Orban: 'Auf Mehrsprachigkeit kann ich etwas Neues aufbauen.' [DE]
Der Kommissar für Mehrsprachigkeit, Leonard Orban, spricht in einem Exklusivinterview mit EURACTIV über seine Überzeugung, dass die Liste der offiziellen EU-Sprachen weiterhin wachsen wird. Orban hofft, dass neue Übersetzungstechnologien und Anregungen zum Erlernen von Sprachen Früchte tragen werden.
Der Kommissar für Mehrsprachigkeit, Leonard Orban, spricht in einem Exklusivinterview mit EURACTIV über seine Überzeugung, dass die Liste der offiziellen EU-Sprachen weiterhin wachsen wird. Orban hofft, dass neue Übersetzungstechnologien und Anregungen zum Erlernen von Sprachen Früchte tragen werden.
Mehrsprachigkeit in Europa betrifft nicht nur die Europäischen Institutionen. Als Sie dieses Amt übernommen haben, haben Sie die Bedeutung der Sprachen für die Wettbewerbsfähigkeit betont. Ist dies die wichtigste Dimension Ihrer neuen Ideen und wie wollen Sie diese in die Praxis umsetzen?
Es ist eine der wichtigsten Dimensionen – meine Prioritäten betreffen Mehrsprachigkeit im Allgemeinen, nicht die institutionelle Ebene im Speziellen. Sie erwähnten Wettbewerbsfähigkeit. Sehr bald – im September 2007 – werde ich ein Wirtschaftsforum einberufen, das sich mit der Verbindung zwischen Mehrsprachigkeit und Wettbewerbsfähigkeit befassen soll. Es wird eine Konferenz geben und danach die Gründung des Wirtschaftsforums. Natürlich ist Spracherwerb für mich sehr wichtig. Der kulturelle Aspekt von Sprachen und vor allem der Beitrag, den Mehrsprachigkeit zur interkulturellen Verständigung leistet, sind ein wichtiger Teil der Kommunikation mit den Unionsbürgern. Bezüglich der Integration von Einwanderern ist die Frage der besseren Arbeitnehmermobilität wichtig, die zu einer besseren sozialen Eingliederung von Einwanderern beiträgt. Hinsichtlich konkreter Projekte erwähnte ich Wettbewerbsfähigkeit. Dieser Bereich ist sehr wichtig. Unmittelbar nach meiner Amtsübernahme wurde ein Bericht des UK National Centre for Languages veröffentlicht, der deutlich machte, dass den Unternehmen, denen die notwendigen Sprachkompetenzen fehlen, Mittel und Möglichkeiten verloren gehen. Daher ist die Schlussfolgerung ganz einfach – die Unternehmen benötigen Sprachkompetenzen und Sprachstrategien. Natürlich spreche ich in diesem Fall über Exportunternehmen, weil ich davon ausgehe, dass die ausschlaggebende Frage lautet: „Welche Sprache ist am wichtigsten für die Verbraucher?“ Es ist ihre Muttersprache und die Wirtschaft muss sie verstehen.
Im Allgemeinen kann man von Unternehmen, die international tätig sind, Sprachkenntnisse erwarten. In welchem Ausmaß werden die Unternehmen und die Unternehmensverbände daher Sprachkompetenzen mit den politischen Initiativen der Kommission verbinden? In welchem Ausmaß benötigt die Wirtschaft Ihre Programme?
Es handelt sich nicht um ein Programm, sondern um ein Projekt. Unser Ziel ist es, „Best Practice“ zu verbreiten. Dafür gilt es als erstes „Best Practice“ zu ermitteln. Daher laden wir als erstes zu einer Konferenz ein, an der Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen mit Expertenwissen auf diesem Gebiet teilnehmen werden und erarbeiten danach in Zusammenarbeit mit Experten aus unterschiedlichen Bereichen einen Geschäftsplan. Wir werden hoffentlich eine Liste mit konkreten Vorschlägen, Empfehlungen und „Best Practice“ ausarbeiten und diese dann an die Unternehmen weiterleiten.
In den vielen Dokumenten, die von Kommissarin Margot Wallström vorgelegt wurden – der erste Aktionsplan und danach das Weißbuch über Kommunikation –, fanden Sprachen und Transparenz wenig Erwähnung. Dieses Dreieck – Kommunikation, Sprachen und Transparenz – scheint nicht vorhanden zu sein?
Ich habe bereits einige Gespräche mit Kommissarin Wallström geführt. Zweifelsohne ist sie sich der Bedeutung der Mehrsprachigkeit bewusst. Wir haben ebenfalls einige konkrete Maßnahmen diskutiert, um uns gemeinsam dafür einzusetzen, dass die Kommunikation verbessert wird.
Ein Minimum von drei oder vier Sprachen eventuell? Was schlagen Sie vor?
Nein. Nochmals, es wird von der Bedeutung der Informationen abhängen. Wir werden vermutlich differenzieren, aber das werden wir sehen. Wir werden die Informationen trennen. Sehr wichtige Informationen werden in alle offiziellen Sprachen übersetzt werden, weniger wichtige Dokumente oder Informationen werden jedoch in weniger Sprachen. Aber daran arbeiten wir gerade, wir werden also sehen…
Also wird der Aktionsplan, den Kommissarin Wallström am 4. Juli 2007 vorlegen wird, eine praktischen Komponente haben?
Ich weiß es nicht, dafür ist es zu früh. Es ist zu früh, darüber zu diskutieren. Es ist zu früh, da die Diskussionen sehr kompliziert sind. Die Webseite ist nicht nur eine Frage der politischen Entscheidung. Wir müssen – wie Sie sehr gut wissen – alle technischen Bedingungen sowie administrative Komplikationen in Betracht ziehen.
Aber wenn Sie den Aktionsplan nicht kennen, und bis er in den Haushaltsplan integriert ist, werden Sie keine Auswirkungen vor den Europawahlen im Jahr 2009 erkennen können?
Nein. Ich denke, falls wir über einige konkrete Regelungen entscheiden, wir die Umsetzung unmittelbar beginnen, sodass wir keine zusätzlichen Mittel benötigen um zu investieren. Es ist zur früh, eine konkrete Lösung zu diskutieren. Aber es besteht kein Zweifel, die Umsetzung wird unmittelbar erfolgen, also werden wir nicht verpflichtet sein, auf zusätzliche etatmäßige Zuteilungen zu warten.
Was den Spracherwerb betrifft, Herr Kommissar, gibt es eine einige Mitgliedstaaten, wie insbesondere das Vereinigte Königreich, die im Vergleich zu anderen Ländern hinsichtlich des Erwerbs von Fremdsprachen im Rückstand sind. Soweit mir bekannt ist, sprechen 70% der britischen Bevölkerung nur eine Sprache. Bekanntermaßen hat die Kommission nicht das Recht, Einfluss auf die spezifischen Politiken der Mitgliedstaaten auszuüben. Allerdings werden Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren im Jahr 2009 auf ihre Sprachkenntnisse geprüft werden. Werden in der Folge dieser Untersuchung besondere Initiativen durchgeführt werden, um Mitgliedstaaten wie das Vereinigte Königreich zu ermutigen, Ihrem Engagement zu folgen?
Hier gibt es Probleme. In einigen Mitgliedstaaten gibt es Schwierigkeiten. Wie Sie wissen habe ich kürzlich aus diesem Grund Großbritannien besucht. Die britischen Zuständigen arbeiten derzeit an einigen konkreten Vorschlägen zur Verbesserung des Bildungssystems und auch des Spracherwerbs. Ich war auch in Großbritannien, um die Zuständigen zu ermutigen, die beste Lösung zu finden, aber ebenfalls, um die konkreten Bedingungen ihrer Vorschläge zu diskutieren. Wissen Sie, was das größte Problem im Vereinigten Königreich ist? Die Motivation zu finden, eine Fremdsprache zu erlernen. Ich war in vielen Ländern, und kürzlich habe ich Bulgarien besucht. Die Menschen sind sehr bemüht, eine Fremdsprache zu lernen. Dorthin zu gehen, um zum Lernen einer Fremdsprache zu motivieren, ist unnötig, da (dort) fast alle eine Fremdsprache lernen wollen.
Sind Sie der Meinung, dass die Verbindung von Sprachen und der EU der beste Weg ist, um die britische Öffentlichkeit zu überzeugen?
Das ist sehr heikel. Was ich an dieser Stelle sagen kann, ist, dass ich denke, dass der beste Weg zur Motivierung darin besteht, zu versuchen, ihnen die Argumente für den Spracherwerb klarzumachen. Meine Mitteilung 2008 wird genauer beschreiben, warum das Lernen einer Fremdsprache eine gute Idee ist.
In der Diskussion um die Generaldirektion Übersetzung [GD Übersetzung] wurde vorgeschlagen, einige Übersetzer in ihren Heimatländern zu positionieren, da sie dort effizienter, günstiger und in ihrer eigenen Sprachumgebung arbeiten könnten. Stimmen Sie dem zu?
Lassen Sie mich Ihnen erklären, wie die momentane Situation aussieht: Im Jahr 2002, vor der Erweiterung von 2004, entschieden der Rat und das Europäische Parlament, die über die Budgethoheit verfügen, die Gelder für die gesamte Politik zu Mehrsprachigkeit um etwa 20% aufzustocken. Währenddessen hat sich die Zahl der offiziellen Sprachen mehr als verdoppelt. 2002 gab es elf offizielle Sprachen; nun sind es 23 und die zusätzlichen Gelder betragen etwa 20%. In Anbetracht dieser Situation musste die Kommission sehr ernste Entscheidungen zu treffen, um diese neue Lage zu bewältigen. Also sich entschied die Kommission für eine „Strategie für den Bedarfsfall“. In dieser wurde klar festgehalten, welche Dokumente in alle offiziellen Sprachen übersetzt werden und welche nur in eine Sprache oder die drei Arbeitssprachen, Englisch, Französisch und Deutsch, übersetzt werden. Die Kommission entschied sich für eine Teilung der Dokumente in zwei Kategorien – die wichtigen (wobei alle wichtigen Dokumente in alle offiziellen Sprachen übersetzt werden sollten) und die weniger wichtigen Dokumente. Diese werden nur in die drei Arbeitssprachen oder nur in eine oder zwei Sprachen übersetzt, zum Beispiel Englisch oder eine andere Arbeitssprache sowie die Sprache des Landes, das dieses Dokument betrifft.
Also haben sie sich hauptsächlich auf den Übersetzungsbedarf konzentriert statt auf die Vorgehensweise, die Übersetzung?
In der Vergangenheit war die Regelung ziemlich klar: Alle Dokumente mussten in alle offiziellen Sprachen übersetzt werden. Aber nun, nach der Erweiterung von 2004, ist dies nicht mehr möglich. Zum Beispiel durfte der Umfang eines jeden Dokuments nicht mehr als 30 Seiten betragen. Dies hängt von der Bedeutung des Dokuments ab, je nachdem, ob es sich um eine Richtlinie, Verordnung, Grünbuch, Weißbuch und so weiter handelt. In diesem Bereich wird die höchste Qualität für Übersetzungen benötigt und wir müssen auch beachten, dass alle Sprachen vom rechtlichen Standpunkt – von jedem Standpunkt – auf dem gleichen Stand haben. Wir müssen zusammenarbeiten, um maximale Qualität und Konsistenz des rechtlichen Inhalts zu gewährleisten.
Also meinen Sie die Sprache der Rechtstexte?
Genau, auf der Gemeinschaftsebene. Für diese Art der Dokumente sehe ich nicht die Möglichkeit, sie auf nationaler Ebene zu übersetzen. Denn es handelt sich um eine Arbeitsgruppe, in der alle zusammenarbeiten sollten, um alles zusammen zu bringen, damit die Versionen alle auf dem gleichen Stand sind. Was würde geschehen, wenn es Unterschiede zwischen den Versionen des gleichen Dokuments, sagen wir auf Englisch und einer anderen Sprache, gäbe? Wer würde entscheiden? Es gibt in solchen Fällen niemanden, der entscheiden kann, so dass das Dokument zu 100% richtig übersetzt werden sollte. Für diese Art der Dokumente sehe ich keine Möglichkeit, sie auf nationaler Ebene zu übersetzen.
Wann erwarten Sie ein Inkrafttreten der neuen Übersetzungspolitik?
Ich werde alle neuen Maßnahme in meiner neuen Strategie vorschlagen, die im zweiten Halbjahr 2008 angenommen werden wird. Bitte denken Sie aber daran, dass die Strategie nicht nur dieses Thema diskutieren wird, sondern es auch viele andere Elemente geben wird.
Also erwarten Sie eine Annahme im zweiten Halbjahr 2008 – wann planen Sie, den Entwurf vorzulegen?
Der Entwurf wird im ersten Halbjahr 2008 vorgelegt. Es wird sich um ein Kommissionsdokument handeln, aber wir haben uns noch nicht entschieden, welche Art von Dokument es sein wird. Ich brauche Zeit, um den Entwurf vorzubereiten, weil ich mit allen Mitgliedstaaten darüber sprechen muss, um ihre Sorgen zu erfahren, mir ihre Lösungsvorschläge anzuhören und schließlich die gegenwärtige Situation zu verbessern. Dies ist sehr wahrscheinlich, wenn man die gegenwärtige Sprachregelung betrachtet, die erstmals 1958 festgelegt wurde. Für diese Entscheidung muss sich Einstimmigkeit finden. Aus der politischen Perspektive sehe ich keine Möglichkeit, die Zahl der offiziellen Sprachen zu reduzieren. Im Gegenteil, ich erwarte eine Zunahme.
Beziehen Sie sich auf die regionalen Sprachen?
Nein, ich spreche nicht über regionale Sprachen. Ich spreche über neue Erweiterungen. Ich spreche sogar im Kontext einiger politischer Entwicklungen in ein paar Mitgliedstaaten – ich spreche über Zypern, zum Beispiel. Wenn es dort eine politische Einigung gäbe, könnte Türkisch eine offizielle EU-Sprache werden… wenn die Mitgliedstaaten dies akzeptieren werden. Wenn die luxemburgische Regierung den Antrag stellen sollte, Luxemburgisch als neue Sprache einzuführen, würde dies in Erwägung gezogen werden. Ich spreche also nicht über regionale Sprachen, sondern über neue Erweiterungen.
Als wie praktisch schätzen Sie dies für die alltägliche Praxis ein? Unbegrenzte Erweiterungen, neue Sprachen – irgendwann ist doch ein Sättigungsgrad erreicht und man müsste einer Sprache den Vorrang lassen?
Ja. Ich erwarte aus politischer Sicht, dass die Mitgliedstaaten keine Änderung der Sprachenregelung hinnehmen werden und die Sprachen somit gleichberechtigt bleiben werden. Langfristig sehe ich neue Technologien als die einzige nachhaltige Möglichkeit zur Beibehaltung der derzeitigen Ordnung – automatische Übersetzungen, neue Technologien beim Dolmetschen. Ohne neue Technologien wird sich langfristig – und ich spreche hier über einen langen Zeitraum – meiner Meinung nach die derzeitige Sprachenregelung nicht aufrechterhalten lassen.
Die Verbindung zwischen Mehrsprachigkeit und Bildung ist klar. Haben Sie vor, ein Programm ins Leben zu rufen, das Teil des Lebenslangen Lernens 2007-2013 ist?
Wir müssen bei dem, was wir tun, sehr pragmatisch sein. Wir müssen die gegenwärtige Situation in Betracht ziehen. Es wurden bereits Entscheidungen über das Budget von 2007 bis 2013 getroffen. Natürlich wird es 2008 und 2009 neue Diskussionen geben hinsichtlich der Revision des EU-Budgets. Wir werden sehen; es hängt von den Entwicklungen ab. Der erste Schritt, um ein besonderes Programm für Mehrsprachigkeit aufzubauen, ist der Start eines Programms auf Unionsebene zur Ausbildung von Dolmetschern. Im kommenden Monat werden wir Entwürfe vorlegen, die von der Kommission angenommen werden müssen. Diese werden dann Gegenstand einer Gemeinschaftsentscheidung sein, und wenn sowohl das Parlament als auch der Rat ihre Zustimmung geben, werden wir 2009 ein neues Unionsprogramm haben, das sich besonders der Ausbildung von Dolmetschern widmet. Dies ist sehr wichtig für uns.
Ich bin offen für konkrete Vorschläge zur Arbeit an einer Strategie zur Mehrsprachigkeit, und ich bin sehr offen für alle Ideen. Also würde ich nicht zögern, die besten Vorschläge und Ideen in meine Strategie einzubeziehen. Ich bin sehr offen, und dies ist ein Vorteil eines relativ neuen – eines neuen und entscheidenden – Ressorts, da ich nun die Verpflichtung habe, etwas Neues aufzubauen.
Um eine Zusammenfassung des Interviews zu lesen, klicken Sie bitte hier.