über die Abschaffung der 6 Prozent-Mehrwertsteuerregelung, die seiner Meinung nach die Landwirt:innen entmutigen wird. Auch die steigenden Preise für Rohstoffe und Anbauprodukte könnten das Wachstum im wahrsten Sinne des Wortes bremsen.
Das Hauptproblem für die Nachhaltigkeit des Sektors ist jedoch die Massenabwanderung ins Ausland und in größere Städte.
Ein Bauer, Xheladin, der 50 Hektar am Rande von Koplik im Bezirk Shkodra bewirtschaftet, erklärte gegenüber Exit, dass seine erwachsenen Kinder ins Ausland gezogen sind und nicht die Absicht haben, zurückzukommen und den Familienbetrieb zu übernehmen.
„Das ist traurig. Sie haben erfolgreiche Karrieren – als Arzt und Makler – und sehen keine Zukunft, wenn sie hierher zurückkommen“, sagte er.
Seit 1990 baut er Salbei, Lavendel, Thymian und Helichrysum an. Er erklärt, dass er in einem guten Jahr etwa acht Tonnen Blumen ernten kann. Eine Tonne Kräuter entspricht maximal vier Kilogramm Öl.
Die Nachfrage sei zwar groß, aber das mangelnde Interesse der jüngeren Generation stelle eine Gefahr für die Zukunft dar, sagt er. Die Arbeiter:innen, die derzeit sein Land bewirtschaften, haben noch vier oder fünf Jahre Zeit, bevor sie in Rente gehen. Danach, so sagt er, weiß er nicht, woher er weitere Arbeitskräfte bekommen soll.
„Ich weiß nicht, wer meinen Hof übernehmen und wer sich um das Land kümmern wird“, sagt er.
Die Massenauswanderung ist ein Problem in Albanien. Jüngsten Berichten zufolge liegt der Anteil derer, die das Land verlassen wollen, zwischen 60 und 83 Prozent.
49 Prozent der Bevölkerung planen aktiv die Abwanderung, und die Einwohnerzahl ist in letzter Zeit auf ein Rekordtief gefallen, was durch die Überalterung und die stagnierende Geburtenrate noch verschärft wird.
Vor allem der nördliche Teil Albaniens wird seit den 1970er Jahren für den Anbau von Heilkräutern genutzt. Während des Kommunismus erwirtschaftete dieser Sektor rund 50 Millionen Dollar pro Jahr und beschäftigte etwa 100.000 Menschen. Heute liegt der jährliche Exportwert bei etwa 17 Millionen Dollar.
Doch die Beschaffenheit des Bodens stellt einige von Kopliks Landwirt:innen vor ein weiteres Problem. Der Einsatz von Maschinen ist notwendig, um die Effizienz zu steigern und die Arbeit auf steinigen Böden zu erleichtern.
Das Problem ist, dass diese Maschinen aus dem Ausland importiert werden müssen, was für kleinere Betriebe teuer und logistisch kompliziert ist. Hinzu kommt, dass die Wartung der Geräte kostspielig ist und ebenfalls die Einfuhr von Teilen aus dem Ausland erfordert.
Einer der größten Erzeuger in der Region erklärt, dass es schwierig sein kann, jemanden zu finden, der die Maschinen repariert, da es im Land nur eine einzige Person gibt, die sie warten kann; der nächstgelegene Techniker befindet sich in Italien.
Auch andere Gegenstände wie Destillierapparate oder Lagermaterial müssen importiert werden, was zusätzliche und erhebliche Kosten verursacht.
Ohne Arbeitskräfte und Maschinen könnte es bald niemanden mehr geben, der die Arbeit fortsetzt – trotz der wachsenden internationalen Nachfrage.