13. August 1961: die Wut, das Schweigen

Ein halbes Jahrhundert Mauerbau: Vor genau fünfzig Jahren begann das DDR-Regime, Ostberlin abzuriegeln und den Stacheldraht auszurollen, den Vorläufer der Berliner Mauer. Der damalige Korrespondent der Wiener „Presse“, Hans-Ulrich Kersten, beschrieb die Stimmungslage vom 13. August 1961. Wir dokumentieren seine Reportage.

Titelseite der Berliner Morgenpost, Sonderausgabe vom 13. August 1961 (Foto: Archiv)
Titelseite der Berliner Morgenpost, Sonderausgabe vom 13. August 1961 (Foto: Archiv)

Ein halbes Jahrhundert Mauerbau: Vor genau fünfzig Jahren begann das DDR-Regime, Ostberlin abzuriegeln und den Stacheldraht auszurollen, den Vorläufer der Berliner Mauer. Der damalige Korrespondent der Wiener „Presse“, Hans-Ulrich Kersten, beschrieb die Stimmungslage vom 13. August 1961. Wir dokumentieren seine Reportage.

Damaliger Berlin-Korrespondent mehrerer Zeitungen, darunter der österreichischen “Presse”, war der deutsche Journalist Hans-Ulrich Kersten. Sein Zeitungskürzel war huk.

"huk" beschrieb den 13. August 1961, schilderte die Stimmung der Berliner auf der Ost- und der Westseite, die wütend, gleichsam mit geballter Faust in der Tasche, zusehen mussten, wie der Stacheldraht ausgerollt wurde.

Ich habe seinen Artikel über den Tag eins des Mauerbaus ausgegraben und gebe ihn im Rahmen der Serie "Die Mauer, die Menschen und die Mitte Europas – Berliner Notizen eines Wiener Korrespondenten" ungekürzt und unverändert wieder.

Denn die geschilderten Szenen, in denen er Berliner, die einander gar nicht gekannt haben, miteinander reden oder miteinander schweigen lässt, erinnern mich stark an ähnliche Szenen zur Wendezeit, an die letzten Tage des „antifaschistischen Schutzwalls“.

Auch da standen Grüppchen einander völlig fremder Menschen zusammen. Was sie vorher auf den Straßen Ostberlins nie gewagt hätten: Sie redeten, diskutierten und ließen – noch verunsichert und verängstigt – ihre Gefühle raus. Aber es fiel kein lautes Wort – die Atmosphäre war gedämpft wie am Rande eines Begräbnisses. Im Hintergrund das Meer brennender Kerzen auf dem Vorplatz und den Stufen zur Gethsemanekirche nahe der Schönhauser Allee in Berlin. Viele hörten auch nur zu, nickten, schwiegen. Gespenstische Szenen, wenn ratlose Berliner die Seele öffnen.

Daran muss ich denken, wenn Hans-Ulrich Kersten die Szenen vom Beginn der Teilung Berlins wiedergibt.

Kersten schrieb in seinen Zeitungen vom 14. August 1961 (ich zitiere seine Reportage im Wortlaut und unverändert, also auch nach den alten Rechtschreibregeln):

Die Fäuste in der Tasche geballt


Berlin – Die Frühaufsteher unter den Westberlinern, die am Sonntag zum Frühstück in ihrem Radio nach der passenden musikalischen Unterhaltung suchten, hielten schockiert ein: "Der Verkehr zwischen … wird eingestellt", "bleiben folgende Übergänge geöffnet …", "hat der Ministerrat der DDR beschlossen …", so tönte es von allen Ostberliner Rundfunkstationen.

Die meisten schalteten sofort auf RIAS oder den "Sender Freies Berlin", und in deren Frühnachrichten hörten sie dann, was in der Nacht passiert war. Selten haben in Westberliner Wohnungen an einem Sonntagmorgen die Telefone so oft geläutet wie an diesem Sonntag. Einer sagte es dem anderen, aber wie oft klang auch die bange Frage auf: "Ist der und der noch rübergekommen?"

Schon in den frühen Morgenstunden des Sonntags setzte eine Masseninvasion der Westberliner in den Tiergarten ein. Die "Straße des 17. Juni" zwischen der Siegessäule und dem Brandenburger Tor war um 10 Uhr bereits verstopft. Ein Wagen parkte hinter dem anderen. Zu Hunderten, zu Tausenden ballten sich die Westberliner unmittelbar an dem Halbrund vor dem Tor. Westberliner Polizeiposten hielten sie zurück, sorgsam darauf bedacht, daß jede Unmutsäußerung unterbliebe.

Meterbreite Gräben


Es ist nicht zuviel gesagt: Die dort standen und zusehen mußten, wie Volkspolizisten und Volksarmisten in Arbeitskleidung mit Preßluftbohrern unter dem Schutz schwerbewaffneter Soldaten und Polizisten die Straße aufrissen, quer über die Fahrbahn metertiefe und meterbreite Gräben aushoben, Steine und Asphalt zu Barrieren aufschichteten, Betonpfeiler einließen, Spanische Reiter aufstellten und (zumeist aus Westdeutschland bezogenen) Stacheldraht zogen, diese Westberliner, die sozusagen mit geballten Fäusten in den Taschen standen, diese Berliner kochten vor Wut.

Es sind trotzdem nicht wenige Westberliner, die unbeirrt dennoch mit ihrem Wagen durch das Brandenburger Tor oder über einen der übrigen zwölf offen gebliebenen Übergänge nach Ostberlin hineinfahren. Die Abfertigung ist ruhig und höflich: die Westberliner zeigen ihren Personalausweis vor, die westdeutschen Besucher ihren Paß oder auch ihren Personalausweis, dessen Nummer auf dem Zettel vermerkt wird, der ihnen bis 24 Uhr den Aufenthalt erlaubt. Und schon rollen die Wagen weiter.

Heerlager in den Straßen


Rund hundert Meter nach der Sektorengrenze passieren sie dann jene drei- und vierfache Postenketten, die jeden Passanten in Richtung Westen kontrollieren. Hier wird jeder, aber auch jeder Ostberliner oder Zonenbürger unbarmherzig zurückgeschickt, gleichgültig, welche Bitte er auch immer vorbringt, um nach Westberlin zu gelangen.

Die Straßen des ehemaligen Regierungsviertels der alten Reichshauptstadt gleichen einem Heerlager. Mannschaftswagen über Mannschaftswagen sind in den Straßen oder auf Ruinenflächen abgestellt. Aus den Hauseingängen der Ministerien und sonstigen Verwaltungsgebäuden, aus den Einfahrten lugen schwerbewaffnete Angehörige der "Betriebskampfgruppen" in ihren grauen Anzügen hervor, und immer wieder, nahe dem Bahnhof Friedrichstraße, in der Leipziger Straße, nahe dem "Haus der Ministerien", dem früheren Reichsluftfahrtministerium, finden sich auf Ruinenflächen sechs, sieben, acht Schützenpanzer, hier und da auch ein Panzer sowjetischer Bauart, besetzt und fahrbereit.

An jeder Sperre stehen Polizisten


Es sind nicht allzu viele Passanten, die auf der Ostberliner Seite den Geschehnissen folgen. An den großen Straßenkreuzungen in der unmittelbaren Nähe offener oder nunmehr geschlossener Sektorenübergänge haben sich Menschentrauben gebildet, aber kein Wort fällt. Sie schweigen, und ihre Gesichter sind beredter Ausdruck dessen, was sie in diesen Stunden denken und empfinden.

Die Funktionärslimousinen, die an diesem Vormittag mit auffallend erhöhter Geschwindigkeit an ihnen vorbeipreschen, würdigen sie keines Blicks. Selbst wo irgendwelche Gruppen zusammenstehen, wo man vielleicht von außen her ein Gespräch, eine Diskussion vermuten könnte, fällt kein Wort. Keiner kennt den anderen, sofern er nicht an seiner Uniform erkennbar ist: und so schweigt man.

Erst im Bahnhof Friedrichstraße wird die ganze Nervosität dieses Tages sichtbar. Hier, wo die Schienenstränge der Fernbahn, der S-Bahn und der U-Bahn aus allen vier Richtungen der Stadt zusammenlaufen, spürt man die ganze Bedeutung des Tages.

So muß es zu allen Zeiten auf allen Bahnhöfen der Welt bei Bekanntwerden einer Kriegserklärung ausgesehen haben. Menschen, die sich bis zu dieser Stunde nie gesehen haben, stehen zusammen, reden auf einen Uniformierten ein, warten vor irgendeinem Amtszimmer, lesen Zeitungen, irren umher von dem einen Ausgang zu den Bahnsteigen, zu dem anderen, planlos, ratlos, aufgescheucht wie von einer Luftschutzsirene.

Alle Hinweise zu den Bahnsteigen gelten nicht mehr. Wo "Eingang" steht, ist geschlossen. Wo "Ausgang" steht, ist der Zugang. Keiner findet sich mehr zurecht. An jeder Sperre, gleichgültig ob offen oder geschlossen, stehen Polizisten. Sechs, sieben oder mehr an der Zahl.

Es ist, als wollte jeder noch den letzten Zug erreichen. Aber es fährt kein Zug mehr. Jedenfalls nicht mehr in Richtung Westen. Nur Inhaber eines Westberliner Personalausweises dürfen jenen S-Bahn-Zug betreten, der vom Bahnhof Friedrichstraße als Einsetzer in Richtung Westen fährt.

Chaos auf dem Bahnsteig


Das Chaos auf dem anderen Bahnsteig, von dem aus, ebenfalls als Einsetzer, die Züge in Richtung Osten fahren, ist nicht mehr zu entwirren. Menschentrauben drängen in die Züge. Nur zurück, nur fort. Die menschlichen Tragödien, die sich vom frühen Sonntagmorgen an auf diesem Bahnhof abgespielt haben, sind fast nicht auszudenken; wie viele Flüchtlinge mögen in der Nacht aus ihren Heimatorten aufgebrochen sein, um dann in Ostberlin, zumeist hier auf diesem Bahnhof, von der Entwicklung überrascht worden zu sein.

Für die Geheimhaltung, mit der Pankow die Abriegelung Westberlins vorbereitet hat, spricht die Tatsache, daß als einzige der fünf in Ostberlin sonntags erscheinenden Zeitungen nur das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" den Beschluß des Ministerrates, die Erklärung der Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten und die Anordnungen des sowjetzonalen Innenministers und des Verkehrsministers veröffentlichte.

Laufend erhält der Zeitungskiosk im Bahnhofsgebäude Nachschub. Selten ist das Blatt, zumal an einem Sonntag, so reißend weggegangen wie an diesem Tag. Aber kaum jemand verschwendet die Zeit mit der Lektüre der langstieligen Erklärungen, deren Formulierungen sie seit Wochen und Monaten kennen.

Fast jeder liest nur die amtlichen Anordnungen, will konkret wissen, was ist und was wird und hält nachdenklich inne, wenn er die letzten Zeilen unten auf dem hochformatigen Blatt liest: "Diese Maßnahmen tragen vorläufigen Charakter und bleiben in Kraft bis zum Abschluß eines Friedensvertrages."

Das verlegene Lächeln der Funktionäre


Neben der Hoffnungslosigkeit, die in diesen Stunden durch die Hallen dieses Bahnhofsgebäudes geistert, steht der Gleichmut, wie er hier und da aus den martialischen Gesichtern der Uniformierten schaut, steht das verlegene Lächeln der Funktionäre, und dennoch geht das Leben weiter. In den Wartesälen sitzen die Reisenden, an den Fahrkartenschaltern ballen sich die Menschen, aber die Fahrkarten in die Freiheit sind ausverkauft.

Am Alexanderplatz sind dem Straßenbild kaum die Geschehnisse dieses Tages abzulesen. Hier spürt man schon kaum mehr die Nervosität der Innenstadt. Hier fehlen auch schon die Uniformierten, wenn man von einzelnen Fahrzeugen der Volkspolizei oder der Volksarmee, von vereinzelten Polizeiposten auf Balkonen oder auf den Bahnüberführungen absieht.

Hier möchte man fast meinen, der Sonntag habe begonnen, und die Menschen, die an den Haltestellen der Straßenbahn warten, wollten hinaus ins Grüne, aber auch hier dürfte der Schein trügen. Auch für einen Sommersonntagvormittag ungewöhnliche Koffer oder Einkaufsnetze lassen eher darauf schließen, daß deren Träger mit bangem Herzen die Rückfahrt antreten von einem "Ausflug", der ihnen ein neues Leben bedeutet hätte.

Und wie Menschen von einem anderen Stern betrachten sie jene Gruppe amerikanischer Touristen, die unter der Führung einer blaugekleideten Hostesse über die Schloßbrücke die Straße zum roten Rathaus herunterschlendert. So, als wäre nichts geschehen an diesem Sonntag.

Zur Person: Hans-Ulrich Kersten (huk) war im Jahr des Mauerbaus 49 Jahre alt. Geboren 1912 in Stettin, jüngster Chefredakteur der zu Ende gehenden Weimarer Republik. In der konservativen Pommerschen Tageszeitung erregte er bald das Misstrauen von Joseph Goebbels. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er der erste Chefredakteur des Senders RIAS Berlin. Danach selbstständig als freiberuflicher Korrespondent, unter anderem für „Die Presse“ in Wien. Von 1972 bis 1989 war er übrigens Vorsitzender des Berliner Journalistenclubs – eines reinen Herrenclubs. Kersten hat sich jahrelang gewehrt, Journalistinnen zuzulassen. Erst 1983 beugte er sich der Mehrheit der Mitglieder. Er starb 1994 im Alter von 82 Jahren.

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

Links:

Audio-Dokument: RIAS, Erklärung des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt nach der Sondersitzung des Senats vom 13. August 1961 (Quelle: Archiv Deutschlandradio, Sendung: Sondersendung des Zeitfunks)

Audio-Dokument: RIAS: Erklärung von Bundeskanzler Konrad Adenauer vom 13. August 1961 (Quelle: Archiv Deutschlandradio, Sendung: Sondersendung des Zeitfunks)

Audio-Dokument: RIAS-Bericht vom Brandenburger Tor, 13. August 1961 (Quelle: Archiv Deutschlandradio, Sendung: Sondersendung des Zeitfunks, Reporter Erich Nieswandt)

Audio-Dokument: RIAS-Bericht vom Potsdamer Platz, 13. August 1961 (Quelle: Archiv Deutschlandradio, Sendung: Sondersendung des Zeitfunks, Reporter: Erich Nieswandt)

Materialien der Stasi-Unterlagen-Behörde zum 13. August 1961

ÜBERSICHT ALLER BISHER ERSCHIENENEN KAPITEL DER SERIE ZUM ANKLICKEN