NGO-Chef zweifelt an Autokrise: Autohersteller hätten Rekordgewinne gemacht

Die europäischen Autohersteller würden sich in keiner großen Krise befinden, so William Todts, Exekutivdirektor der NGO Transport & Environment, in einem Interview mit Euractiv. Anders sieht es die EU-Kommission, die zu einem „strategische Dialog“ über die Zukunft der Automobilindustrie einlädt.

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Audi employees demonstrate in Brussels
Die Autohersteller haben aktuell mit rückläufigen Verkäufen von E-Autos und einer starken Konkurrenz aus China zu kämpfen. [Dursun Aydemir/Anadolu via Getty Images]

Die europäischen Autohersteller würden sich in keiner großen Krise befinden, so William Todts, Exekutivdirektor der NGO Transport & Environment, in einem Interview mit Euractiv. Anders sieht es die EU-Kommission, die zu einem „strategische Dialog“ über die Zukunft der Automobilindustrie einlädt.

Angeführt von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen startet am Donnerstag der „strategische Dialog“ der europäischen Automobilindustrie.

Die Autohersteller haben aktuell mit rückläufigen Verkäufen von E-Autos und einer starken Konkurrenz aus China zu kämpfen. Zusätzlich drohen dem Sektor milliardenhohe CO2-Strafzahlungen, die in jüngster Vergangenheit von mehreren EU-Staaten kritisiert wurden. Von der Leyen will sich dem nun annehmen, zusammen mit der Industrie und weiteren Interessensgruppen.

Die Lösungssuche für die beschäftigungsreiche Branche, die derzeit sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes der EU ausmacht, soll damit auf ähnliche Weise erfolgen wie schon bei dem krisengeplagten Agrarsektor.

Ein Vorgehen, welches der Direktor der NGO für nachhaltigen Verkehr Transport & Environment genau beobachtet. Im folgenden Interview teilt William Todts seine Einschätzung zur aktuellen Lage der Branche:

 

Die Krise in der europäischen Automobilindustrie ist vor dem „strategischen Dialog“ über die Zukunft der Automobilindustrie in aller Munde. Wie sehen Sie die Situation?

Todts: Die Autoindustrie ist sehr gut darin, ein Bild der Krise zu zeichnen. Allerdings ist die Realität, dass die Hersteller in den letzten Jahren Rekordgewinne eingefahren haben. Sie haben Rekordzahlungen an ihre Aktionäre und ihre Geschäftsführer geleistet, also hatten sie ein paar wirklich gute Jahre.

Dann sind ein paar Dinge passiert. So werden sie in China bei den Elektroautos verdrängt. Deutsche Autohersteller sind sehr von China abhängig.

Zudem gibt es in Europa weniger Autoverkäufe. Wenn eine makroökonomische Politik verfolgt wird, die die Zinssätze erhöht und versucht, die Wirtschaft zu bremsen, und es klar ist, dass jedes neue Auto irgendwie finanziert wird, ist es nicht überraschend, dass die Autoverkäufe zurückgehen.

Der dritte Punkt ist, dass es spezifisch Probleme für einzelne Unternehmen gibt. Der Geschäftsführer von Stellantis, Carlos Tavares, wurde gefeuert. Das steht jedoch nicht im Zusammenhang mit den EU-Vorschriften für 2025. Volkswagen hat ganz andere Probleme: im Zusammenhang mit China, mit ihrer Struktur und mit Software.

Die Autolobby hat dieses ganze Narrativ geschaffen, dass sie sich in einer Krise befinden und die EU daran Schuld ist. Doch das ist eine komplette Erfindung.

Was ist erfunden: Dass die Branche sich in einer Krise befindet oder dass die EU daran schuld ist?

Ich glaube nicht, dass sie sich in einer großen Krise befindet. Und die EU ist sicherlich nicht dafür verantwortlich.

Die Umstellung auf E-Autos, für deren Montage weniger Personal benötigt wird als für herkömmliche Autos, wird voraussichtlich Tausende von Arbeitsplätzen kosten. Ist das auch weniger problematisch, als es klingt?

Es besteht eindeutig die Notwendigkeit, die Branche zu transformieren und dies wird für einige Autohersteller und für einige Regionen sicherlich ein Umbruch sein. Doch die Transformation ist notwendig und unvermeidlich, deshalb müssen wir gemeinsam mit den Gewerkschaften einen guten Sozialplan entwickeln, um diesen Menschen den Übergang in einen neuen Job oder in den Ruhestand zu ermöglichen, was teilweise bei Volkswagen geschieht.

In Deutschland haben wir es nicht mit Massenarbeitslosigkeit zu tun, so gibt es für viele offene Stellen nicht genügend Bewerber.

Das ist jedoch von Region zu Region sehr unterschiedlich. In Niedersachsen ist Volkswagen der größte Arbeitgeber, daher würde es enorme Probleme aufwerfen, wenn es zu einem Zusammenbruch käme.

Das stimmt. Der Wandel in der Automobilindustrie muss sozial abgefedert werden, was eindeutig Teil des „strategischen Dialogs“ sein wird.

Es ist nicht die erste Branche, die einen Wandel durchläuft. Wir haben das Problem bisher immer so gelöst, dass wir regionale Fonds und regionale Initiativen ins Leben gerufen haben, um neue Beschäftigungs- und Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen. Genau daran mangelt es derzeit in der Automobilindustrie. Hier spielt die Europäischen Union eine wichtige Rolle.

Allerdings würde ich mir nicht sicher sein, dass das Geld nach Deutschland fließen wird, wenn die EU einspringen würde, um Automobilregionen im Wandel zu unterstützen. Schließlich ist Deutschland eine der wohlhabendsten Nationen Europas.

Die Autoindustrie möchte im strategischen Dialog auch die drohenden CO2-Strafzahlungen diskutieren. Was halten Sie davon?

Die Autohersteller spielen mit dem Feuer. Zum einen sagen sie, dass sie eine insgesamt erfolgreiche Transformation wollen, aber gleichzeitig verbreiten sie ständig die Meinung, dass die Umstellung zu Elektrofahrzeugen derzeit nicht erfolgreich ist.

Die Warnung, dass sie 15 Milliarden Euro an Strafen zahlen müssen, ist ein Witz. Diese Analyse ist so schlecht. Sie geht davon aus, dass die Automobilunternehmen absolut keine Anstrengungen unternehmen – also keins der Elektromodelle verkaufen, die sie auf den Markt bringen und produzieren wollen – und dann könnten sie sehr hohe Strafen zahlen.

In Wirklichkeit gab es, wie wir im Vereinigten Königreich gesehen haben, die gleichen Warnungen für das Null-Emissions-Fahrzeug-Mandat (ZEV) für 2024. Doch am Jahresende erfüllten alle Autohersteller die Vorgabe.

Die politischen Entscheidungsträger müssen sich fragen, wie die europäische Autoindustrie in China und weltweit wettbewerbsfähig sein soll, wenn sie 2025 in Europa nicht einmal 20 Prozent der Verkäufe mit Elektrofahrzeugen erzielen kann, während der Anteil in China bei 50 Prozent liegt.

Sie sagen also, dass die Autohersteller nicht auf ihre eigene langfristige Perspektive achten?

Sie sind alle börsennotiert und versuchen, ihre Quartalsergebnisse und Jahresgewinne zu erzielen. Geschäftsführer und Vorstandsteams werden auf der Grundlage dieser Leistung belohnt. Ich habe kein Problem damit, aber wenn Ihre Konkurrenten einem anderen Modell folgen – die Chinesen haben eine längerfristige Perspektive – dann müssen Sie sich darauf einstellen.

Das ist die Aufgabe der EU, ihnen diese langfristige Planungssicherheit zu geben.

In gewisser Weise sehen wir den Dialog als eine Möglichkeit, ein wenig Ruhe in die Debatte zu bringen. Wir sollten nichts überstürzen. Die Kommission sollte sich die Zeit nehmen, eine angemessene, gemeinsame Analyse der tatsächlichen Probleme zu erstellen und festzulegen, in welchen Bereichen die Regierungen Maßnahmen ergreifen sollen.

[OM/KN]