Was der Energiewende eigentlich fehlt
Derzeit befindet sich der gesamte Energiesektor im Umbruch. Für Deutschland liegen die Herausforderungen klar bei der Bewältigung der Energiewende. Weltweit sieht man aber auch fundamentale Veränderungen. EURACTIV.de sprach mit Michael Salcher vom KPMG Global Energy Institute für Europa, den Mittleren Osten und Afrika über die aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen im Energiesektor.
Derzeit befindet sich der gesamte Energiesektor im Umbruch. Für Deutschland liegen die Herausforderungen klar bei der Bewältigung der Energiewende. Weltweit sieht man aber auch fundamentale Veränderungen. EURACTIV.de sprach mit Michael Salcher vom KPMG Global Energy Institute für Europa, den Mittleren Osten und Afrika über die aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen im Energiesektor.
EURACTIV.de: Am Dienstag findet im Rahmen der Veranstaltung „Energiewende – Chance für Europa“ auch die Eröffnung des KPMG Global Energy Institute für Europa, den Mittleren Osten und Afrika (GEI EMEA) statt. Ausgewiesenes Ziel des Institutes ist es, eine Plattform zur Diskussion aktueller Entwicklungen und Herausforderungen im Energiesektor zu sein. Welche sind das Ihrer Ansicht nach?
SALCHER: Energie ist eines der wichtigsten Themen der Zukunft und sehr vielschichtig; denn derzeit befindet sich der gesamte Sektor im Umbruch. Und das nicht nur in Deutschland und Europa, auch weltweit sieht man fundamentale Veränderungen.
In all seinem Ausmaß ist das Spektrum riesig. Es fängt mit Fragen der künftigen Energieerzeugung, inklusive der eingesetzten Primärenergien an. Dann kommt die gesamte Regulatorik in all ihren Ausprägungen, und am Ende der Wertschöpfungskette steht der von den Unternehmen umworbene Kunde, der all das bezahlen muss. Darüber hinaus gibt es gesellschaftliche bzw. politische Themen und Diskussionen, wie z.B. rund um den gesellschaftlichen Beitrag (Stichwort: Affordability) oder das Fracking.
Für Deutschland liegen die Herausforderungen aktuell klar bei der Bewältigung der Energiewende, sowohl seitens der Politik als auch seitens der Unternehmen.
Viele Fragen sind zu beantworten. Ohne Kommunikation und Information funktioniert eine Energiewende nicht, wir müssen voneinander lernen und die Bedürfnisse Betroffener erkennen und berücksichtigen:
Fracking beispielsweise, neue Speichertechnologien oder Effizienzsteigerungen durch die zunehmende Digitalisierung. Was ist hier zukünftig möglich? Was ist gesellschaftspolitisch umsetzbar? Welche politischen Vorgaben sind notwendig? Was bedeuten diese Entwicklungen aus strategischer Sicht? Und zu guter Letzt sind es handfeste wirtschaftliche Themenstellungen: Welche Geschäftsmodelle sind in der Zukunft erfolgreich? Welche Erwartungen haben die Kunden? Lohnen sich Investitionen? Wie sieht die Wertschöpfungskette der Zukunft aus?
Viele Fragen, die sich nur schwer im nationalen Kontext lösen lassen. Hier wollen wir mit dem Institut eine Plattform bieten, die international ausgerichtet ist und Wissen und Lösungsansätze aufnimmt und zur Diskussion stellt. Wir wollen bewusst neben der Beschäftigung mit aktuellen Ereignissen auch ein digitales, interaktives Angebot unterbreiten, bei dem sich Interessierte aktiv einbringen können.
Was kann man von der Energiewende lernen?
EURACTIV.de: Was können die Nachbarn in Europa von der deutschen Energiewende lernen?
SALCHER: Sie können davon profitieren zu sehen, mit welcher Konsequenz so ein Vorhaben politisch betrieben wird. Allerdings ist auch die Unternehmensseite beachtenswert, die unter der aktuellen Entwicklung leidet. Die Folgen der Subventionierung Erneuerbarer Energien auf der einen Seite und Investitionserfordernisse auf der anderen Seite werden nicht ohne Folgen bleiben. Schließlich ist die gesellschaftliche Diskussion in vollem Gange. Auch dies wird noch Konsequenzen haben.
EURACTIV.de: Welche sind das?
SALCHER: Sehen sie sich die Fehlentwicklungen im Bereich der Förderung der Erneuerbare Energien an, Stichwort Photovoltaik. Man muss einfach rechtzeitig darüber nachdenken, was in einem Netz passieren muss, damit der bi-direktionale Stromtransport überhaupt möglich ist. Durch den sprunghaften Anstieg der installierten Anlagen in Deutschland kam bspw. das Niederspannungsnetz, das für eine solche Belastung nicht ausgelegt ist, vielerorts an seine Grenzen. Solche Zustände gilt es zu vermeiden, beispielsweise dadurch, dass man die Ausbaupfade kanalisiert.
Ein weiteres Problem liegt quasi im Erfolg der Erneuerbaren Energien selbst begründet. Da Strom aus Wind und Sonne keine nennenswerten Grenzkosten hat, sinkt der Börsenpreis bei steigender Einspeisung immer weiter, wodurch konventionelle Anlagen aus dem Markt gedrängt werden. Diese Anlagen stehen dann still.
Das ist aber alles nicht grundsätzlich überraschend. Was der Energiewende eigentlich fehlt, ist ein abgestimmter, Vertrauen schaffender Plan, mit dem die verschiedenen Interessengruppen umgehen können.
Ich bin mittlerweile der Auffassung, dass es einen solchen nicht geben kann. Das Vorhaben ist zu komplex. Man kann sich nur herantasten und unsere europäischen Nachbarn können beim Herantasten den einen oder anderen Fehler vermeiden.
Europa fragmentiert sich
EURACTIV.de: Auch weil die Verhältnisse in Europa sehr unterschiedlich sind?
SALCHER: Stimmt, man kann dabei gut beobachten, dass Europa sich fragmentiert. Beispiel Erzeugung: Es gibt Länder, die keine Kernkraftwerke haben und es gibt Länder, die traditionell sehr stark auf Kernkraft setzen, oder sich ihr wieder stärker zuwenden, siehe das Beispiel England. Generell ist jedoch an den Klimaschutzzielen und dem Ziel für eine versorgungssichere und nachhaltige Energieerzeugung festzuhalten.
EURACTIV.de: Ist die deutsche Energiewende nun Vorbild oder eher eine Herausforderung für Europa?
SALCHER: Sie ist für Deutschland definitiv eine Herausforderung. Das wird für die anderen Länder nicht anders sein. Weltweit wird mit Interesse beobachtet wie sich die Verhältnisse bei uns entwickeln. Der Fortschritt unseres Vorhabens wird an den ursprünglich gesetzten Zielen gemessen und auch die Investitionsseite wird genau betrachtet.
Auf ganz Europa lässt sich die Energiewende nicht generell übertragen. Für Länder in wirtschaftlich schwierigen Situationen, ist eine Transformation des Energiesektors mehr als eine Herausforderung. Der Umbau einer der wesentlichsten Infrastrukturen eines Landes wird nur dann in Angriff genommen werden können, wenn ein Land es sich leisten kann.
Stabiler Rechtsrahmen für Energieversorger
EURACTIV.de: Den großen Energiekonzernen machen derzeit die Umwälzungen auf dem Energiemarkt zu schaffen. Was können sich die Energieversorger von der EU erwarten?
SALCHER: Natürlich einen stabilen Rechtsrahmen, der mit Augenmaß individuelle Bedürfnisse berücksichtigt. Allerdings kommen Unternehmen nicht umhin, sich mit Fragen der Abhängigkeiten und auch mit weltweiten Konkurrenzsituationen auseinander zu setzen, weil sich ihre Kunden ebenfalls den weltweiten Märkten stellen.
Grundlegend gilt aber: Ohne Rechtsrahmen werden langfristige Infrastrukturinvestitionen nicht ohne Weiteres möglich. Die Stimmungslage ist volatil: Die Ausschläge waren zu beobachten, als Herr Altmaier vor gut einem Jahr seine Strompreisbremse präsentierte und bei der Gelegenheit rückwirkend Förderbeträge zur Diskussion stellte.
So etwas ist Gift für Investoren. Stabile Rahmenbedingungen werden von den Unternehmen gefordert, weil ihre Investitionen Laufzeiten von 50 bis 60 Jahren haben. Das ist eine zentrale Forderung: Eine Kalkulierbarkeit auf Seiten der Gesetzgebung. Das ist das allerwichtigste.
„Natürlich versucht die Industrie, ihre Interessen durchzusetzen“
EURACTIV.de: Wie bewerten Sie die Debatte um die Ökostromrabatte für die Industrie und das Agieren Sigmar Gabriels dazu in Brüssel?
SALCHER: Natürlich versucht die Industrie, ihre Interessen durchzusetzen, wenn es darum geht, von staatlichen Lasten befreit zu werden. Ich kann allerdings nicht beurteilen, wie stark die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie durch die Belastungen aus dem EEG, die andere Länder nicht haben, eingeschränkt wird. Ob man am Ende des Tages den einen oder anderen Auftrag deswegen nicht bekommt, sondern der ausländische Wettbewerber, kann ich nicht sagen.
Es ist richtig, dass sich die Bundesregierung und auch Herr Minister Gabriel für die heimische Industrie einsetzt. Ich möchte auch gerne auf die Industriepolitik in anderen europäischen Ländern verweisen, die ihre Interessen teilweise aggressiver durchsetzen.
EURACTIV.de: In Deutschland sind die Strompreise in den letzten zehn Jahren so stark angestiegen wie in keinem anderen Land. Läuft da was falsch?
SALCHER: Die Umstellung einer Infrastruktur wie wir sie haben – hin zur emissionsfreien Erzeugung und ohne den Einsatz von Kernkraft – ist nicht zum Nulltarif zu haben. Wenn es uns ernst damit ist, die Energiewende umzusetzen, dann müssen wir mit diesem Fakt leben.
Interview: Daniel Tost