Gemeinsame Agrarpolitik: Für Frauen “bleiben größere Hürden”
Obwohl die Förderprogramme der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) formell allen Geschlechtern gleichermaßen zur Verfügung stehen, profitieren Frauen meist weniger als Männer von den Angeboten, erklärt die 1. Vizepräsidentin des Deutschen LandFrauenverbands, Juliane Vees, im Interview.
Obwohl die Förderprogramme der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) formell allen Geschlechtern gleichermaßen zur Verfügung stehen, profitieren Frauen meist weniger als Männer von den Angeboten, erklärt die 1. Vizepräsidentin des Deutschen LandFrauenverbands, Juliane Vees, im Interview mit EURACTIV Deutschland.
Die “Gleichstellung der Geschlechter, einschließlich der Beteiligung von Frauen an der Landwirtschaft” gehört für den Förderzeitraum 2023 bis 2027 zu einem der zehn EU-weiten Hauptziele der Gemeinsamen Agrarpolitik, an denen sich auch die Umsetzung der GAP in den einzelnen Mitgliedstaaten orientieren soll.
Auch in Deutschlands Nationalem GAP-Strategieplan wird die “Gleichstellung aller Geschlechter” als ein Bedarf identifiziert, der mit “hoher Priorität” angegangen werden soll.
Trotz solcher Zusagen auf dem Papier habe der Verband, “nachdem wir das seit Jahren begleiten und genauer hingeschaut haben, festgestellt, dass es in der Umsetzung vor Ort dann doch für Frauen größere Hürden gibt”, so Vees, die in Baden-Württemberg selbst als Landwirtin tätig ist.
Ein entscheidendes Problem aus Sicht des Verbands: Finanzielle Förderprogramme innerhalb der GAP, sowohl für die Landwirtschaft als auch die Entwicklung ländlicher Regionen, seien oft nicht auf die Bedürfnisse und Präferenzen von Frauen zugeschnitten.
So schrecke das hohe Finanzvolumen vieler Fördermaßnahmen Frauen oft ab, die Angebote in Anspruch zu nehmen.
“Sie fangen lieber niedrigschwellig und kleiner an, um dann zu schauen: Funktioniert ein Projekt? Erst dann möchten sie die nächsten Schritte gehen”, erklärte Vees. Ein solcher Stufenansatz sei aber in den meisten Programmen nicht vorgesehen.
Bei Programmen wie der Agrarinvestitionsförderung (AFP), die Investitionen in Maschinen, neue Anlagen oder Modernisierungsmaßnahmen erleichtern soll, kämen Frauen dementsprechend häufig “gar nicht auf die Idee, einen eigenen Antrag zu stellen.”
Hier müssten im Design der Programme deshalb Einstiegsbarrieren gesenkt werden.
Betriebsleiter ist meist der Mann
Auch werden die Investitionsförderung und andere GAP-Zuschüsse häufig auf der Betriebsebene abgewickelt, laufen also über den Betriebsleiter beziehungsweise Hofbesitzer, so Vees. “Und das ist in der Regel der Mann.”
In vielen Fällen hätten Frauen daher gar keinen direkten Zugriff auf Fördermittel, und auch Projekte, die auf dem Hof von Frauen konzipiert und umgesetzt würden, würden über den – männlichen – Betriebsleiter angemeldet, erklärte sie.
Frauen “sind auf dem Papier nicht sichtbar, nicht antragsberechtigt, und der Gewinn und finanzielle Vorteil, der am Ende des Tages daraus erwächst, liegt nicht bei ihnen.”
Nur elf Prozent der Höfe in Deutschland wurden laut der Landwirtschaftszählung 2020 von Frauen geführt.
Die mangelnde finanzielle Absicherung der einheiratenden, oft weiblichen,
Ehepartner:innen sowie fehlende Gleichstellung innerhalb des Besitzes führe außerdem dazu, dass Frauen, die beispielsweise einen familiengeführten Hof aufgrund von Scheidung verlassen müssen, “oft mit nichts davongehen”, so Vees.
Auch in der jungen Generation sieht die Situation nicht wesentlich ausgewogener aus – nur 18 Prozent der Hofnachfolger:innen sind weiblich.
In ihrem Beobachtungsschreiben zum von Deutschland eingereichten Strategieplan war auch die EU-Kommission zu dem Schluss gekommen, die Bundesrepublik müsse mit dem Plan Themen wie den “Einkommensunterschieden zwischen den Geschlechtern” oder “dem Geschlechtergefälle bei den Betriebsleitern, insbesondere Junglandwirten” stärker Rechnung tragen.
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Bildung und Beratung
Hierzu braucht es laut Vees zunächst mehr Sensibilisierung, was die Rolle der Frauen auf den Höfen angeht. Den Mann als Betriebsleiter einzutragen, beispielsweise, sei meist gar keine bewusste Entscheidung, sondern einfach “von vornherein kein Thema”, erklärte sie.
Den öffentlichen Institutionen müsse es deshalb darum gehen, “den Frauen mehr Informationen zu geben – aber auch den Männern.”
Außerdem müssten aus Sicht der LandFrauen Bildungs- und Beratungsangebote stärker darauf zugeschnitten werden, Frauen bei der Existenzgründung, aber auch beim Quereinstieg in die Landwirtschaft zu unterstützen.
Auch die landwirtschaftliche Familienberatung solle aus Sicht der Organisation stärker gefördert werden, erklärte Vees – beispielsweise über die sogenannte zweite Säule der GAP, über die die ländliche Entwicklung gefördert wird.
Wie die Gelder der zweiten Säule im Einzelnen verteilt werden, entscheiden in Deutschland zum großen Teil die Bundesländer.
Nachdem auf Bundesebene Deutschlands Strategieplan für die Umsetzung der reformierten GAP bereits Anfang des Jahres in Brüssel eingereicht wurde und aktuell kurz vor der Genehmigung stehen dürfte, ist es dieser Handlungsspielraum der Bundesländer, den Vees in den nächsten Monaten als entscheidende Stellschraube sieht.
“Wir hoffen sehr, dass die Bundesländer in der Ausgestaltung ihrer zweiten Säule nochmal was draufpacken und das Themenfeld Geschlechtergerechtigkeit in der GAP stärker besetzen”, betonte sie.
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Beteiligung an Entscheidungsprozessen
Neben dem Inhalt der Förderprogramme geht es aus Sicht des LandFrauenverbands dabei auch darum, Frauen an den Entscheidungsprozessen für die Vergabe der Gelder auf regionaler und lokaler Ebene stärker zu beteiligen.
So fordert der Verband eine Frauenquote von mindestens 30, besser 40 Prozent in den Begleitausschüssen für die Vergabe der Gelder aus dem LEADER-Programm für die ländliche Entwicklung.
Die LEADER-Fördergelder werden über sogenannte lokale Aktionsgruppen vor Ort vergeben, die entscheiden, welche Art von Projekten in einer Region durch die EU-Gelder gefördert werden sollen.
“Wir sehen einfach ganz klar: Wenn Regionen in den Begleitgremien zu wenige Frauen haben, dann sind die Themenfelder und die Bereiche, die Zuschüsse bekommen über LEADER natürlich auch stärker von Männern geprägt”, erklärte Vees.
Letztlich habe sich die GAP in Sachen Geschlechtergerechtigkeit zwar mit der jüngsten Reform in die richtige Richtung bewegt, sei aber noch lange nicht am Ende der Möglichkeiten angekommen, betonte sie.
“Gleichstellung auf dem Papier ist schön und gut, muss aber jetzt auch umgesetzt werden. Sonst wird die Landflucht unter jungen Frauen stärker werden.”