Politische Beteiligung von Frauen: Es fehlt an geschlechtsspezifischen Daten

Um die Herausforderungen von Frauen in der Politik zu verstehen, müssten nationale Behörden mehr nach Geschlecht aufgeschlüsselte Daten generieren. Laut einer Expertin seien Frauen in der Politik nach wie vor einer Vielzahl von Angriffen ausgesetzt.

Euractiv.com
Warsaw,,Poland,23.10.2020,-,Protest,Against,Poland’s,Abortion,Laws.women’s,Rights
"Der Mangel an Daten über die politische Beteiligung von Frauen ist eine Herausforderung. Wir haben einige nationale Wahlbehörden gebeten, diese Informationen zu veröffentlichen, um Trends und Ursachen für die Ungleichheit zu ermitteln", sagte Jéromine Andolfatto von der Europäischen Frauenlobby. [Shutterstock/CameraCraft]

Um die Herausforderungen von Frauen in der Politik zu verstehen, müssten nationale Behörden mehr nach Geschlecht aufgeschlüsselte Daten generieren. Laut einer Expertin seien Frauen in der Politik nach wie vor einer Vielzahl von Angriffen ausgesetzt.

Es fehle an qualitativen und quantitativen Informationen über Frauen, die zur Wahlurne gehen, sagte Jéromine Andolfatto, Policy and Campaign Officer der Europäischen Frauenlobby, gegenüber Euractiv. Sie wies darauf hin, dass nicht alle EU-Länder geschlechtsspezifische Daten zur Wahl veröffentlichen.

„Der Mangel an Daten über die politische Beteiligung von Frauen ist eine Herausforderung. Wir haben einige nationale Wahlbehörden gebeten, diese Informationen zu veröffentlichen, um Trends und Ursachen für die Ungleichheit zu ermitteln“, sagte die Expertin von der Europäischen Frauenlobby.

Bei der Gruppe handelt es sich um ein Netzwerk europäischer NGOs, die sich für die Rechte der Frauen und die Geschlechtergleichstellung einsetzen.

Ein Beispiel ist die Zusammenführung von Daten zur Wählerdemografie mit Einblicken in den Hintergrund von Wählerinnen. Dies ermögliche ein differenzierteres Verständnis der Realitäten, mit denen Frauen konfrontiert sind, die sich politisch engagieren wollen, so Andolfatto.

Dies könne beispielsweise dazu beitragen, Informationen über Frauen mit Behinderungen oder Migrationshintergrund zu sammeln, die zu wählen beabsichtigen. Dadurch lasse sich die Diskriminierung, der sie möglicherweise aufgrund ihrer Identität ausgesetzt sind, besser in Angriff nehmen.

Doch „es geht nicht nur darum, wählen zu gehen“, so die Expertin, sondern auch darum, wie sie sich in den politischen Aktivismus einbringen und ihrer Stimme Gehör verschaffen.

Sexismus ist kein Relikt der Vergangenheit

Laut Andolfatto sind Frauen in der Politik nach wie vor einer Vielzahl von Angriffen und Diskriminierungsmustern ausgesetzt, die ihre Arbeit delegitimieren.

„Wenn wir zum Beispiel über Hindernisse für Frauen bei der Kandidatur sprechen, ist eine der Hauptursachen Sexismus. Er ist Ausdruck eines historisch bedingten ungleichen Machtverhältnisses, das darauf abzielt, Frauen in einer untergeordneten Position zu belassen, um sie weniger glaubwürdig zu machen. Sexismus kann sich dann in verschiedenen Formen äußern, zum Beispiel in Form von Gewalt gegen Frauen in der Politik“, sagte Adolfatto.

Sie wies darauf hin, dass einige Frauen – beispielsweise jüngere Frauen oder Frauen, die einer religiösen Minderheit angehören – besonders anfällig für Angriffe sind.

Aldolfatto verwies auf eine 2018 veröffentlichte Studie des Europarats und der Interparlamentarischen Union, in der untersucht wurde, wie viel Gegenwind Frauen in der Politik ausgesetzt sind, sobald sie gewählt wurden.

„Die Studie ergab, dass mehr als 85 Prozent der in die Parlamente gewählten Frauen unter psychischer Gewalt gelitten haben und mehr als 46 Prozent von ihnen Gewalt- oder Vergewaltigungsdrohungen erhalten haben.“

Darüber hinaus wurden „58 Prozent der Frauen Opfer von gezielten sexistischen Angriffen und Belästigungen im Internet.“ Ein Drittel der Politikerinnen gab an, dass sich dies negativ auf ihre Meinungsfreiheit auswirke.

Mit Blick auf die Zukunft begrüßte Aldolfatto die EU-Richtlinie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen – ein Gesetz, das durch gezielte Maßnahmen zum Schutz von Frauen vor physischen und Online-Angriffen „in die richtige Richtung geht.“

Die EU-Gesetzgeber haben Anfang Februar eine vorläufige Einigung über die Richtlinie erzielt.

[Bearbeitet von Rajnish Singh/Kjeld Neubert]