Krise als Chance für Afrika, eigene Nahrungsmittel zu produzieren

Die zeitweise Unterbrechung der Getreidelieferungen aus der Ukraine könnte eine Chance für afrikanische Länder sein, ihre eigene Agrarproduktion zu steigern, erklärt die Kommissarin für Landwirtschaft der Afrikanischen Union, Josefa Sacko, im Interview mit EURACTIV.

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In einem Gespräch mit EURACTIV Deutschland am Rande der Berliner Agrarministerkonferenz am Samstag (21. Januar) warnte die Kommissarin für ländliche Wirtschaft und Landwirtschaft der Afrikanischen Union, Josefa Sacko, dass Nahrungsmittelknappheit und hohe Preise in vielen afrikanischen Ländern ein hohes Risiko für soziale Unruhen darstellen. [BMEL/Holger Groß]

Die zeitweise Unterbrechung der Getreidelieferungen aus der Ukraine könnte eine Chance für afrikanische Länder sein, ihre eigene Agrarproduktion zu steigern, erklärt die Kommissarin für Landwirtschaft der Afrikanischen Union, Josefa Sacko, im Interview mit EURACTIV.

Obwohl sich der Druck auf die globalen Lebensmittelpreise laut Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) inzwischen etwas entspannt hat, war der Einmarsch Russlands in die Ukraine im Februar 2022 für die internationalen Agrarmärkte ein einschneidendes Ereignis.

Da die Ukraine und Russland zusammen einen beträchtlichen Anteil der weltweiten Exporte von Getreide- und Ölsaaten ausmachen, wurden Länder, die auf die Einfuhr von Agrarrohstoffen wie Weizen angewiesen sind, von Unterbrechungen der Lieferungen und raschen Preisanstiegen hart getroffen.

Nordafrikanische Länder wie Ägypten, Algerien oder Tunesien, aber auch Staaten südlich der Sahara wie Nigeria, Kenia und Benin seien besonders betroffen gewesen, erklärte Sacko.

Im Gespräch mit EURACTIV Deutschland am Rande der Berliner Agrarministerkonferenz am Samstag (21. Januar) warnte die Agrarkommissarin der Afrikanischen Union, Nahrungsmittelknappheit und hohe Preise seien für viele afrikanische Länder sozialer Sprengstoff.

„In Afrika sind wir sehr anfällig für solche Konflikte“, sagte sie und verwies auf den Beginn des Arabischen Frühlings in Ägypten, wo die Proteste im Jahr 2010 zunächst durch hohe Brotpreise ausgelöst wurden.

Importe durch eigene Produktion ersetzen

Die vorübergehenden Unterbrechungen der Getreideimporte aufgrund des Ukraine-Krieges könnten für die afrikanischen Länder jedoch auch eine Chance bieten, die landwirtschaftliche Produktion im eigenen Land zu stärken und Importe hierdurch zu ersetzen, betonte Sacko.

„Als politische Entscheidungsträger:innen sollten wir dies als Chance nutzen, um unsere Sichtweise und unsere Herangehensweise zu ändern“, sagte sie. „Schauen Sie sich heute Äthiopien an: Dieses Jahr wird man dort Weizen exportieren, weil man letztes Jahr, als der Krieg begann, angefangen hat, ihn zu produzieren.“

Derzeit gebe Afrika jährlich 45 Milliarden Dollar (41,4 Milliarden Euro) für Lebensmittelimporte aus – Geld, das stattdessen in die Entwicklung des heimischen Agrarsektors fließen könnte.

Aufseiten der EU wird seit Beginn des Krieges häufig argumentiert, Europa müsse nun seine Produktion steigern, um ausfallende Lieferungen aus der Ukraine unter anderem in Afrika zu ersetzen.

Auf die Frage, ob dies der richtige Ansatz sei, antwortete Sacko, auf einem freien internationalen Markt habe Europa das gute Recht, seine Produkte zu exportieren. Allerdings seien die afrikanischen Länder in der Lage, ihre Produkte zu besseren Preisen anzubieten als die europäischen, sobald die Produktion auf dem Kontinent gesteigert werde.

„Wir können den Europäer:innen nicht sagen, sie sollen nicht produzieren. Aber sobald wir anfangen zu produzieren, werden wir wettbewerbsfähig sein – die Menschen werden den Preis sehen“, betonte sie.

Die Afrikanische Union, so Sacko, ermutige daher ihre Mitgliedstaaten, das Potenzial ihrer landwirtschaftlichen Flächen zu nutzen, indem sie in die heimische Produktion investieren und so „Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen.“

Angesichts der Tatsache, dass sich 60 Prozent der weltweit ungenutzten Ackerflächen auf dem afrikanischen Kontinent befinden, bestehe ein großes Potenzial zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion, fügte sie hinzu. „Wir haben das Ökosystem, um Afrika zu ernähren und die Welt zu ernähren.“

Nachhaltigkeitsstandards nur gegen faire Preise

Derweil machen die Ambitionen der EU für eine nachhaltigere Landwirtschaft entsprechend der „Farm to Fork“-Strategie, dem Flaggschiff der EU-Lebensmittelpolitik, vielen Landwirt:innen in Afrika Sorgen – vor allem, weil innerhalb Europas immer mehr Stimmen laut werden, die fordern, in der EU geltende Nachhaltigkeits- und Tierschutzstandards auch auf Importe aus Drittstaaten anzuwenden.

Vor allem Kleinbäuerinnen und Kleinbauern befürchten, dass solche Anforderungen ohne entsprechende Unterstützung bei der Umsetzung der Standards für sie zu einem unüberwindbaren Handelshemmnis werden könnten.

Auf die Debatte angesprochen räumte Sacko ein, dass anspruchsvolle Standards für afrikanische Erzeuger:innen, die nach Europa exportieren wollen, eine Herausforderung darstellen könnten.

Gleichzeitig betonte sie, dass die Anwendung von Standards an sich nichts Negatives sei, dass die Landwirt:innen aber faire internationale Märkte und faire Erzeugerpreise bräuchten, um diese einhalten zu können.

„Standards sind gut, denn wir kämpfen für die Lebensmittelsicherheit, wir wollen qualitativ hochwertige Lebensmittel – man muss standardisieren, wenn man Handel betreibt“, sagte sie. „Aber wir wollen auch ein Mitspracherecht bei der Preisgestaltung haben. Derzeit werden dabei nicht einmal die Produktionskosten berücksichtigt.“

Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet, um die Statistik zu ungenutzten Ackerflächen klarer darzustellen.