Migration der Wartenden

Interview mit Michael Hippler (Misereor)In allen Städten entlang der nordafrikanischen Mittelmeerküste warten Menschen auf die Einreise in die EU, erklärt der Flüchtlingsexperte Michael Hippler im Interview mit EURACTIV.de. Aufgrund der Umwälzungen in Nordafrika und nachlassender Grenzkontrollen sei mit einer Zunahme der Migration zu rechnen. Die Menschen bereits in Afrika zu stoppen, löse das Problem nicht, sondern halte es lediglich von Europa fern. In Deutschland fehle ein überzeugendes Einwanderungsgesetz.

Tunesiens Küste. Aus Regierungskreisen verlautet, die Polizei arbeite Tag und Nacht daran, den Strom von Flüchtlingen nach Europa zu stoppen. In den vergangenen Tagen erreichten Tausende die italienische Insel Lampedusa. Foto: Hexe110 / pixelio.de.
Tunesiens Küste. Aus Regierungskreisen verlautet, die Polizei arbeite Tag und Nacht daran, den Strom von Flüchtlingen nach Europa zu stoppen. In den vergangenen Tagen erreichten Tausende die italienische Insel Lampedusa. Foto: Hexe110 / pixelio.de.

Interview mit Michael Hippler (Misereor)In allen Städten entlang der nordafrikanischen Mittelmeerküste warten Menschen auf die Einreise in die EU, erklärt der Flüchtlingsexperte Michael Hippler im Interview mit EURACTIV.de. Aufgrund der Umwälzungen in Nordafrika und nachlassender Grenzkontrollen sei mit einer Zunahme der Migration zu rechnen. Die Menschen bereits in Afrika zu stoppen, löse das Problem nicht, sondern halte es lediglich von Europa fern. In Deutschland fehle ein überzeugendes Einwanderungsgesetz.

Zur Person


Michael Hippler ist Leiter der Abteilung Afrika und Naher Osten im katholischen Entwicklungshilfswerk MISEREOR
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EURACTIV.de: Wie stark ist die Migration im Zuge der Umwälzungen in Nordafrika gestiegen?

HIPPLER: Die Migration in Nordafrika ist unseres Erachtens nach nicht aktuell gestiegen sondern variiert regionalspezifisch aufgrund bestimmter Umstände: Früher sind Migranten aus dem westlichen Afrika entweder über Mauretanien oder Senegal mit dem Boot in Richtung der spanischen Inseln gefahren oder sie haben versucht, die Grenze in Marokko zu überwinden. Durch die Verschärfung der Schutzmaßnahmen dort ziehen immer mehr Migrationswillige von Marokko aus Richtung Osten über Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten bis nach Israel, um von dort über Syrien und die Türkei nach Europa zu gelangen.

Ostafrikanische Flüchtlinge haben ebenfalls den Weg von Somalia über Jemen, Saudi Arabien und Syrien bis in die Türkei verfolgt oder ebenfalls den Weg nach Ägypten gesucht. In allen Städten entlang der Mittelmeerküste gibt es mehr oder weniger große Gruppen von Migranten aus verschiedenen Herkunftsländern, die in der Illegalität dort leben und entweder arbeiten oder auf die nächste Gelegenheit eines Schiffstransport warten, die in der Regel teuer gekauft werden muss. Ein Teil der Migranten stammt aus der Region Nordafrika selbst, da die Arbeitslosigkeit gerade unter jungen Menschen hohe Zahlen angenommen hat und mit als Ursache für die Aufstände gelten kann.

Es geht also nicht unbedingt um eine Erhöhung der Zahl der Migrationswilligen sondern unser Einschätzung nach eher um eine sichtbarere Migration, da im Zuge der Auflösung der alten Regimes die Küstenkontrolle nachgelassen hat.

Modell einer zirkulären Migration


EURACTIV.de:
Mit welcher Entwicklung ist zu rechnen?

HIPPLER: Aufgrund der Umwälzungen und nachlassender Grenzkontrollen ist mit einer Zunahme der Migration "der Wartenden" zu rechnen.

EURACTIV.de: Was muss die EU tun?

HIPPLER: Im Rahmen der EU kann man die steigenden Lasten der Migration nicht alleine den Randstaaten überlassen, sondern es handelt sich hier um eine Gemeinschaftsaufgabe, da der EU-Raum insgesamt das Zielgebiet der Migranten ist. In vielen EU Staaten wie in Deutschland gibt es noch keine überzeugenden Einwanderungsgesetze, die im Rahmen legaler Migration großzügigere Möglichkeiten des Aufenthaltes einräumen würden.

Nach unserer Meinung kann die Migration so auch für beide Seiten – Herkunftsland wie Aufnahmeland – positiv gestaltet werden, in dem der "Brain Drain"-Effekt durch Ausbildungen und Rückkehrerförderung beziehungsweise zirkuläre Migration ausgeglichen wird. Dazu zählt auch, dass in den Mitgliedsstaaten eine Willkommensstruktur des "Fremden" entwickelt wird und das Bewusstsein, dass fast alle EU-Staaten in Vergangenheit und Gegenwart selbst eine große Migrationskultur haben.

Legale Einreisepolitik statt gefährlicher Wege


EURACTIV.de:
Was halten Sie von Bestrebungen, die Migration bereits in Nordafrika zu stoppen, zum Besipiel durch italienische Polizisten?

HIPPLER: Die Verlagerung der Ausgrenzung auf den afrikanischen Kontinent – abgesehen von völkerrechtlichen Bedenken – löst das Problem nicht, sondern hält es lediglich von Europa fern. Angesichts der Menschenrechtsstandards in Nordafrika sind bereits jetzt viele Migranten der Willkür von Polizei, Arbeitgebern und Schleusern ausgeliefert. Viele Frauen enden in der Prostitution. Die Abschottung führt nicht dazu, dass der Wunsch zur Einreise geringer wird, sondern dass man ständig neue – und womöglich immer gefährlichere – Wege zur Einreise sucht. Eine sinnvolle Koppelung von Bildungs- und Jobangeboten für Jugendliche in den Herkunftsländern mit einer legalen Einreisepolitik wäre der bessere Weg zur Reduzierung der Migrationswilligen und zur Verbesserung der Menschenrechte für die
Migranten.

Fragen: Alexander Wragge

Dokument

Europäischer Rat:
"Dublin II-Verordnung" / (EG) Nr. 343/2003

NGOs

Misereor

Amnesty International Deutschland

Pro-Asyl

Human Rights Watch

Save the Children

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