EU-Satellitenzentrum laut dessen Chef durch Krisen "überlastet"

Das EU-Satellitenzentrum (SatCen), das für die Analyse von Satellitenbildern aus Krisengebieten zuständig ist, ist überfordert. Laut dem Direktor des Zentrums, Sorin Ducaru, wäre weitere Ressourcen nötig, um den gesteigerten Anforderungen gerecht zu werden.

Euractiv.com
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Mit den neuen Missionen und Operationen der EU in Moldawien, den neuen Aufgaben im Zusammenhang mit Russlands Krieg in der Ukraine, zuletzt im Roten Meer und jenseits der EU-Grenzen bis hin zum Südchinesischen Meer hat sich der Aufgabenbereich des Zentrums erheblich erweitert. Damit soll "einer neuen Realität Rechnung getragen werden." [European Union Satellite Center]

Das EU-Satellitenzentrum (SatCen), das für die Analyse von Satellitenbildern aus Krisengebieten zuständig ist, ist überfordert. Laut dem Direktor des Zentrums, Sorin Ducaru, wäre weitere Ressourcen nötig, um den gesteigerten Anforderungen gerecht zu werden. 

Das in Spanien ansässige SatCen ist seit Beginn des Krieges in der Ukraine für die Entschlüsselung von Satellitenbildern aus Krisengebieten für den diplomatischen Dienst der EU (EAD), die EU-Mitgliedstaaten, die EU-Agenturen und für Drittländer wie die Ukraine zuständig.

„In zehn Jahren hat sich der Output an Analyseprodukten verzehnfacht und damit auch ihre Komplexität, die Liefergeschwindigkeit und die Qualitätserwartungen“, erklärte Ducaru in einem Interview.

„Aber ich muss ehrlich sein und zugeben, dass wir unsere Ressourcen überstrapaziert haben, um der Nachfrage gerecht zu werden, und man kann sogar sagen, dass wir Schulden bei der Zukunft gemacht haben.“

Ducaru sagte, er habe die Frage der Nachhaltigkeit des Zentrums im August mit den EU-Ministern besprochen. Diese hätten vereinbart, die Prioritäten, Arbeitsabläufe und Prozesse des Zentrums bis zum nächsten Sommer zu überdenken.

„Eine der Herausforderungen besteht darin, wie die Reaktion auf die gestiegene Nachfrage nachhaltig gestaltet werden kann“, so Ducaru.

Neue Krisen, neue Aufgaben

Er erläuterte, dass sich die Anforderungen verändert haben, insbesondere was die Schnelligkeit und Qualität der geforderten Dienstleistungen betrifft.

Mit den neuen Missionen und Operationen der EU in Moldawien, den neuen Aufgaben im Zusammenhang mit Russlands Krieg in der Ukraine, zuletzt im Roten Meer und jenseits der EU-Grenzen bis hin zum Südchinesischen Meer hat sich der Aufgabenbereich des Zentrums erheblich erweitert. Damit soll „einer neuen Realität Rechnung getragen werden.“

„Schwerpunktbereiche sind die europäische Nachbarschaft, das Mittelmeer und das Schwarze Meer, der Nahe Osten und die Grenzsicherheit der EU im Rahmen der Unterstützung von Frontex. Aber es ist sehr schwer, eine Liste [zu erstellen], weil sie so vielfältig sind“, antwortete Ducaru auf die Frage nach den aktuellen Interessenschwerpunkten des Zentrums.

„Wurde eine Rakete von Nordkorea gestartet? Welche Neuigkeiten gibt es an den Grenzen für Frontex? Was passiert im Schwarzen Meer? Und in der Ukraine? Im Nahen Osten? Also alles, was zu einem bestimmten Zeitpunkt von zentralem Interesse ist.“

Eine der wichtigsten Änderungen bei den Aufgaben des Zentrums ist die „Priorität der maritimen Sicherheit.“ Diese ist zu einem Thema von „wachsender Bedeutung“ geworden. Die EU-Außenminister haben eine überarbeitete Strategie gebilligt, die das Bewusstsein für den maritimen Bereich verbessern und die Aktivitäten der Küstenwache stärken soll.

Ducaru sagte, das künftige Zentrum werde sich stärker auf dieses Thema konzentrieren und einen umfassenderen Ansatz verfolgen, anstatt es nur ad hoc zu behandeln.

Darüber hinaus soll ein spezieller Arbeitsbereich für neue Themen wie die Klimasicherheit und die Auswirkungen des Klimawandels auf Sicherheitsfragen geschaffen werden. Außerdem soll es spezielle Teams für Grenzsicherheit, Massenvernichtungswaffen und Nichtverbreitung geben.

Personal- und Budgetengpässe

Nachdem das Zentrum fast zehn Jahre lang mit demselben Budget, demselben Personal und denselben wenigen Einrichtungen gearbeitet hat, wurde es im letzten Jahr finanziell aufgestockt und hat neue Einrichtungen erhalten. Doch das in Madrid ansässige Zentrum arbeitet inzwischen wieder an der Grenze des Möglichen, warnte Ducaru.

„Wir mussten die Regeln für die Übertragung von Urlaubstagen der Mitarbeiter des Zentrums ändern, damit die Mitarbeiter, die freiwillig am Wochenende arbeiten, ihren Urlaubsanspruch nicht verlieren […], weil es immer Druck gibt und etwas [Dringendes] zu tun ist“, erklärte Ducaru.

Das Zentrum hatte immer geplant, dass die Mitarbeiter an den Wochenenden arbeiten, „aber vielleicht 20 Prozent der Wochenenden, nicht 80 Prozent“, beklagte er. Er deutete an, dass das derzeitige Maß nicht mehr tragbar ist.

Neue Technologien werden erwartet

Ein großer Teil der Strategie des Zentrums hängt davon ab, Zugang zu neuen Technologien zu erhalten, um neue Arten von Analysen durchführen zu können.

„In Zukunft könnten wir auch Daten von Fernsensoren an Ballons und Drohnen in der Stratosphäre verwenden“, erklärte Ducaru.

Bislang stützte man sich auf optische und Radarsatelliten sowie auf Multispektrumsensoren mit Infrarot-Nachtsicht. Aber „wir werden wahrscheinlich auch Informationen von neuen Sensoren nutzen“, sagte er, „und die Vorteile von Satellitenkonstellationen nutzen, um unsere Bilder von bestimmten Gebieten alle paar Stunden zu aktualisieren […] das ist die Zukunft.“

[Bearbeitet von Alexandra Brzozowski/Zoran Radosavljevic]