40 Jahre: Wer zu spät kommt…
60 Jahre alt wäre die DDR jetzt, gäbe es sie noch. Der 40. Geburtstag war ihr letzter. Zum Feiern war damals den wenigsten zumute. Es regierte die Angst – vor der chinesischen Lösung, vor leeren Worten Michail Gorbatschows, vor provozierter Gewalt. In den Tagen der Jubelfeiern waren die DDR-Bürger ein- und ausländische Besucher ausgesperrt.
60 Jahre alt wäre die DDR jetzt, gäbe es sie noch. Der 40. Geburtstag war ihr letzter. Zum Feiern war damals den wenigsten zumute. Es regierte die Angst – vor der chinesischen Lösung, vor leeren Worten Michail Gorbatschows, vor provozierter Gewalt. In den Tagen der Jubelfeiern waren die DDR-Bürger ein- und ausländische Besucher ausgesperrt.
40 Jahre alt ist die DDR, und den wenigsten ist zum Feiern zumute. Vielfältige Angst regiert das Land in diesen Tagen, Angst vor dem Ungewissen, Angst vor einer leeren Rede Michail Gorbatschows, Angst vor Provokationen durch den Sicherheitsapparat, Angst vor der "chinesischen Lösung".
Neuerdings eingesperrt in allen Himmelsrichtungen, wartet die Bevölkerung in höchster Anspannung, was nach den Jubiläumsfeiern passiert. Denn so kann es nicht weitergehen, sind sich alle einig. Irgendetwas müsse geschehen. Das ist das Thema eines jeden Gespräches. Aber was?
Ostberlin hat sich ordentlich herausgeputzt. In der Nacht vor der Ankunft der politischen Prominenz aus den befreundeten Staaten wurden die Straßen und Plätze nochmals gewaschen. Jede Statue ist angestrahlt. Blumen und Fähnchenschmuck verleihen der Hauptstadt ein festliches Aussehen.
Aber das ist Fassade.
Kaum jemand, der von der Flüchtlings- und Ausreisewelle und der Sturheit der politischen Führung nicht betroffen ist. "Wenn ich morgens ins Büro komme, werden die Nachrichten vom Westfernsehen vom Vorabend mit dem ,Neuen Deutschland‘ verglichen. Da wird die Zeitung so richtig zerpflückt", schildert ein junger Ingenieur eines Berliner Kombinats. "Und da sind sich alle 40 Kollegen in meinem Bereich völlig einig." Jeden Morgen der Galgenhumor: "Sind alle noch da?"
Keine Hoffnung aufs Neue Forum
Gerade heute erst habe er mit seinen Mitarbeitern diskutiert: Jetzt abzuhauen, wäre ein großer Fehler. „Jetzt ist es so heiß, gerade jetzt haben wir Hoffnung, jetzt muss man hierbleiben."
Auf die oppositionellen Gruppen wie "Neues Forum" oder "Demokratischer Aufbruch" stützt sich die Hoffnung nicht. "Die kennt hier ja niemand. Die können ihr Programm ja gar nicht vorstellen. Außerdem dürften die untereinander recht uneinig sein." Ein anderer Gesprächspartner bestätigt: "In der DDR gibt es noch keine Diskussions-und Mitteilungskultur. Hier kann sich doch niemand profilieren. "
Gorbatschows Worte an Honecker
Wird er was sagen oder nicht? Wenn Michail Gorbatschow für die Führung und die Bevölkerung der DDR keinen Ratschlag mitgebracht hat, wird vielen eine letzte Hoffnung genommen, dass sich noch etwas ändern könnte. Aber Illusionen machen sich nur wenige. Gorbatschow wird sein Prinzip der Nichteinmischung nicht zum 40. Geburtstag der DDR aufgeben. Deutliche Worte erhofft man sich vom sowjetischen Staats- und Parteichef allerdings beim Vieraugengespräch mit Erich Honecker.
Die Lage droht noch viel schlimmer zu werden, wenn die Gespräche hinter den Kulissen nichts nützen. "In unserem Kollektiv trösten wir uns selbst und sagen: Es kann ja gar nicht noch schlimmer werden", meint eine 35jährige Technische Zeichnerin. Aber sie glaubt das selbst nicht. "Dass die die Grenze zur Tschechoslowakei zugemacht haben, das macht uns schon Angst."
Eingesperrt und ausgesperrt
Dass sogar die Grenzübergänge in Berlin dichtgemacht wurden, dafür gibt es nur noch Kopfschütteln. Zwei Tage vor dem Staatsakt haben die Grenzer einige Hundert jüngere Bundesbürger abgewiesen, und einen Tag davor dann überhaupt alle Einreisewilligen. Die Behörden wollen verhindern, dass die Jubelfeiern gestört werden.
Ihr Mann, der Ingenieur, ist überzeugt, dass der bestens funktionierende Repressionsapparat vor einem Blutbad nicht zurückschrecken würde. "Ganz sicher kann das hier passieren, was in Peking passiert ist."
Die „chinesische Lösung“ mitten in Europa: Es habe sich schon soviel an Spannungen angesammelt, dass niemand mehr mit Vernunft rechnen könne. Die Hinwendung an die Volksrepublik China als "innenpolitische Mitteilung" ist nicht zu übersehen. Die blutige Niederschlagung des Studentenaufstands auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens mit Hunderten Todesopfern hat die DDR damals als nahezu einziges Land der Welt demonstrativ begrüßt. Zum 40. Jahrestag der Volksrepublik verriet das SED-Organ "Neues Deutschland" in großen Lettern auf Seite 1: "In den Kämpfen unserer Zeit stehen DDR und VR China Seite an Seite."
Pekinger Tage in Berlin
Ausgerechnet während der Jubelfeiern in Berlin finden die "Pekinger Tage" statt. An verschiedenen Plätzen werden Hochtechnologie und Kunsthandwerk gezeigt; chinesische und ostdeutsche Mannequins präsentieren fernöstliche Mode, eine Ausstellung mit Kinderzeichnungen, eine mit Web- und Stickkunst (Anmerkung für jüngere Leser: Unter Webkunst war damals die Kunst des Webens gemeint. Hätte es damals schon das Web gegeben, hätte die DDR schon früher Probleme bekommen.)
In Dresden finden die Tage des chinesischen Films statt, und als Hauptattraktion bietet das Ensemble Nummer 6 eine Peking-Oper dar. Der Fremdsprachenunterricht an den Schulen soll allerdings weiterhin das Russische bevorzugen. "Ganz einfach", erklärt sich das der Ingenieur, "unsere Führung sucht sich in China einen neuen großen Freund, die Sowjetunion steht ja jetzt nicht mehr hinter ihr."
Keine Erfahrung mit Großdemos
Die Vorgänge in Peking seien in der DDR "so dramatisch ins Gegenteil verkehrt worden, dass das ganz bestimmt ein Signal für die DDR-Bevölkerung sein sollte". Was ist, wenn die Leute von der Stasi oder gewisse Betriebskampfgruppen Proteste und Demonstranten provozieren? Monatelang wurden Angehörige der Betriebskampfgruppen auf Nahkampf ausgebildet. Denn Erfahrungen im Umgang mit Massendemonstrationen fehlen der Exekutive in der DDR. Das „Neue Forum“ und andere neu entstandenen Oppositionsgruppen appellieren an die Bevölkerung, sich nicht zu Gewalt provozieren zu lassen.
Umgekehrt hat sich in der Bevölkerung unglaublich viel aufgestaut. Da könnte tatsächlich einiges außer Kontrolle geraten. Dazu die Gerüchte und Nachrichten aus Dresden. Tausende wollten dort auf die Flüchtlingszüge in Richtung Westen aufspringen. Bei einer Demonstration von 10.000 Leuten kam es am Dresdner Bahnhof zu ernsten Schlägereien. Volkspolizei, Armee-Einheiten und Betriebskampfgruppen jagten mit Wasserwerfern und Schlagstöcken die Menge auseinander, aus der sie mit Steinen und Brandsätzen beworfen worden waren. Es gab etliche Schwerverletzte, viele Verhaftete.
In der Gethsemane-Kirche in Ostberlin, wo eine Mahnwache der Inhaftierten von Leipzig gedenkt, wollen einige Leute sogar von Todesopfern wissen: Zu verifizieren ist es nicht. Dresden ist faktisch abgeriegelt, die Telefonleitungen sind tot.
Schock zum Geburtstag
Die Einmauerung der DDR-Bevölkerung in alle Richtungen war für die Leute, die sich zum Geburtstag eher ein Geschenk in Form von leichteren Reisemöglichkeiten erwartet hatten, ein Schock. Dass das Verbot spontaner Reisen ins Nachbarland CSSR nur vorübergehend gelten solle, um die Fluchtwelle während der Feiern zu stoppen, das glaubt nun niemand mehr.
"Dass die Mauer stehenbleiben kann, das hätte sich 1961 auch kein Mensch gedacht. Und das Verbot der spontanen Reisen nach Polen, das wegen der ‚Solidarität‘ vor neun Jahren verhängt worden ist, sollte zunächst auch nur vorübergehend sein", resigniert ein älterer Berliner. "Wissen Sie, wenn in der DDR etwas gemacht wird, dann hält das lange." Nach einer Pause: "Meine Generation hat die 55 Jahre Diktatur jetzt satt!" Die Führung sei längst "kein Bestandteil unserer Gesellschaft mehr", meint er, "die ist einfach draußen". 95 Prozent der Bevölkerung, schätzt er, wäre auf eine Umgestaltung wie in Ungarn vorbereitet. „Darauf warten wir alle."
"Gefahren warten auf jene, die nicht auf das Leben reagieren"
Von der Ankunft des Gastes aus Moskau, der dem FDJ-Fackelzug und der Militärparade beiwohnen sollte, am Flughafen Berlin-Schönefeld gibt es keine Direktübertragung im staatlichen Fernsehen der DDR. Das hat es bis dahin noch nie gegeben. Michail Gorbatschow hält sich mit deutlichen Worten an die Adresse der DDR-Staatsführung vorerst zurück. Er ermuntert jedoch die Führung, die Impulse aus der Bevölkerung aufzugreifen. Vor Schwierigkeiten dürfe man dabei keine Angst haben. „Gefahren warten auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.“
Diese Worte sagt Gorbatschow noch am Flughafen in russischer Sprache. In freizügiger Übersetzung wird daraus das klassische Zitat: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." In seinen Memoiren schreibt Gorbatschow, er habe zwei Tage später Honecker im Vieraugengespräch gesagt: "Das Leben verlangt mutige Entscheidungen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."
Kurz vor Gorbatschows Ankunft sagt Erich Honecker zu Journalisten, es gehe ihm hervorragend. "Totgesagte leben länger." Dass er den Aderlass seines Landes verdrängt und nicht wahrhaben will – im Neuen Deutschland heißt es, die Republikflüchtlinge und Ausreisenden würden die DDR mit Füßen treten, man dürfe ihnen keine Träne nach weinen – geht möglicherweise auch darauf zurück, dass selbst er von seiner engsten Umgebung manipuliert worden ist.
"Gibt es ein Flüchtlingsproblem?"
Lutz F., damals 42 Jahre alt und für die Presseauswertung von Artikeln über die DDR in Westmedien zuständig, erzählt, wie manche allzu kritischen Berichte zurückgehalten worden seien. Man möchte – gleichsam aus Selbstschutz – Honecker nicht alles Negative vorlegen, weil man ihm und sich selbst nicht den Tag verderben wolle.
So ist vielleicht die Antwort zu erklären, die Honecker einem Journalisten gibt, der ihn – direkt vor Gorbatschows Landung – zur allgemeinen Lage befragt hat. Honecker reagiert mit der zynisch-rhetorischen Gegenfrage: "Gibt es ein Flüchtlingsproblem?"
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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