Alarmruf zu Europas Banken

Der Internationale Währungsfonds (IWF) sorgt mit einem Schreckensszenario über die Lage der europäischen Banken für Aufregung. Politik und Banken spielen die Sorgen herunter.

Die neue IWF-Direktorin Christine Lagarde redet Klartext zur kritischen Lage europäischer Banken. Freunde macht sie sich damit keine. Foto: dpa
Die neue IWF-Direktorin Christine Lagarde redet Klartext zur kritischen Lage europäischer Banken. Freunde macht sie sich damit keine. Foto: dpa

Der Internationale Währungsfonds (IWF) sorgt mit einem Schreckensszenario über die Lage der europäischen Banken für Aufregung. Politik und Banken spielen die Sorgen herunter.

Der Internationale Währungsfonds IWF befürchtet, dass die Staatschuldenkrise die Kapitaldecke europäischer Banken um bis zu 200 Milliarden Euro absenken könnte. Das berichtet die "Financial Times" (Donnerstagausgabe). Dieses Szenario ergäbe sich, wenn die Banken alle Staatsanleihen aus den Euro-Schuldenstaaten auf den Marktwert abschreiben müssten.

Die europäische Politik und die Banken selbst wollen davon aber nichts wissen. "Wir kennen diese Zahlen, aber wir glauben, dass der Bericht große methodische Schwächen aufweist", sagte ein nicht genannter Regierungsvertreter aus der Euro-Zone.

Die vom Währungsfonds errechneten 200 Milliarden entsprächen zehn bis zwölf Prozent des Grundkapitals und der Gewinnrücklagen der europäischen Banken. Die Zahl steht EU-Kreisen zufolge im Entwurf des regelmäßig erscheinenden Finanzstabilitätsberichts des IWF, der Ende September erscheint. Dazu haben die Experten die Staatsanleihen von Griechenland, Portugal und Spanien, aber auch von Italien, Frankreich und Belgien in den Bankbüchern mit ihren Marktwerten angesetzt. Sie werden wegen der Verunsicherung vieler Investoren über die Zukunft des Euro unter dem Nennwert gehandelt, mit einem Ausfall rechnen Experten aber nicht.

Eine ziemlich brutale Übung

"Abschreiben auf den Marktwert ist eine ziemlich brutale Übung", zitierte die "Financial Times" einen ungenannten IWF-Vertreter. "Aber das sind Schätzungen, die Hedgefonds derzeit anstellen." Das könne auch die dramatischen Aktienkursverluste europäischer Banken in den vergangenen Wochen erklären.

Die neue IWF-Chefin Christine Lagarde war bereits mit ihrer Forderung nach einer dringenden Rekapitalisierung europäischer Banken auf Widerspruch gestoßen (EURACTIV.de vom 29. August 2011). Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann lehnt das ab: Die Deutsche Bank sei besser mit Kapital versorgt denn je. Der Geschäftsführer des Bankenverbandes BdB, Michael Kemmer, kritisierte die IWF-Chefin in der Zeitung "Die Welt": "Man tut nicht gut daran, Aufgeregtheiten zu provozieren." Er räumte aber ein, dass die Staatsschuldenkrise zu weiteren Abschreibungen bei den Banken führen könnte. Die Landes- und Förderbanken brauchten kein zusätzliches Kapital, sagte ein Sprecher des Landesbanken-Verbandes VÖB.

Der französische Notenbankchef Christian Noyer schüttelte den Kopf über seine Landsfrau: "Entweder sie wurde von ihren Mitarbeitern beim IWF falsch informiert – das ist möglich -, oder sie hat die französischen Banken nicht im Sinn gehabt", sagte er. Spaniens Finanzministerin Elena Salgado kritisierte die Schätzung als "verzerrt". Der IWF habe nur die möglichen Verluste untersucht und dabei ignoriert, dass etwa der Wert der Bundesanleihen gestiegen sei. Er habe sich schon 2009 getäuscht, als er seine Schätzungen für die Verluste der Banken durch die Finanzkrise um ein Viertel nach unten korrigieren musste.

Experten halten den Alarmruf der neuen IWF-Chefin für einen Versuch, sich als unabhängig zu profilieren. "Das zeigt, dass Lagarde die Europäer nicht mit Samthandschuhen anfasst", sagte Jacob Kirkegaard vom Peterson Institute for International Economics in Washington. Sie schone auch jene nicht, die ihre Wahl unterstützt hatten. "Gleichwohl gibt es wenig Grund zu der Annahme, dass die EU-Politiker dem Rat Lagardes folgen werden und Staatsgeld in die unterkapitalisierten Banken stecken werden", sagte Kirkegaard. Vielleicht bereuten sie das bald.

Sorgen der EBA

Der IWF und ihre neue Direktorin Lagarde sind allerdings nicht die einzigen, die sich um die Kapitalausstattung europäischer Banken sorgen. Die Europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA hatte sich Medienberichten zufolge ebenfalls um die knappe Kapitalausstattung europäischer Banken gesorgt (EURACTIV.de vom 30. August 2011). Die "Financial Times Deutschland" hatte aus einem nicht abgeschickten Brief des Italieners an den Rat der europäischen Finanz- und Wirtschaftsminister zitiert, in dem EBA-Chef Andrea Enria direkte Kapitalspritzen des europäischen Rettungsfonds EFSF für Krisenbanken fordert.

Bislang kann der die EFSF die Banken nur indirekt stützen, indem sie den jeweiligen Staaten Kredite gibt. Enrias Vorschlag würde daher die einzelnen Länderbehörden entmachten. Von Deutschland kam prompt Widerstand: Ein Sprecher der Finanzaufsicht BaFin betonte, die Behörde habe sich dagegen ausgesprochen, dass Enria einen solchen Brief schreibe. Der stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende Michael Meister stellte klar, dass die Erstzuständigkeit weiter bei dem Land liegen solle, in dem eine Bank ansässig ist. Erst wenn ein Euro-Staat die Rettung einer Bank nicht stemmen könne, sollte der EFSF angerufen werden. "Ich plädiere dafür, dass es dabei bleibt, dass wir notfalls Kredit-Garantien für Länder geben", sagte Meister in Berlin.

Basel III

Banken brauchen ohnehin in den nächsten Jahren mehr Kapital, um die verschärften Anforderungen der Regulierer ("Basel III") zu erfüllen. Sie hoffen, dies ohne große Kapitalerhöhungen durch die Einbehaltung von Gewinnen und den Abbau von Risiken zu schaffen. "Es gibt keine deutsche Großbank, für die der Weg zu Basel III ein Spaziergang wäre", räumte DZ-Bank-Chef Wolfgang Kirsch ein.

Experten kritisieren jedoch, dass Basel III falsche Anreize setze: Staatsanleihen gelten dort als risikolos und müssen nicht mit Kapital unterlegt werden, so dass Banken sie Firmenanleihen vorzögen. Zudem sollen die Institute den größten Teil ihrer Liquidität in Staatspapieren halten. Die Banken ersparten sich damit ein angemessenes Kapitalpolster, und die Staaten müssten nichts gegen ihre hohe Verschuldung unternehmen, sagte der Wirtschafts-Nobelpreisträger von 2007, Roger Myerson.

EURACTIV/rtr/mka

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