Agrarmärkte müssen mit Ernteeinbußen in der Ukraine rechnen
Während die Lebensmittelpreise weltweit offenbar sinken, bleibt die Erschwinglichkeit von Lebensmitteln aufgrund der besorgniserregenden Prognosen für die bevorstehende Aussaat in der Ukraine ein Problem.
Während die Lebensmittelpreise weltweit offenbar sinken, bleibt die Erschwinglichkeit von Lebensmitteln aufgrund der besorgniserregenden Prognosen für die bevorstehende Aussaat in der Ukraine ein Problem.
Einem aktuellen Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zufolge sind die Preise für alle im Nahrungsmittelpreisindex der Organisation vertretenen Getreidesorten im Juli gefallen. Das ist insbesondere für Weizen der Fall, der 14,5 Prozent günstiger wurde.
Die FAO macht zwei Hauptgründe für diese Entwicklung aus: Die Wiederaufnahme der Exporte im Schwarzmeerraum infolge der in Istanbul erzielten Vereinbarung zwischen Russland und der Ukraine sowie die Tatsache, dass die Erntesaison begonnen hat.
2021 war die Ukraine mit einem Anteil von 10 Prozent am globalen Weizenmarkt nach Angaben der Vereinten Nationen der sechstgrößte Weizenexporteur der Welt.
Durch die russische Invasion hat sich die Marktsituation jedoch grundlegend geändert, was eine zusätzliche Bedrohung für die Ernährungssicherheit in der Welt darstellt.
Aus Sicht des stellvertretenden ukrainischen Landwirtschaftsministers Denys Bashlyk stellen die komplizierte Logistik und der Mangel an Lagermöglichkeiten die größten Herausforderungen für den Agrarsektor dar und dürften die bevorstehende Aussaat beeinträchtigen.
„Wir alle wissen, dass es Probleme mit der neuen Aussaat, der Ernte und den Pflanzenschutzmitteln geben wird. Aber ab heute ist die ukrainische Wirtschaft kampfbereit“, sagte er in dieser Woche während einer Debatte.
Vor der russischen Invasion entfielen auf die Ukraine und Russland 26 Prozent der weltweiten Weizen- und 14 Prozent der Maisausfuhren, wobei der Nahe Osten und afrikanische Länder zu den wichtigsten Abnehmern des Getreides gehörten.
„Wichtig ist nicht der Anteil der Ukraine an der Welterzeugung im Allgemeinen, sondern die starke Abhängigkeit einzelner Länder von ukrainischem Weizen und Mais“, erklärte Martin Banse vom Thünen-Institut für Agrar- und Landwirtschaftsforschung.
Wie auch Oleg Nivievskyi, Professor an der Kiewer Wirtschaftshochschule, unlängst betonte, wurden die globalen Handelsketten durch die Pandemie bereits stark beeinträchtigt, was die Substitution der ukrainischen Produktion auf dem Weltmarkt erschwert.
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Geringere Ernte in der Ukraine erwartet
Laut Banse wird die weltweite Weizenernte voraussichtlich auf bis zu 780 Millionen Tonnen belaufen und dazu beitragen, die Folgen des russisch-ukrainischen Krieges teilweise zu decken.
Die EU hat ihrerseits einige außergewöhnliche und zeitlich befristete Ausnahmen von den Umweltauflagen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) zugelassen, um die Produktionskapazitäten für Getreide in der EU zu maximieren.
Die Lage bei Mais ist jedoch weniger hoffnungsvoll, da die Ernten in den USA und in der EU geringer ausfallen, was in der EU zu einem Rückgang von 16 Prozent führen könnte.
Daher stellt sich die Frage, ob und in welchem Umfang die Ukraine Mais exportieren kann.
Generell sind die Ernten in der Ukraine im Jahr 2022 niedriger, was sowohl auf die Witterungsbedingungen als auch auf die Folgen des Krieges zurückzuführen ist, wie beispielsweise Verluste bei der Getreideernte, Schwierigkeiten beim Ernten und die Zerstörung von Ackerland.
Derzeit seien rund vier Millionen Hektar ukrainischer Ackerflächen vermint, sagte Pavlo Koval, Exekutivsekretär des ukrainischen Landwirtschaftsverbandes.
Zusammen mit dem Diebstahl von Getreide und Maschinen durch Russland führt dies zu geschätzten Verlusten von 8 Millionen Tonnen ukrainischem Weizen.
Nach Schätzungen von Nivievskyi sind im Juni 2022 rund 15 Prozent des ukrainischen Agrarsektors ruiniert, mit Verlusten von 20 Milliarden Dollar.
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Nach Angaben des ukrainischen Landwirtschaftsministeriums hat das Land jedoch seit Beginn der russischen Invasion 10 Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Erzeugnisse exportiert.
Mais ist mit einem Volumen von 3,8 Millionen Tonnen der meistexportierte Agrarrohstoff. An zweiter Stelle stehen Sonnenblumenkerne mit 1,4 Millionen Tonnen – 34 Mal mehr als im Jahr 2021.
Vor der Invasion waren aufgrund der hohen internen Nachfrage der Ölproduktionsindustrie weniger Sonnenblumenkerne und andere Ölsaaten exportiert worden.
Da die Fabriken jedoch über große Ölvorräte verfügten, war die Nachfrage nach dem Rohstoff nicht so groß wie erwartet, und auf vielen Höfen blockieren die ungenutzten Vorräte nun wertvolle Lagerkapazitäten für die neue Ernte.
Nach Schätzungen der Regierung werden die ukrainischen Lebensmittelexporte bis Ende August voraussichtlich drei Millionen Tonnen erreichen, was noch weit von den fünf Millionen pro Monat aus der Vorkriegszeit entfernt ist.
Außerdem fehlen der Ukraine rund 15 Millionen Tonnen an Lagerkapazität, da noch immer 20 Millionen Tonnen blockiert sind, wie Ophelia Nick, parlamentarische Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium, während einer Veranstaltung erklärte.
Sie betonte die Notwendigkeit, weiterhin nach „allen Möglichkeiten zu suchen, ukrainisches Getreide zu exportieren.“
[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Alice Taylor]